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Wenn aus Carlos Carla wird

Schillers Drama «Don Carlos» wird im Statttheater in Stäfa zu «Carla», alle Geschlechter sind vertauscht. Ob das gut geht? Die Premiere hat gezeigt, dass sich das Wagnis gelohnt hat.

Die Sturm-und-Drang-Auftritte der Prinzessin Carla bringt Chantal Hüni eindrücklich auf die Bühne und auf den Tisch.
Die Sturm-und-Drang-Auftritte der Prinzessin Carla bringt Chantal Hüni eindrücklich auf die Bühne und auf den Tisch.
Michael Trost

Ausgerechnet «Don Carlos» hat sich Regisseur Michael Schwyter in der neuen Produktion des Statttheaters vorgenommen. Da schrecken mitunter grosse Häuser vor der Aufführung von Friedrich Schillers Drama über Macht und Liebe, Eifersucht und Intrige zurück. Letzten Herbst hat das Ensemble des Theaters Kanton Zürich das Stück erstmals auf die Bühne gebracht, und der Regisseur liess sich in dieser Zeitung zitieren, er habe das Ensemble für diese grosse Aufgabe.

Nun, sein Stäfner Kollege hat seinem Ensemble diese Aufgabe auch zugetraut. Nur fehlte ihm ein Schauspieler für die Rolle des Kronprinzen Don Carlos. Die ideale Besetzung wäre das Talent Florian Voigt gewesen, doch der absolviert gerade eine Ausbildung am Teatro Dimitri. Also lässt Schwyter die 28-jährige Chantal Hüni die Prinzessin Carla spielen. Und wagt es, in diesem Klassiker alle männlichen Figuren von weiblichen Darstellern verkörpern zu lassen.

Zeitlose Aktualität

Ansonsten hat er das Stück originalgetreu inszeniert. Schillers Sprache ist allerdings mit einigen Ausdrücken aus der Neuzeit gespickt, sie wirken aber aus dem Mund der jungen Darsteller nicht daneben, sondern bewirken an der Premiere im Statttheater gar Lacher im Publikum. Dieses sitzt mittendrin auf der Bühne, die auf diese Weise mehrere Plattformen für die Spieler bietet.

Und all die Handys und Laptops im Stück, die ihre Besitzer ad absurdum mitführen, bedienen und mit denen sie kommunizieren? Sie stehen für das ständige Hin und Her von Briefen, die es zur Zeit der Uraufführung 1787 nur in Papierform gab. Der lose Umgang mit den mobilen Endgeräten führt im Stück zu Missverständnissen, Verrat und fast zum Umsturz einer Regierung und macht das über 200-jährige Drama aktueller denn je.

Das Stück ist rasch zusammengefasst: Vordergründig geht es um politisch-gesellschaftliche Konflikte, nämlich die Anfänge des Achtzigjährigen Kriegs, in dem die niederländischen Provinzen ihre Unabhängigkeit von Spanien erkämpften. Nebenschauplatz sind die privaten Intrigen am Hofe von Philipp II. (1556–1598). In der Stäfner Variante tritt Karin Oswald als Königin auf. Diese hat den Geliebten ihrer Tochter Carla geehelicht, aus machtpolitischen Gründen, wie man sagen würde. Carla ist ausser sich vor Liebesschmerz. Chantal Hüni vollführt perfekt mit ihrer burschikosen Art die Sturm-und-Drang-Auftritte der Prinzessin, lautstark mimt sie die Rebellin gegen die eigene Mutter. Sie trägt als Einzige mit jedem Erscheinen ein anderes Outfit, mal verführerisch, mal verspielt. Es sind Hünis persönliche Kleider, die sie für ihre Rolle ausgewählt hat. «Das gehört doch zu einer Prinzessin, die nicht kämpfen darf und sich nur noch um ihre Garderobe kümmert», plauderte sie nach der Premiere aus.

Kurze Lieder tun gut

Carlas Jugendfreundin Posa (Samantha Hofmann) möchte diese aus den Fängen der Mutter befreien und sie nach Flandern locken. Dort soll Carla von der Königin als Statthalterin eingesetzt werden und so dem Volk die Unabhängigkeit von Spanien gewähren, ohne Blutvergiessen. Doch nichts läuft so, wie es sollte. Carla ist mit dem Werben um den König und Stiefvater beschäftigt und verfällt den Intrigen von Eboli (Patryk Becker), der sie liebt. Die Königin durchschaut den Plan von Carla und Posa und schickt dafür die für ihre Brutalität bekannte Alba (Jasmin Gloor) nach Flandern. Die Zeit ist noch nicht reif, dass die Figuren ihr eigenes Leben bestimmen können. Der freiheitliche Geist wird ausgelöscht, als wärs eine Kerzenflamme. Da tun die kurzen Lieder, mit denen Jale Tümer die emotionalen Szenen kommentiert, richtig gut.

Weitere Spieldaten im Statttheater Stäfa, Bahnhofstr. 52: um 20 Uhr am 18., 20., 27./28. Januar; um 17 Uhr am 22. und 29. Januar. Reservation unter Telefon 077 423 52 40.

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