Landwirtschaft

Wärmebild-Drohnen retten Rehkitze vor Mähtod

Jedes Jahr sterben im Gras liegende Rehkitze den qualvollen Mähtod. Mit Drohnen wollen Tierschützer am Zürichsee dem Rehkitz-Sterben nun ein Ende bereiten – mit Erfolg.

Drohnen mit Kameras spüren Rehkitze rechtzeitig vor dem Mähen auf.
Video: Patrick Gutenberg/Paul Steffen

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Ein schreckliches Bild kursierte dieser Tage in den Social Media. In Rapperswil-Jona geriet ein im Feld geduckt liegendes Rehkitz in die Messer eines Traktormähers. Solche Unfälle passieren leider oft. Erst wenige Tage alte Rehe sind so gut im hohen Gras versteckt, dass man fast auf sie treten könnte ohne sie zu sehen. Wie soll dann der Bauer in seiner schweren Maschine, die schnell über die Wiese fährt, das verhindern?

Die Lösung bietet eine neue, vom Verein Rehkitz-Rettung Schweiz propagierte Methode: Drohnen fliegen über Felder und lokalisieren mittels Wärmebildkamera neugeborene Rehe. Diese werden dann mit einer Holzkiste geschützt. Um die mit einer Fahnenstange markierte Fundstelle macht der Landwirt beim Mähen einen Bogen.

In der Region Pfannenstiel wird diese Art der Kitz-Rettung seit diesem Frühling in einem Pilotprojekt angewendet. – mit grossem Erfolg. In Stäfa und Hombrechtikon hat Drohnen-Pilot Gregor Bölli bis vergangenes Wochenende 17 Tiere entdeckt und gerettet, in Meilen gelang dies Remo Kohler auch schon in acht Fällen.

Weisse Punkte am Monitor

An diesem frühen Samstagmorgen stehen die beiden Männer, die beide Informatiker sind und bereits als Kinder begeisterte Modellflieger waren, am Rande zweier Felder an der Grenze zwischen Stäfa und Hombrechtikon. Ihr Auftrag ist, Landwirt Andreas Elmer die Bahn frei zu machen für seinen Traktor mit dem langem seitlichen Mähbalken. Das Gras steht hoch, es ist trocken und die Futtersilos auf seinem Hof wollen mit dem ersten Schnitt dieses Jahres wieder gefüllt werden.

Sechs Kitze hat Bölli am Vorabend beim Erkundungs- und Vermessungsflug über die beiden Wiesen entdeckt. Jetzt steigt seine Drohne surrend hoch und fliegt in 50 Metern Höhe die einprogrammierten Bahnen ab, während hinter dem Säntis die Sonne aufgeht. Die Zeit drängt. Je wärmer es wird, desto schneller gleicht sich die Körpertemperatur der Rehbabys mit der Umgebung an, heizt Steine auf. Die Wärmebildkamera braucht mindestens 0,5 Grad Unterschied. «Da», ruft Bölli und zeigt auf den Monitor der Fernsteuerung, «da liegt ein Kitz». Ein heller Punkt zeichnet sich im grauen Bild ab. Sein in Kursen geschultes Auge lässt bei ihm keinen Zweifel aufkommen, die Konturen des weissen Flecks sind eindeutig. Während die Drohne hoch über der Stelle schwebt ziehen Dieter Koenig und Maja Kuske – der Jagdaufseher von Stäfa und seine Auszubildende – mit Holzharass und Markierungsstange los. Auch sie haben einen Monitor in der Hand, um das Kitz rasch zu finden. Aus dem Wald sind die klagenden Schreie des Muttertiers zu hören, die sieht wie sich Menschen ihrem Jungen nähern. Sie weiss ja nicht, dass ihm nur Gutes geschieht. Koenig und Kuske haben ihre Schutzarbeit mit Holzkiste und Stange schnell erledigt. Bauer Elmer kann mähen.

Partnerschaft im Dreieck

Das Pilotprojekt begann im letzten Winter. Stefan Schleich, Obmann des Jagdbezirks Pfannenstiel, erfuhr von der neuen Technik zum Schutz der Rehkitze. Auf den zertifizierten Drohnenpiloten Gregor Bölli stiess er zufällig im Wald, die beiden verstanden sich auf Anhieb. «Stefan hat Feuer gefangen, er unterstützt mich und Remo extrem und hat uns in die Jagdgesellschaft eingeführt», erzählt Bölli. «Wir wurden mit offenen Armen empfangen.» Dann kontaktierte Schleich seinen Kollegen Reto Alig. Der Präsident des Bezirksbauernverbands Meilen liess sich sofort einspannen. Es folgte ein Rundschreiben an die Landwirte in der Region, Ende Januar fand ein Informationsabend statt.

«Es braucht die partnerschaftliche Zusammenarbeit von Bauern, Jägern und Piloten – und die funktioniert hier.»Dieter Koenig, Stäfner Jagdaufseher

«Es hat sich herumgesprochen unter den Bauern, sie machen mit», sagt Schleich. Auch der Jagdaufseher von Meilen, Bruno Jörg, spricht von «sehr kooperativen Landwirten». Sein Stäfner Amtskollege Dieter Koenig pflichtet bei: «Es braucht die partnerschaftliche Zusammenarbeit von Bauern, Jägern und Piloten – und die funktioniert hier.» Nun werden Piloten gesucht um die Arbeit aufteilen zu können. «Sie müssen flexibel sein, weil alles vom Wetter abhängt», sagt Jörg. Ruft ein Bauer an, heisst es «ich möchte in einer Stunde mähen». Remo Kohler stellt sein Hobby gerne zur Verfügung. «Ich bin tier- und naturliebend und ausserdem ein Morgenmensch, das passt hier perfekt zusammen», erklärt der Meilemer. Am liebsten würde er professionell aufs Drohnenfliegen umsatteln. Derzeit ist es aber nur Freizeitbeschäftigung in guten Diensten, mit 50 Franken pauschal (plus 5 Franken pro Hektar Feld) vom Verein Rehkitz-Rettung Schweiz entschädigt.

