Wochengespräch

«Was ich tue, muss klare Konturen haben»

Ob seine Kunstfigur Leo Wundergut, das von ihm gegründete Festival da Jazz in St. Moritz oder das Freilichttheater an der Trittligasse: Christian Jott Jenny verbindet Kultur und Humor auf unnachahmliche Weise.

Letzte Woche noch in Uetikon weilt Christian Jott Jenny inzwischen in St. Moritz beim Festival da Jazz.

Letzte Woche noch in Uetikon weilt Christian Jott Jenny inzwischen in St. Moritz beim Festival da Jazz. Bild: Michael Trost

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Landläufig teilt man in Hunde- und Katzenmenschen ein. Sie halten im Garten ihres alten ­Uetiker Winzerhauses Hühner. Sind Sie ein Hühnermensch?
Christian Jott Jenny: Ja. (lacht)

Wie äussert sich die Ähnlichkeit zu Ihnen?
Es sind eigenartige Wesen, aber sie sind auch ganz toll. Sie erden mich.

Wie viel vom eigenartigen Christian Jott Jenny steckt denn in ihrer Kunstfigur Leo Wundergut?
Bei einem guten Fake müssen60 Prozent der Wahrheit entsprechen. Sonst funktioniert es nicht. Aber Leo Wundergut ist eine eigenständige Figur mit einer eigenen Meinung. Der Vorteil von Leo Wundergut ist, dass er Dinge sagen kann, die ich als Privatperson nicht sagen kann. Er zieht viel lockerer über Sachen her und bei ihm tut es nicht so weh. Es ist eine riesige Befreiung, Leo Wundergut zu spielen.

Neben Leo Wundergut ist das Festival da Jazz, das sie vor zehn Jahren gegründet haben und immer noch leiten, eines Ihrer Projekte. Ist das Festival für Sie ein wenig wie ein eigenes Kind?
Ja, absolut. Deswegen muss man es irgendwann laufen lassen, ihm Freiheiten gewähren wie Kindern, die älter werden. Es ist nach zehn Jahren etabliert, aber wir müssen aufpassen, dass wir das Niveau und die Finanzierung halten können. Das Festival da Jazz ist inzwischen der grösste Bündner Sommeranlass.

Was war das Kurioseste, was Sie in den zehn Jahren Festival da Jazz erlebt haben?
Die bekannte US-Band Manhattan Transfer hatte in ihrem Vertrag festgehalten, wie gross ihre Garderobe sein muss. Das übertraf aber die Grösse des gesamten Clubs, in welchem das Konzert stattfand. Ich habe ihnen dann gesagt, dass der Club so gross sei wie die Garderobe, die sie sich wünschten. Ergo würden sie in ihrer Garderobe auftreten. Das fanden sie sehr lustig.

Sie haben immer wieder neue Projekte am Start, sind dauernd aktiv. Gibt es Momente, in denen Sie abschalten können?
Bei den Hühnern.

Haben Sie nie Angst, dass etwas in die Hose gehen könnte?
Doch, aber das treibt mich auch an. Ich denke jeden zweiten Tag, dass etwas scheitern könnte – man weiss nie. Das Einzige, was man weiss, ist, dass gewisse Sachen funktioniert haben, und auf dieses Gefühl kann man sich verlassen. Aber wenn etwas funktioniert, ist die Angst, dass es das nächste Mal schiefgeht, umso grösser.

Da müsste Ihre Angst immer grösser werden angesichts Ihrer Erfolge.
Das ist so. Dieses Jahr war es ganz schlimm. Ich musste das Festival schon rein aus einem Überlebenssinn heraus meinem starken Team übergeben. Erst zwei Wochen vor Festivalbeginn war ich relativ entspannt. Theoretisch braucht es mich da oben nicht mehr. Aber am Schluss bin ich der Grüssaugust und Katastrophenonkel.

Was für Katastrophen könnten sich ereignen?
Es gibt immer wieder Künstler, die abreisen wollen.

Und wie überreden Sie die zum Bleiben?
Gar nicht. Ich bestelle ein Taxi, lasse dieses vorfahren und sage, es fahre sie dahin, wo sie wollten, die Rechnung gehe auf uns. Dann ist es immer erledigt. Bis jetzt sind alle aufgetreten, manche wollten nur ein bisschen streiten. In zehn Jahren hatten wir einen einzigen Krankheitsfall und dem hats richtig leidgetan.

