Meilen

Wenn Hunde psychisch Kranken helfen

Therapiehunde vermitteln Menschen in oft schwierigen Situationen Ruhe und Zuneigung. Auch in der psychiatrischen Klinik Hohenegg in Meilen ist ein solcher Hund im Einsatz. Mischling Seven hat eine ganz spezielle Geschichte.

Kuscheln und sich streicheln lassen gehört für Therapiehündin Seven zum Job.

Kuscheln und sich streicheln lassen gehört für Therapiehündin Seven zum Job. Bild: Manuela Matt

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Seven winselt leicht. Die Hündin mit dem rötblichbraunen Fell und den lustig wippenden Ohren schmiegt sich an Martin Pauli*, neben dem sie auf dem Sofa sitzt. Mit einem Blick, der jedes Herz sogleich zum Schmelzen bringt, hebt sie den Kopf und heischt um mehr Streicheleinheiten. Der junge Mann, der wegen einer Erschöpfungsdepression in der Klinik Hohenegg weilt, lässt sich nicht zweimal bitten. Ein glückliches Lächeln breitet sich auf seinem Gesicht aus, während er mit seiner Hand durch das weiche Hundefell fährt. Nun ist auch Seven zufrieden: Sie legt den Kopf auf das Bein von Martin Pauli und seufzt wohlig.

Schmusen und sich streicheln lassen, das ist für Seven Teil ihres Jobs. Eigentlich sind Hunde auf der Hohenegg verboten, aber bei der kniehohen Mischlingsdame macht die psychiatrische Klinik eine Ausnahme. Sie ist sozusagen beruflich hier: Seven ist ein zertifizierter Therapiehund. Auch die Stunde mit Pauli ist Teil einer Therapie – für den Patienten ist es die erste Stunde mit Seven. Damit jeder weiss, dass die Hündin einen Auftrag zu erfüllen hat, trägt sie Arbeitskleidung: Eine rote Weste, auf der «Therapiehund im Einsatz» steht und dazu eine offizielle Marke. Doch Seven würde nur halb so gute Arbeit leisten ohne Susanna Leemann. Gemeinsam mit ihrer Halterin bildet sie ein Team, das bereits 110 Therapie-Einsätze geleistet hat. Zwei Mal in der Woche besuchen die beiden einen Patienten in der Klinik.

Trotz Hundeverbot ein Teil der psychiatrischen Klinik: Für die Mischlingsdame Seven macht man in der Hohenegg gerne eine Ausnahme. Bild: Manuela Matt.

Zertifikat gemacht

«Eigentlich wollte ich nach meinem letzten Hund gar keinen Hund mehr», erzählt Susanna Leemann. Über die Zürcher Tiers-Ambulanz stiess sie dann aber auf einen Strassenhund aus Barcelona. «Seven war in einem katastrophalen Zustand, aber mein Mann sagte, der Hund hat Potential», erinnert sich die Küsnachterin. So nahm das Paar das acht Monate alte Häufchen Elend doch mit nach Hause – und Leemanns Mann sollte recht behalten. Vielleicht ist gerade Sevens tragische Geschichte der Schlüssel zum einfühlsamen Charakter des Hundes. «Manchmal habe ich fast das Gefühl, sie ist dankbar», mutmasst Susanna Leemann.

Durch eine befreundete Hundehalterin kam die 53-Jährige zum Thema Therapiehund und besuchte mit Seven die Senioren in einem Küsnachter Pflegeheim. Auch die sechsmonatige Ausbildung des Vereins «Therapiehunde Schweiz» absolvierte die Hundeführerin mit ihrem Vierbeiner. Dank bestandener Abschlussprüfung ist die inzwischen sechsjährige Seven ein zertifizierter Therapiehund. «Die Hunde müssen sehr nervenstark sein», erzählt Leemann. Man müsse sich zu 200 Prozent auf sie verlassen können. Seven hat dazu noch eine besondere Begabung. «Sie merkt, wenn es jemandem nicht gut geht», erzählt Leemann. So habe sie vor Kurzem Freunde getroffen und die Hündin sei den ganzen Abend bei derselben ihr zuvor unbekannten Frau gelegen. Erst im Nachhinein erfuhr Susanna Leemann, dass die Frau in einer schweren Lebenskrise steckt. Seven wird ihrem Namen gerecht: Sie hat offensichtlich einen siebten Sinn dafür, was in Menschen vorgeht.

