Im Gespräch

«Wahrscheinlich sind wir relativ einfach nachzubauen»

Pascal Kaufmann sieht die Zukunft der Menschheit in den Händen einer künstlichen Intelligenz. Der Meilemer Unternehmer will sicherstellen, dass diese revolutionäre Technologie in der Schweiz entwickelt wird.

Pascal Kaufmann und das Objekt seiner Faszination: Das Hirn. Foto: Michael Trost

Pascal Kaufmann und das Objekt seiner Faszination: Das Hirn. Foto: Michael Trost

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Was ist Ihre liebste fiktionale Darstellung künstlicher Intelligenz (KI)?
Prof. Simon Wright, das fliegende Gehirn aus der Anime-Serie «Captain Future», das Captain Future immer begleitete und jedes Problem lösen konnte. Ich hätte gerne ein solches fliegendes Hirn bei mir. Oder ein Gerät, das mit tausend Hirnen gleichzeitig denken kann. Wie im Film «Elysium», wo der Mensch direkt an einen Computer angeschlossen ist. Das fände ich super.

Heisst das, dass KI bedeutet, dass Mensch und Maschine miteinander verschmelzen?
Der Begriff KI bezeichnet etwas anderes. Allerdings zielt die Verschmelzung von Mensch und Maschine in eine ähnliche Richtung, in der man die Möglichkeit hat, nicht nur mit einem Hirn zu denken, sondern mit tausenden gleichzeitig. Das kann entweder einfach eine Maschine sein, aber es kann auch sein, dass Menschen mit diesen Technologien Symbiosen eingehen. Aber ich denke, es wird zuerst eine Maschine sein, die etwa tausendmal intelligenter ist als der Mensch.

Sie sind der Meinung, KI sei nötig, um die drängendsten Probleme der Menschheit zu lösen, wie Hunger oder Krebs. Ist der Mensch nicht gut genug?
Wir haben evolutionsgeschichtlich betrachtet Hirne, die sich über Millionen Jahre in einer wenig technologisierten Welt entwickelt haben. Die Umwelt, in der wir leben, hat sich in wenigen hundert Jahren dramatisch verändert, sodass ein einzelnes menschliches Hirn vermutlich nicht mehr ausreichend ist, um aktuelle Problemstellungen zu lösen. Wir sehen ja, welche komplexen Fragestellungen es gibt, bei deren Lösung einige Computer schon wesentlich bessere Resultate liefern. Denken Sie zum Beispiel an Wettervoraussagen. Ich glaube, wir brauchen etwas, das über die menschlichen Grenzen hinausgeht. Und wenn wir die KI in der Schweiz nicht bauen, wird es irgendein grosser Techkonzern oder eine autoritäre Regierung machen. Es ist besser, wenn wir das machen.

Wer sind wir und warum ist es besser, wenn wir es tun?
Die Nutzungsrechte der KI sollten nicht einer Firma oder einer autoritären Regierung gehören. Darum habe ich die Stiftung Mindfire gegründet. Der Durchbruch sollte besser hier in der Schweiz gelingen, wo wir eine gewisse Neutralität, ethische Leitplanken und auch die Unterstützung vieler Institutionen geniessen. Die Schweiz ist ideal positioniert, um im Bereich KI weltweit eine Führungsrolle zu übernehmen. Grosskonzerne wie Facebook, IBM und Google kommen in die Schweiz, weil es hier kluge Köpfe gibt, weil die Infrastruktur und das politische sowie gesellschaftliche Umfeld top ist.

Haben Sie wegen des Zugangs zu Talenten Ihre Firma Starmind in Küsnacht angesiedelt und nicht etwa im Silicon Valley?
Ja, wir haben hier Zugang zu Talenten aus hervorragenden Institutionen und führenden Techkonzernen. Wir haben uns schon überlegt, ob wir das Hauptquartier in New York oder sonst wo ansiedeln möchten, aber wir haben uns immer für Zürich als Standort entschieden.

«Ich habe nicht so gerne physische Meetings. Dann muss ich voll dabei sein und kann nicht nebenher noch andere Dinge tun.»

