Weinbau

Jetzt kommt die sanfte Öko-Revolution im Rebberg

Die Winzer am Zürichsee setzen vermehrt auf Rebsorten, die gegen Pilze und Krankheiten natürliche Abwehrkräfte besitzen. Das spart den Einsatz von Spritzmitteln.

Der Küsnachter Winzer Diederik Michel setzt im Dorfzentrum ganz auf Reben, die kaum mehr gespritzt werden müssen.

Der Küsnachter Winzer Diederik Michel setzt im Dorfzentrum ganz auf Reben, die kaum mehr gespritzt werden müssen. Bild: Patrick Gutenberg

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Sauvignac, Muscaris, Solaris, Souvigner Gris, Cabernet Jura, Divico: Der Weinbau erlebt derzeit eine kleine Revolution. Neue Namen tauchen auf den Flaschenetiketten auf. Es sind Piwi-Sorten – pilzwiderstandsfähige Reben, die genetisch die gefürchteten Krankheiten Botrytis, Falschen und Echten Mehltau abwehren. Davon profitieren die Natur und die Winzer. Denn die Piwi-Sorten sparen mehr als die Hälfte an Spritzmitteln, es braucht weniger Traktorfahrten im Rebberg. Dies wiederum mindert den Energieaufwand und die Bodenbelastung.

Doch aller Anfang ist schwer. Vor allem braucht es zunächst Mehrarbeit, die Bereitschaft zu vorübergehenden Mindererträgen und Vertrauen in die Konsumenten. Diese Risiken ist Diederik Michel eingegangen. Der 46-jährige Ing. Oenologe aus Küsnacht bewirtschaftet 3,8 Hektar Rebland. 0,6 Hektar auf dem Land zwischen reformierter Kirche und Kantonsschule stellt er seit zwei Jahren auf multiresistente Sorten um.

Die Sauvignac-Trauben sind an diesem Tag dran, auch der Cabernet Blanc ist reif für den Wümmet. Das Laienauge erkennt keinen Unterschied, ausser dass an den Rebstämmen noch die Verbandschleife vom Aufpfropfen hängen.

Austausch in drei Etappen

Hier hat der Küsnachter mit der Umstellung vor zwei Jahren begonnen. Damals übernahm er die Pacht für die Parzelle mitten im Dorf, für die sogenannten Seminarreben. «Ich habe die Entwicklung der Piwi-Sorten schon lange beobachtet, das hier war der richtige Ort, um mit ihnen zu beginnen», sagt Michel. «So nahe am Schulgebäude ist es absurd, bis zu achtmal im Jahr Spritzmittel einzusetzen.»

Diederik Michel erntet erstmals in den Seminarreben Piwi-Trauben von Sauvignac und Cabernet Blanc.

Den Blauburgunder und Riesling-Silvaner auf dem 60 Are messenden Land tauscht er in drei Jahresetappen gegen die weissen Weinsorten Sauvignac, Cabernet Blanc und Muscaris aus. Dazu pfropft er im Juni eine Knospe der neuen Sorten im alten Stamm auf. Daraus wächst noch im Sommer ein neuer Trieb, jedoch noch ohne Früchte. Die kommen erst im nächsten Jahr und werden jetzt in den Seminarreben erstmals geerntet. Das heisst, dass auch im zweiten Drittel des Küsnachter Dorf-Rebbergs schon Piwi-Sorten wachsen, aber in diesem Jahr noch keine Trauben tragen.

«Die dritte Etappe kommt im nächsten Juni dran, dann ist alles umgestellt», sagt Michel. Dann stehen hier überall dreiteteilige Reben: Zuunterst die gegen Rebläuse resistente bekannte Amerikanische Wurzel, darauf aufgepfropft Blauburgunder, die veredelte Rebe wurde an dieser Lage 1993 gepflanzt. Neu ragt daraus zuoberst ein frisch aufgepfropfter Piwi-Zweig mit Trauben. Dieser Trieb wird fortan für die weitere Kultivierung genutzt und jedes Jahr neu geschnitten, während der alte Stammkopf gekappt wird. Standortveredelung nennt das der Fachmann.

Verwandte Namen

Michel spricht lieber von «robusten Sorten» als von Piwi-Reben. «Das ist ein unmöglicher Name, aber immerhin hat man den Sorten jetzt Namen gegeben statt nur Buchstaben- und Zahlen.» Die neuen Namen lehnen sich nicht grundlos an bekannte an. «Geschmackliche Verwandtschaft», nennt es der Winzer.

