Hombrechtikon

Wegen der Demenzabteilung im Dilemma

Braucht das neue Alters­zentrum in Hombrechtikon eine Demenzabteilung? Und soll man den Bau und den Betrieb des Heims einem privaten Anbieter überlassen? Die Hombrechtiker haben diese Fragen kontrovers debattiert.

Wie geht es weiter mit dem Alterszentrum Breitlen? Die Gemeindeversammlung vom 4. April muss über zwei mögliche Varianten entscheiden. Bild: Manuale Matt

Die Diskussion, wie es mit dem sanierungsbedürftigen Alterszentrum Breitlen in Hombrech­tikon weitergeht, dreht sich um zwei Grundsatzfragen. Das zeigte sich am Mittwochabend an einer Informationsveranstaltung der Gemeinde mit rund 350 Teil­nehmern. Diese debattierten – erstens – kontrovers darüber, wer den Neubau erstellen und das Heim führen soll. Der Gemeinderat schlägt zwei Varianten vor: die Privatisierung des Alterszen­trums, das durch die Tertianum Management AG geführt werden soll, sowie die Eigenständigkeit des Heims.

Gegen die Privatisierung gab es einige Vorbehalte. «Es kommt auch niemand auf die Idee, die Volksschule zu privatisieren», sagte beispielsweise jemand aus dem Publikum. «Die Gemeinde muss eigenständig nach den ­alten Menschen schauen.»

Ghetto oder Integration?

Der Hombrechtiker SVP-Kantonsrat Tumasch Mischol, der seinerzeit als Ersatzmitglied des Bezirksrats für die Aufsicht der Heime im Bezirk Meilen zuständig war, sagte hingegen: «Ich habe nie festgestellt, dass bei privaten Betreibern das Personal knapp gehalten wurde.» Luca Stäger, CEO der Tertianum Management AG, hatte schon zuvor bei der Präsentation der Variante für die Privatisierung betont, dass dies auch nicht die Absicht der Gruppe sei.

Der zweite Diskussionspunkt betraf die Frage, ob es eine geschlos­sene Demenzabteilung braucht. Eine Mitarbeiterin des Heims sagte: «Ich habe gemerkt, wie wichtig ein solches Angebot ist.» Ein anderer Votant aus dem Publikum war vom Gegenteil überzeugt: Man solle Demente besser in Wohngruppen integrieren, statt sie zu ghettoisieren. Stäger wiederum machte darauf aufmerksam, dass eine Demenzabteilung angesichts der mindestens 140 000 dementen Personen in der Schweiz sinnvoll sei.

Auch die Mehrheit im Saal schien nicht darauf verzichten zu wollen. Alt-Gemeindepräsident Max Baur (FDP), der ebenfalls im Publi­kum sass, machte dabei auf ein Problem der Vorlage aufmerksam: Aus Kostengründen sieht lediglich das privatisierte Alterszentrum eine Demenz­abteilung vor. «Wenn ich die Variante Eigenständigkeit bevorzuge, kann ich nicht gleichzeitig die Demenz­abteilung bekommen», sagte Baur. Das fände er schade. Trotzdem empfahl er den Anwesenden, für beide Varianten zu stimmen und sich erst bei der Stichfrage für eine zu entscheiden. «Die schlechteste Variante ist, wenn wir jetzt nicht weitermachen können.»

Angst vor doppeltem Nein

Das sah auch Daniel Wenger (FDP) so, der Verwaltungsratspräsident der Altersorganisation Hom’Care, die das Heim heute führt und aufgelöst werden soll. Er hatte die beiden alterna­tiven Projekte gemeinsam mit Tertianum-Vertreter Stäger vorgestellt. «Bei einem doppelten Nein müssten wir das bestehende Altersheim während des laufenden Betriebs sanieren», sagte Wenger, der auch Finanzvorstand von Hombrechtikon ist.

Den endgültigen Entscheid fällen­ die Stimmberechtigten erst im Juni an der Urne. Am 4. April berät die Gemeindeversammlung aber die Vorlage vor. Dabei können auch Änderungsanträge eingebracht werden, wie dies beispielsweise die Rechnungsprüfungskommission vorhat.

Wenger machte deutlich, dass die Zeit drängt. An die Adresse der Heimmitarbeiter sagte er zu Beginn des Anlasses: «Wir setzen alles daran, dass die Zeit der Unge­wissheit sobald wie möglich vorbei ist.»

Variante 1: Ein Privater baut und betreibt das Heim

Die erste Variante, die der Gemeinde­rat den Stimmberechtigten unterbreitet, sieht eine Pri­vatisierung vor. Die wichtigsten Eckwerte im Überblick:

Verantwortliche für den Neubau: Der Gemeinderat hat aus zwei Offerten ein Siegerduo ­erkoren. Die Swiss Prime Site Immo­bilien AG aus Olten soll ein neues Alterszentrum bauen. Deren Schwesterfirma Tertianum Management AG soll das Heim führen. Sie führt bereits 76 Wohn- und Pflegezentren in der Schweiz, beispielsweise in Meilen, Zollikerberg, Horgen und Richterswil. Das Grundstück bleibt im Besitz der Gemeinde. Sie gibt es für 66 Jahre im Baurecht ab.

Finanzielles: Die Kosten für den Neubau übernimmt der Investor. Er bezahlt der Gemeinde einen jährlichen Baurechtszins von mindestens 114 000 Franken. Von den 2,3 Millionen Franken, welche die Hombrechtiker Altersorganisation Hom’Care für das 2015 gescheiterte Projekt ausgegeben hat, übernimmt die Swiss Prime Site Immobilien AG 750 000 Franken. Für die Übernahme des bestehenden Altersheims bezahlt sie 500 000 Franken, für die Alterssiedlung 5 Millionen und für diverse Einrichtungen des bestehenden Heims 120 000 Franken. Die Gemeinde schiesst kein Geld in den Betrieb des neuen Heims ein. Das unternehmerische Risiko liegt ausschliesslich bei der privaten Betreiberin.