Bei Starmind geht es darum, die richtigen Personen miteinander in Verbindung zu setzen. Wie vernetzt sind Sie persönlich in der Region? Sie jetten ja zwischen Büros in Küsnacht, Frankfurt und New York hin und her.
Ich habe nicht so gerne physische Meetings. Dann muss ich voll dabei sein und kann nicht nebenher noch andere Dinge tun, wenn viele Leute anwesend sind. Der Tag hat wirklich leider zu wenig Stunden für mich. Lieber treffe ich jemanden, den ich nicht so gut kenne, über Skype, den ich dann auch schneller wieder abklemmen kann. Es ist logistisch auch aufwendig, zwei Menschen zusammenzubringen. Darum bin ich ein Fan von virtuellen Meetings oder physischen Meetings mit sehr interessanten Menschen.

Überschätzen wir, wie nahe wir an einer KI sind?
Alles was wir heute als KI betrachten, ist aus meiner Sicht nichts anderes als die Intelligenz von Menschen, die in Programmiercodes hineingepresst wurde. Ein Beispiel: Wenn man 300 Millionen Bilder von Katzen braucht, um eine Katze, ein Haus oder ein Pferd zu erkennen, dann hat das aus meiner Sicht wenig mit Intelligenz zu tun. Von Big Data halte ich nicht viel. Wir suchen nach alternativen Ansätzen. Es kommt nicht so sehr drauf an, wie fest man nach Kartoffeln gräbt, sondern wo man nach Kartoffeln gräbt. Wenn man am richtigen Ort forscht, kann der Durchbruch ganz schnell kommen. Am falschen Ort kann man ewig forschen.

Sie sind der Meinung, wir müssten davon abkommen, uns das Hirn als Computer vorzustellen. Wie stellen Sie sich denn das Hirn vor?
Ich denke, das Hirn ist eben nicht ein ganz schneller Computer, sondern eher eine Art Superorganismus, zusammengebaut aus Milliarden von Komponenten, den Hirnzellen. Wie ein Ameisenhaufen folgen sie relativ simplen Regeln. Wenn man diese Prinzipien versteht, hat man vermutlich den Braincode geknackt. Einige Leute sind immer noch der Meinung, das würden wir nie schaffen, zum Beispiel, weil man keine Seele bauen oder verstehen kann. Wahrscheinlich braucht es einen zweiten Newton, dem anstelle eines Apfels eine Drohne auf den Kopf fällt und der dann vielleicht ziemlich einfache Regeln und Prinzipien entdeckt, nach denen wir Intelligenz selber kreieren können.

Sie haben das Thema Seele aufgeworfen. Wenn eine KI intelligent ist, ist sie dann gleich wie ein Mensch, oder gibt es noch etwas Zusätzliches, eben eine Seele? Immerhin tragen Sie ein Kreuz um den Hals.
Das Kreuz habe ich erhalten, als ich auf die Welt kam. Es ist mein Glücksbringer. Ich wünschte mir, es gäbe etwas Übernatürliches, etwas Unerklärliches. Als Forscher glaube ich aber nicht an unerklärliche Dinge. Wir können, so scheint es heute, alles durch Technologie nachbauen und besser oder anders machen. Der Wissenschaft sind keine Grenzen gesetzt. Wahrscheinlich sind wir wie Maschinen relativ einfach nachzubauen.

Erstellt: 03.02.2019, 15:09 Uhr

Pascal Kaufmann

Pascal Kaufmann, Jahrgang 1978, ist in Kloten aufgewachsen und hat an der ETH Zürich Neurowissenschaften studiert. Er hat zusammen mit Marc Vontobel 2010 die Tech-Firma Starmind gegründet. Der Hauptsitz ist in Küsnacht, weitere Büros befinden sich in New York und Frankfurt. Starmind hat einen Algorithmus entwickelt, mit dem das Know-how einer Firma besser genutzt werden kann, indem Fragesteller direkt mit der Person zusammengebracht werden, die ihnen am besten helfen kann. Pascal Kaufmann ist auch Gründer der Stiftung Mindfire, die sich der Entwicklung von künstlicher Intelligenz verschrieben hat. Die Organisation mit Sitz in Zug bringt zu diesem Zweck Talente aus der ganzen Welt zusammen. Pascal Kaufmann wohnt in Meilen.

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