Michel wird in Zukunft nur noch selten und wohl nur noch zur Blütezeit im Juni spritzen. Und wenn, dann wird er Mittel einsetzen, die keine bedenklichen Rückstände zurücklassen, Backpulver zum Beispiel. «Die Behandlung der Reben ist der ungeliebteste Teil unseres Berufs», sagt er. Ausserdem kostet dies Zeit und Geld. «Ich bin megahappy mit dem Sauvignac, der hat schon Vollertrag», kommentiert er das Ernteergebnis. Dank des sichtbar lockereren Beerenwuchs in der Traube trocknet der Wind die Feuchtigkeit und verhindert so den Pilzbefall. Darum könnte er sich vorstellen, im Gegensatz zu den herkömmlichen Sorten drei statt nur zwei Trauben pro Trieb reifen zu lassen, was dieselbe Menge ergibt und daher den Zuckergehalt der Rebe in der Waage hält.

Die Schleife zeigt, wo die Piwi-Rebe aufgepropft wurde.

«Ich muss immer noch lernen», sagt der Küsnachter, der nun auch mit dem Geschmack zufrieden ist. Dank ständiger Weiterentwicklung haben die Piwi-Sorten ihren grössten Makel verloren. Bei den anfänglichen Züchtungen sei nämlich immer noch die herb-saure Note der «Urgrossmutter», der amerikanischen Rebe, durchgedrungen. «Katzenseicherli – unmöglich zum Keltern», sagt Michel. Nach Mehrfachkreuzungen setzten sich im Laufe der Jahre jedoch die bekömmlichen Aromen der europäischen Reben durch.

Und doch ein Verlierer

Ob Diederik Michel alle Reben auf seinen 3,8 Hektare auf Piwi-Sorten umstellt, ist ungewiss. «Es wäre schade um gewisse Sorten wie Räuschling, der einfach zu unserer Region gehört», sagt er. Auch wartet er ab, bis die roten Weine aus den neuen Pflanzen seinen Vorstellungen entsprechen. «Das wichtigste Argument, ob die Umstellung erfolgreich ist, wird der Wein sein.» Denn am Ende muss auch der Konsument von der umweltschonenden Anbaumethode überzeugt werden. «Ich bin sicher, dass wir den Geschmack unserer Kundinnen und Kunden treffen werden», ist er zuversichtlich. Erstmals auf die Verkaufsprobe gestellt wird der 2019er aus seinem Betrieb. Im neuen Cuvé blanche werden sich Sauvignac und Cabernet blanc mit Riesling-Silvaner, vereinigen: zwei neue und eine alte Sorte.

Einen Verlierer gibt es dennoch in den Seminarreben von Küsnacht: Die Kirschessigfliege. Die robusten Beeren mit der dickeren Schale kann der Schädling zur Eiablage nicht mehr durchbohren.

Erstellt: 03.10.2019, 16:04 Uhr

Weinbauzentrum Wädenswil ist an der Piwi-Front aktiv

Das Weinbauzentrum Wädenswil (WBZW) ist am Thema Piwi-Rebsorten «sehr interessiert». Das sagt Samuel Schawalder, Geschäftsführer des Deutschschweizer Kompetenzzentrums für Rebe und Wein. «Die Entwicklungen rund um die neuen pilzwiderstandsfähigen Sorten sind nicht zuletzt auch deshalb wichtig, weil sie einen deutlich reduzierten Pflanzenschutzeinsatz erlauben». Das WBZW baut an allen drei Standorten (Wädenswil, Halbinsel Au und Stäfa) solche Sorten an. Neben den Weitergeben der dabei gewonnen Erkenntnissen im Anbau, werden auch Erfahrungen in der Vinifikation «dieser spannenden neuen Sorten gefördert».Das Wissen und die Erfahrung im Umgang mit alten Europäersorten sei laut Schawalder viel grösser als mit Piwis. Dieses Wissen gelte es erst aufzubauen.

Grosses Interesse bei Winzern

Neben der vergleichsweise geringen Erfahrung im Umgang mit den neuen Sorten ist es vor allem die Unsicherheit vor der Akzeptanz der neuen Namen und Sorten bei den Konsumenten. Schawalder kennt dieses Problem: «Uns fällt auf, dass jüngere Kundinnen und Kunden weniger Scheu vor den neuen Sorten haben als ältere, die sich nicht zuletzt auch an gewisse Geschmacksnoten gewohnt haben.»

Nichtsdestotrotz sieht auch das WBZW die behandlungsarmen Sorten im Vormarsch. «Wir stellen ein grosses Interesse bei den Winzern für die Piwi-Sorten fest», beurteilt der Geschäftsführer die Lage in der Deutschschweiz. Auch im Verkauf will das WBZW die Winzerinnen und Winzer in Zukunft unterstützen. Gemeinsam mit dem Forschungsinstitut für biologischen Landbau (FIBL), Agroscope
und Agridea arbeitet das WBZW an einen Konzept zur besseren Vermarktung von Piwi-Weinen. Selbst verkauft das WBZW unter der Marke Dreistand unter anderem reinsortigen Divico und Souvignier Gris – zwei Weine, welche sich laut Samuel Schawalder bei den Kunden grosser Beliebtheit erfreuten. (di)

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