Das Angebot: Der Neubau soll 65 Pflegeplätze inklusive eine geschlos­sene Demenzabteilung umfassen. Mindestens zwei Drittel der Plätze müssen zu Kon­ditionen angeboten werden, die bezahlbar sind, wenn ein Bewohner Ergänzungsleistungen beansprucht. Vorgesehen sind ausserdem 20 Alterswohnungen.

Die Bewohner: Für die Bewohner des Heims ändert sich zunächst wenig. Zuerst wird der Neubau auf der Wiese neben dem bisherigen Heim erstellt. Ist dieser fertig, können die Bewohner umziehen. Danach wird das alte Heim abgebrochen. An dessen Stelle werden die neuen Alterswohnungen gebaut. Die bisherige Alterssiedlung Breitlen nebenan bleibt mindestens weitere acht Jahre bestehen.

Das Personal: Die neue Betreiberin wird vertraglich dazu verpflichtet, das Personal zu den bisherigen Konditionen zu übernehmen. Sie darf ein Jahr lang keine Kündigungen aussprechen. Eine gewisse Verunsicherung beim Personal ist dennoch zu spü­ren. Eine Mitarbeiterin kritisierte etwa gegenüber der ZSZ, sie habe der Zeitung entnehmen müssen, dass der Gemeinderat die Privatisierung gegenüber der Variante Eigenständigkeit bevorzuge.

Einfluss der Gemeinde: Die Einflussmöglichkeiten der Gemeinde sind beschränkt. Ter­tianum muss ihr jährlich die Jahres­rechnung sowie die Kostenrechnung für den Betrieb des Alterszentrums vorlegen. Die Gemeinde­ prüft zudem, ob die Betreiberin die Leistungsvereinbarung einhält.

Befürworter: Der noch bis im Sommer amtierende Gemeinderat bevorzugt diese Variante.

Variante 2: Eine AG im Besitz der Gemeinde übernimmt

Mit der zweiten Variante, die der Gemeinderat den Hombrech­tikern vorlegt, soll das Alterszentrum seine Eigenständigkeit bewahren. Die wichtigsten Eckwerte im Überblick:

Verantwortliche für den Neubau: Eine gemeinnützige Aktiengesellschaft löst die öffentlich-rechtliche Altersorganisation Hom’Care ab. Sie finanziert das neue Altersheim selbst. Die Gemein­de ist zu Beginn Allein­aktionärin. Sie dürfte maximal ein Drittel der Aktien verkaufen.

Finanzielles: Die AG wird nach der Übertragung der Grundstücke und Gebäude mit rund 9,3 Millionen Franken Eigenkapital ausgestattet sein. Sie finanziert den 37 Millionen Franken teuren Neubau selbst, beispielsweise mithilfe eines Investors oder mit Fremdkapital. Die Gemeinde beteiligt sich nicht. Sie reserviert aber 700 000 Franken, damit in der ersten Phase der Betrieb des bisherigen Heims aufrechterhalten werden kann und die Löhne sichergestellt sind. Auch müsste sie bei allfälligen finan­ziellen Schwierigkeiten einspringen. Sie trägt also indirekt ein unternehmerisches Risiko.

Das Angebot: Geplant ist ein Neu­bau mit 50 Pflegeplätzen und 23 Alterswohnungen. Aus Kostengründen wird auf eine Demenz­abteilung verzichtet.

Die Bewohner: Für die Bewohner des Heims ändert sich zunächst wenig. In einer ersten Etappe wird auf der Wiese neben dem heutigen Heim der Neubau erstellt. Dann ziehen die Bewohner um. Anschliessend wird das alte Heim abgebrochen, an seiner Stelle sollen die Alterswohnungen gebaut werden. Die bereits bestehende Alterssiedlung bleibt erhalten.

Das Personal: Die AG muss das Personal zu den bisherigen Konditionen übernehmen. Sie darf ein Jahr lang keine Kündigungen aussprechen.

Einfluss der Gemeinde: Die Gemein­de stellt mindestens zwei Vertreter im Verwaltungsrat und nimmt so Einfluss, etwa auf den Betrieb und die Tarife. Der Gemeinderat überprüft zudem, ob die AG ihren Aufgaben nachkommt.

Befürworter: Die Rechnungsprüfungskommission (RPK) bevorzugt die Eigenständigkeit des Alterszentrums, allerdings nur mit Änderungen. Da der Wohnungsmarkt schwierig geworden sei, solle die AG auf den Bau der Alterswohnungen verzichten. Dadurch würden sich auch die Kosten für den Neubau auf 28 Millionen Franken reduzieren und das finanzielle Risiko werde kleiner. Bei Bedarf könnten die Alterswohnungen zu ei­nem späteren Zeitpunkt gebaut werden. Auch ist die RPK dagegen, dass die Gemeinde der AG das Grundstück überträgt. Sie solle es behalten und im Baurecht abgeben. Die RPK sei sich bewusst, dass es der AG damit erschwert werde, Fremdkapital auf­zu­nehmen, schreibt sie in der eben erst erschienenen Weisung. Deshalb soll die Gemeinde mit einer Bürgschaft von 30 Millionen Franken geradestehen. Die RPK wird an der Gemeindeversammlung vom 4. April einen entsprechen­den Antrag stellen. Der Gemeinderat hat dazu noch ­keine Stellung genommen. (Zürichsee-Zeitung)

Erstellt: 23.03.2018, 10:09 Uhr

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