«Die Erfolgsquote ist enorm hoch», sagt Stefan Schleich. «Wenn Drohnen eingesetzt werden liegt die Rettungsquote praktisch bei 100 Prozent.» Das beruhigt vor allem Bauer Andreas Elmer. Der machte nämlich als Bub die schreckliche Erfahrung, beim Mähen mit dem Traktor ein Kitz zu erwischen. «Das Schreien des Tieres plagt mich noch heute, das möchte ich nicht noch einmal erleben.» Umso glücklicher ist er, dass ihm nun eine moderne Technik die Angst vor solchen Unfällen nimmt. Auch Jagdauseher Schleich ist erleichtert. «Es tut sehr weh, wenn man ein vom Mähen verstümmeltes Kitz erlösen muss.»

Erstellt: 17.06.2019, 16:32 Uhr

Die tödliche Gefahr im Futtersilo

Der Schutz der Rehkitze hat nicht nur einen tierschützerischen, sondern auch einen wichtigen wirtschaftlichen Aspekt für die Landwirte. Kadaverteile von der gemähten Wiese wie zum Beispiel von zerstückelten Rehkitzen können ihr Stallvieh vergiften. Denn sie produzieren unter Luftabschluss in den Silos gefährliche Botulismus-Bakterien. Botulinumtoxin gehört zu den stärksten natürlichen Giften weltweit.Es führt zu Lähmungen des Bewegungsapparats, der Kau-, Schluck- und Atemmuskulatur und bei Tieren meist zum Tod. Gemäss Aussendung des Bundesamts für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen (BLV) können an Botulismus Rinder, Schafe, Pferdeund Federvieh erkranken, wohingegen Schweine relativ resistent sind gegen das bakterielle Gift.

Die Sterberate ist bei unbehandelten Tieren sehr hoch. Nimmt die Krankheit einen akuten Verlauf, tritt der Tod bereits nach ein bis zwei Tagen ein. Eine Ansteckung erfolgt über das Futter oder das Trinkwasser. Die Tiere können sich laut BLV insbesondere über Silage und Heu anstecken, die mit Kadavern verunreinigt sind.

Alles bereit machen für schnellen Einsatz

Wenn das Gras erntebereit ist, muss bei der Methode zur Rehkitzrettung mit Drohnen alles schnell gehen. Denn die Landwirte entscheiden wegen des Wetters oft spontan, ob sie mähen oder zuwarten. Der gemeinnützige Verein Rehkitzrettung Schweiz hat dazu einen Plan vorbereitet, wie vorzugehen ist. Die Landwirte melden ihre Felder in Absprache mit dem Jagdaufseher einem ausgebildeten Drohnenpiloten mit Wärmebildkamera an. Dieser beginnt schon vor der Mahd die Wiesen abzusuchen, damit bekannt ist, wo sich Rehkitze befinden. So kann ein Rettungsteam die Felder von mehreren Landwirten überwachen und dank den Flugdaten auf Abruf zur Stelle sein.

Bei der Rehkitzrettungs-Methode fliegt die Drohne die zu mähenden Wiesen mit 20 km/h über eine programmierte Route gesteuert ab und macht dabei einen Thermalfilm. Die Überlappung der Bahnen ist dabei so gewählt, dass das Rehkitz auf dem Hin- und Rückweg erfasst wird. Die Flughöhe richtet sich nach der Wiese und beträgt normalerweise 50 Meter. Die Bilder werden live auf einen Bildschirm am Boden übertragen, wo die Kitze aufgrund ihrer Körpertemperatur als helle Flecken in der dunklen Wiese erscheinen. Gleichzeitig wird die Position der Drohne gespeichert. Das Fluggerät setzt dabei aber unbeirrt seinen Wegpunktflug fort. Erst wenn das ganze Feld abgesucht ist, wird es zu den zuvor gespeicherten Wegpunkten geschickt.

Die Retter agieren immer im Team. Ein Pilot, der die Drohne im Auge behält, und ein Retter, der den Bildschirm beobachtet und die Kitze rettet. Die Rehkitze werden mit einer Kiste auf der Wiese gesichert. Diese wird mit Gras beschattet, mit einem Stein beschwert und mit einem mobilen Zaunpfahl in der hohen Wiese markiert. Die Utensilien hat der Landwirt am Abend vorher am Feldrand deponiert. Nach getaner Arbeit entfernt er die Kiste. Rehkitz und Mutter finden durch Rufe wieder zueinander. Der Einsatz der Drohne schont auch den Wiesenbestand und die menschlichen Kräfte. In 20 bis 30 Minuten lässt sich ein durchschnittliches Feld in der Grösse von zwei bis drei Hektaren absuchen. Am Schluss erstattet der Landwirt dem Jagdaufseher Bericht.

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