St. Moritz hat den Ruf, ein ­Schickimicki-Dorf zu sein. Wie verträgt sich das mit einem Jazzfestival?
St. Moritz ist touristisch am Arsch, das können Sie genauso schreiben. Der Ort muss sich neu erfinden. Ich empfinde eine ganz grosse Liebe zu St. Moritz, das Dorf ist so skurril. Deshalb habe ich mich Anfang Jahr auch hier fix niedergelassen. Es gibt keinen anderen Ort, wo Sie auf einem solch begrenzten Raum diese Möglichkeiten haben: Von Fünfstern- und kleinen Hotels über eine Infrastruktur, von der andere nur träumen können, bis zur überwältigenden Natur. St. Moritz ist wie ein Kinderzimmer mit ganz vielen Spielsachen: eine verdammte Sau­erei, aber wenn man es richtig zusammensetzt, könnte etwas Schönes, Grosses entstehen. Ich hoffe, dass das Jazzfestival dazu beitragen kann, dass sich St. Mo­ritz neu erfindet. Es gibt noch etwas anderes, was St. Moritz mit Jazz gemein hat. Ich kenne keinen anderen Ort auf dieser Welt, wo so viel improvisiert wird. Das entspricht mir sehr.

Ist Ihr Geheimnis, dass Sie, egal, was die Leute denken, das machen, was Sie wollen – und ge­rade damit andere überzeugen?
Das hat etwas für sich, ich mache sehr viel für mich. Ich sage immer: Wenn wir ein lässiges Festival für uns machen, können andere partizipieren. Glücklicherweise gibt es einige, die Lust dazu haben. Aber sonst wäre es auch gut. Es gibt Leute, die haben lieber den klimatisierten Sessel in der Tonhalle, wo draufsteht: Reihe 37, Dr. Meier. Und bei uns hockt Dr. Meier halt in Gottes Namen auf dem Boden, wenn es keinen Platz mehr hat. Und das mag Dr. Meier übrigens sehr. Es ist eben anders.

Woher kommt diese Gelassenheit?
Es ist das Einzige, was funktioniert. Wenn Sie zu viele Konzessionen eingehen, wird es irgendwann ein Gemischtwarenladen. Was ich tue, muss klare Konturen haben: das Festival, Leo Wundergut und die Trittligass-Ballade.

Sie führen an der Trittligasse das Freilufttheater «Zürcher ­Ballade» neu auf. Sind sie ­nostalgisch?
Ja, absolut. Das sieht man ja auch an diesem Haus hier in Uetikon. Ich nehme gerne gute Sachen auf und verwurste sie neu. Die «Zürcher Ballade» wurde in den 60er-Jahren von Werner Wollenberger ins Leben gerufen. Mich interessiert, warum die Aufführungen an der Trittligasse einst aufgehört haben. Ich kam dem so langsam auf die Schliche, habe den Faden aufgenommen und spanne ihn ins Jetzt.

Sie arbeiten bei diesem Projekt mit Walter Andreas Müller und Jürg Randegger zusammen. Da hat sicher jeder seinen eigenen Kopf?
Ja, absolut. «Wam» ist auch Götti von meinem Jüngsten. Wir haben zusammen mit einem weiteren Freund eine Wohnung in Berlin, eine Dreier-WG. Unterdessen haben wir eine sehr enge Beziehung. Man kennt sich gut, stand viel gemeinsam auf der Bühne. Doch jeder hat seinen eigenen Kopf wie im Hühnerstall. Alle sitzen aber rechtzeitig auf dem Stängeli und legen das Ei, wenn um acht Uhr das Stück anfängt.

In welcher Form nehmen Sie ­Bezug auf aktuelle Ereignisse
in Zürich?
Im Moment ist Entsorgung und Recycling der Stadt Zürich unser Hauptzulieferer an Pointen. Ich bin im täglichen Austausch mit Stadtrat Filippo Leutenegger, wegen Tantiemen, die wir ihm zahlen müssen.

Ich sehe schon, da wird reichlich Stoff geliefert.
Ja, es ist grossartig. Ich freue mich richtig auf das Sommerloch, wenn die Presse sicher noch mehr herausfindet.

Aber es könnte schwierig werden, einen Swimmingpool wie im Klärwerk an der Trittligasse einzubauen?
Wir sind an der Wohlfühloase dran.

(Zürichsee-Zeitung)

Erstellt: 09.07.2017, 15:07 Uhr

Infobox

Zur Person

Christian Jott Jenny (38) wurde im Alter von sechs Jahren Mitglied der Zürcher Sängerknaben. Als Gymnasiast studierte er Gesang an der Zürcher Hochschule für Musik und Theater und gründete seine erste Jazz-Band. Der Schweizer Jazzpapst George Gruntz wurde sein erster Mentor. In Berlin liess sich Jenny an der Hochschule für Musik «Hanns Eisler» zum klassischen Tenor ausbilden. Zurück in der Schweiz produzierte seine Firma «Amt für Ideen» unzählige Bühnenstücke. Er selbst stand und steht unter anderem als Gesellschaftstenor Leo Wundergut auf der Bühne. 2007 gründete Jenny das Festival da Jazz in St. Moritz. Am diesjährigen Festival, das noch bis zum 31. Juli läuft, nehmen Grössen wie Paolo Conte, Nigel Kennedy und Jamie Cullum teil. Christian Jott Jenny lebt in Uetikon, St. Moritz und Berlin. Er ist Vater von mindestens zwei Kindern, wie er selbst sagt. Mehr Infos unter www.festivaldajazz.ch und www.trittligass-ballade.ch phs

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