Küsnacht

Wenn ein Speed-Dating in der Bibliothek über die Bühne geht

14 Frauen, sieben Zweiertische und mit der Literatur ein Gesprächsthema in seiner unermesslichen Fülle: Dies zeichnete das «Speed-Dating mit Büchern» in der Bibliothek Küsnacht aus, der erstmals stattgefunden hat.

Buchtipps auf eine persönliche Art: Zwei Teilnehmerinnen stellen sich in der Küsnachter Bibliothek Bücher vor, um sich gegenseitig zum Lesen zu animieren.

Buchtipps auf eine persönliche Art: Zwei Teilnehmerinnen stellen sich in der Küsnachter Bibliothek Bücher vor, um sich gegenseitig zum Lesen zu animieren. Bild: David Baer

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«Und dann kommt er nach Hause und entdeckt an seinem Smartmeter eigenartige Codes»: Die sportlich wirkende Frau holt Luft, den Blick fest auf ihr Gegenüber gerichtet. «Da wird ihm klar, dass das Stromnetz gehackt wurde.» Immer ernster wird ihre Miene, die Ergriffenheit legt sich mit lebendiger Röte über ihr Gesicht, als sie eine Kaskade von Horrorbeschreibungen folgen lässt: Wasser und Nahrung würden knapp, die Kühe nicht mehr gemolken, nach sieben Tagen bürgerkriegsähnliche Zustände herrschen.«Haarsträubend! Die Menschen werden nach kurzer Zeit primitiv», resümiert sie. Ihre Zuhörerin folgt gebannt den Beschreibungen. «Spannend!», urteilt sie und greift prüfenden Blickes nach dem wuchtigen Buch vor ihr.

Am Zufall liegt es, dass ihr der vergangene Dienstagabend eine Diskussion über das Zukunftsszenario einbringt, das der Autor Mark Elsberg in seinem Roman «Blackout» entwirft. Und doch, so ganz zufällig ist das Zusammentreffen mit ihrer Gesprächspartnerin in einer Ecke der Bibliothek Küsnacht auch wieder nicht. Wie zwölf weitere Lesebegeisterte – allesamt Frauen mittleren Alters – haben sich die beiden für eine Veranstaltung angemeldet, die für die Örtlichkeit im Höchhus eine Neuheit ist: Das «Speed-Dating mit Büchern».

Gesprächspartner per Los

Dieses hat indes nichts mit einer Partnersuche zu tun, die sich auf literarischen Umwegen entwickeln soll. Ähnlich jedoch wie bei den Anlässen zum Zweck der Bildung neuen Liebesglücks sitzen sich am Dienstagabend je zwei Teilnehmerinnen an kleinen Tischen gegenüber – wer mit wem, bestimmt das Los. Und auch hier gilt es, dem, beziehungsweise der anderen idealerweise etwas schmackhaft zu machen. Wenn auch nicht die eigenen Qualitäten als Lebenspartner, so doch die Qualitäten von Büchern: Sei es um der spannenden Sprache oder der präzisen Darstellung der Charaktere willen. Sei es wegen philosophischer Fragestellungen, die sich vom Protagonisten auf den Leser übertragen. Sei es wegen der «poetischen Stärke», die in die Stimmung einer aus Raum und Zeit fernen Gesellschaft eintauchen lasse.

So referiert in einer anderen Ecke Teilnehmerin Maja Elaine Kröninger darüber, wie der Sozialismus die Figuren ihres Buches zu «Rädern im Sowjetbetrieb» macht. Das Buch «Suleika öffnet die Augen» von Gusel Jachina hat offenbar auch ihr die Augen geöffnet. «Sehr beeindruckend», sagt sie öfters, immer wieder unterstrichen von einer anerkennenden Geste in Richtung des mehr als 500 Seiten starken Werks auf dem Tisch. Mit ihrer Buchempfehlung liegt sie bei Josiane Meyer, ihrem Gegenüber, gerade richtig. Ihr Grossvater sei in Moskau aufgewachsen, sie selber habe in jungen Jahren einer DDR-Bürgerin Briefe geschrieben, sagt diese. Drei Jahre vor dem Mauerfall habe sie sie in Leipzig besucht.

Gestenreiches Fachsimpeln

Und so mäandert das Gespräch der Frauen vom Buch weg zu den Erfahrungen mit der ostdeutschen Gesellschaft, weiter zu Dostojewski und zum Lehrerberuf, der die beiden verbindet. Das Buch «Wunder» von Raquel Palacio, das Meyer mitgebracht hat, stösst jedenfalls auch bei Kröninger auf Interesse, sei es doch «ein Jugendbuch für Erwachsene». Kaum nehmen die beiden den Laut der Glocke wahr, der das Ende der Veranstaltung anzeigt – wie das Läuten zuvor eine Neuzusammenstellung der Gesprächspaare bedeutet hat. Auch am Nebentisch wird noch gestenreich über Bücher gefachsimpelt.

Die beiden Bibliothekarinnen Ilka Allenspach und Angela Kramer, die durch den Anlass geführt haben, zeigen sich zufrieden mit dem Ablauf des Abends. Man sei mit dem Team bei einem Personalausflug zu der Idee inspiriert worden und habe sie für den Austausch persönlicher Lesetipps in Küsnacht einmal ausprobieren wollen. «Nun werden wir besprechen, ob es weitere Durchführungen geben soll», sagt Allenspach. Die positiven Äusserungen der Teilnehmenden würden dem zumindest nicht entgegenstehen.

Tatsächlich geben alle Befragten an, das eine oder andere Buch, das ihnen vorgestellt worden sei, lesen zu wollen. «Ich komme wieder», sagt Kröninger, stellvertretend für weitere der dabei gewesenen Vielleserinnen – bevor sie als eine der Letzten den Raum verlässt. (Zürichsee-Zeitung)

Erstellt: 30.08.2018, 14:39 Uhr

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