«Die anderen Hunde, meist Labrador Retriever, haben in der Ausbildung oft den Clown gemacht», erinnert sich Leemann. Seven hingegen habe sich einfach ruhig zu den Menschen hingelegt. «Sie weiss genau, dass der Patient die Hauptperson ist», erzählt die Hundehalterin. Ihr Blick werde dann leicht verträumt, ganz lieb eben.

Wenn der eigene Hund fehlt

Besonders intensiv war die Therapie bei einer Patientin mit einem schweren Burnout: Über acht Wochen besuchten Susanna Leemann und Seven die Patientin. Anfangs sei die Frau bettlägerig und apathisch gewesen. Seven verbrachte entsprechend viel Zeit auf dem Bett bei der Frau. «Der Patient soll den Hund körperlich spüren, ihm über die Wirbelsäule fahren können», schildert Leemann, wie die Therapiesitzungen abliefen. «Die Patientin ist dann immer fröhlicher geworden.»

«Der Patient soll den Hund körperlich spüren, ihm über die Wirbelsäule fahren können.»Susanna Leemann

Doch die Hundetherapie findet nicht nur gemütlich auf dem Sofa statt. Bevor Susanna Leemann mit Martin Pauli im Aufenthaltsraum einen Kaffee trinkt, sind Patient und Hundehalterin draussen unterwegs. Leemann drückt Pauli bei der Begrüssung sogleich die Leine in die Hand und sagt ohne Umschweife: «Nehmen Sie den Hund.» Auf der Runde um die Klinik entspinnt sich erst zögerlich, dann immer flüssiger ein Gespräch. Der junge Mann erzählt von seinen eigenen Hunden, zwei Chihuahuas, die sich auf dem Bett schon einmal darum balgen, wer besonders nahe beim Herrchen liegen darf. Er ist nicht der einzige in der Hohenegg, dem die heimischen Vierbeiner fehlen. «Die meisten meiner Patienten sind selbst Hundebesitzer», sagt Susanna Leemann.

Ein Hund bedeutet Struktur

Für Pauli war aber auch der Spaziergang an der frischen Luft ein wichtiger Grund, sich für die Hundetherapie anzumelden. «Sonst würde ich wahrscheinlich nicht rausgehen», sagt er mit einem entschuldigenden Lächeln. «Hunde bringen Struktur in den Alltag», ergänzt Leemann. Sie weiss, wovon sie spricht, hatte sie doch früher selbst psychische Probleme: «Nun ist Seven meine beste Therapie.» Und wird Martin Pauli wieder eine Termin mit Susanna Leemann und Seven wahrnehmen? «Ich denke schon», sagt er.

Zwischen dem Patienten und Seven hat sich bereits ein Vertrauensverhältnis entwickelt – so wie es bei der Hundetherapie mit Seven bislang immer der Fall war.

*Name von der Redaktion geändert (Zürichsee-Zeitung)

Erstellt: 12.02.2018, 15:44 Uhr

Anspruchsvolle Ausbildung

Seit 1992 bildet der Verein «Therapiehunde Schweiz» Therapiehunde und deren Hundeführer aus. Dabei handelt es sich um Privatpersonen, die als Freiwillige unentgeltlich im Einsatz sind. Ausser einem offenen, menschenfreundlichen Wesen müssen die Tiere auch über einen gewissen Grundgehorsam verfügen und mit anderen Hunden verträglich sein. Ob Rassehund oder Mischling spielt dabei keine Rolle, auch die Grösse ist nicht ausschlaggebend: So haben auch schon ein Chihuahua und ein Bernhardiner die Ausbildung absolviert.

Durch einen Eintrittstest stellt der Verein sicher, dass nur geeignete Hunde beziehungsweise Hundehalter ausgebildet werden. Während der Ausbildung werden die Hunde mit allem, was ihnen begegnen könnte, vertraut gemacht: Etwa mit Rollstühlen oder glatten Krankenhausböden. Zudem lernen sie, sich von fremden Menschen anfassen zu lassen, auch auf ungeschickte Art. Auch der Hundeführer wird geschult, etwa in der Gesprächsführung mit Gehörlosen oder bezüglich Hygieneaspekten. Bevor ein Hundehalter mit seinem Hund das Therapiehunde-Zertifikat erhält, müssen zwei praktische und eine theoretische Prüfung abgelegt werden.(red)

Mehr Infos: www.therapiehunde.ch

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