Bildung

Vorbereitung auf den Lehrplan 21 ist in vollem Gange

Schulleiter aus der Region schauen der Einführung des Lehrplans 21 zuversichtlich entgegen. Die Aspekte, welche Primar- und Sekundarschulen dabei beschäftigen, sind allerdings unterschiedlich.

Während Kindergärtler und 1. bis 5.-Klässler bereits nach den Sommerferien nach dem Lehrplan 21 unterrichtet werden, ist dies bei den 6.-Klässlern und Sekundarschülern erst in einem Jahr der Fall.

Während Kindergärtler und 1. bis 5.-Klässler bereits nach den Sommerferien nach dem Lehrplan 21 unterrichtet werden, ist dies bei den 6.-Klässlern und Sekundarschülern erst in einem Jahr der Fall. Bild: (Symbolbild)/Keystone

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Englischunterricht in der 3. statt in der 2. Primarschulklasse, das neue Fach Medien und Informatik sowie neu eine Lektion für die berufliche Orientierung in der 2. Sekundarklasse: Der Lehrplan 21 setzt unterschiedliche Akzente vom Kindergarten bis zur Sekundarschule. Ab dem neuen Schuljahr wird der Plan, welcher in manch anderen Kantonen schon eingeführt wurde, nun auch in Zürich umgesetzt – zumindest für den Kindergarten und die 1. bis 5. Primarklasse. In der Sekundarstufe sowie in der 6. Klasse wird dann ab dem Schuljahr 2019/20 nach dem Lehrplan unterrichtet.

Bis alles angepasst ist, haben die Schulen allerdings einen Zeitraum von vier Jahren. Im Vorfeld der Einführung hat der von der Erziehungsdirektorenkonferenz der deutschsprachigen Kantone entwickelte Lehrplan 21 vor allem in gewissen konservativen Kreisen für Unmut gesorgt. Dies obwohl die Stimmbürger 2006 dem neuen Bildungsartikel und damit einer Harmonisierung der kantonalen Bildungsziele 2006 mit einer überwältigenden Mehrheit zugestimmt hatten.

Berufswahl in der Oberstufe

Eine Nachfrage bei Schulleitern aus der Region zeigt nun, dass dort kaum Aufregung herrscht. «Alle Schuleinheiten sind an der Vorbereitung», sagt Patrick Weil, Leiter Pädagogik und Schulentwicklung der Primarschule Wädenswil. Im November hätten die Schulen Wädenswil, Hütten und Schönenberg einen gemeinsamen Kick-off-Tag veranstaltet. Die Weiterbildung, welche die Volkschul- und Kindergartenlehrer für die Umsetzung des Lehrplans 21 besuchen, wird von der Pädagogischen Hochschule (PH), aber auch von privaten Anbietern durchgeführt. «Zwei Tage sind die Fachleute von der Pädagogische Hochschule in unserem Schulhaus vorbeigekommen», erzählt Philipp Apafi, Leiter der Zumiker Primarschule Juch. Im August seien die Zumiker Primarlehrer dann nochmals drei Tage zur Weiterbildung an der PH.

Im Lehrplan 21 geht es um Inhalte, aber auch darum, wie die Kinder und Jugendlichen lernen sollen. Das Zauberwort des Lehrplans 21 heisst kompetenzorientiertes Lernen. Dabei steht nicht das reine Vermitteln von Wissen Vordergrund. Vielmehr bringen die Lehrer den Schülern bei, wie sie an wichtige Informationen gelangen, diese einordnen und in verschiedenen Situationen anwenden können. «Die Unterrichtsentwicklung hat sich seit Jahren in diese Richtung bewegt», sagt Philipp Apafi dazu. «Es wird weiterhin Sequenzen von Frontalunterricht geben, aber es braucht auch offene Unterrichtsformen, in denen Kinder Selbständigkeit an den Tag legen sollen.»

Es sei wichtig zu wissen, wo man Informationen herhole und beurteilen könne, welche für eine Situation relevant seien, pflichtet ihm Caroline Bösch, Leiterin des Campus Moos, der Sekundarschule der Gemeinden Kilchberg und Rüschlikon, bei. Auch wenn die Oberstufe noch ein Jahr länger Zeit hat, sieht sie ihre Schule bereits jetzt auf einem guten Weg. «Auf Ebene der Organisation sind wir parat», sagt Bösch. «Wir haben die nötigen Gefässe für die Unterrichtsentwicklung geschaffen, um diese gemeinsam angehen zu können.»

Ebenso sei die Schule gerüstet für das Vermitteln überfachlicher Kompetenzen. Künftig werden die Sekundarschüler zudem eine Berufswahl-Lektion erhalten. Eine Änderung, die Bösch positiv bewertet. «Gerade in der Oberstufe setzen wir alles daran, dass die Schüler fit werden für die Berufswelt.» Dass die Berufsvorbereitung in der Sek zum Thema wird, ist deshalb nicht neu. «Wir haben das früher im Rahmen des Regelunterrichts gemacht», sagt sie. Mit der eigenen Lektion erhalte das Thema das nötige Gewicht und andere Fächer würden entlastet.

Interesse bei Eltern gross

In der Einführung des Fachs Medien und Informatik sieht Bösch einen weiteren Pluspunkt für den späteren Erfolg auf dem Arbeitsmarkt. «Wir haben die Erwartung, dass die Primarschüler, die zu uns kommen, sicherer mit den technischen Hilfsmitteln umgehen», sagt sie. Denn nebst technischer Aspekte werden auch Nutzen und Gefahren dieser Hilfsmittel bearbeitet.

Und wie beurteilt Bösch das Konzept der Harmonisierung? Schliesslich wird der Lehrplan 21 in allen Deutschschweizer Kantonen eingeführt, um den Umzug von Schülern über Kantonsgrenzen hinweg zu vereinfachen. «Das ist sicher ein grosser Vorteil, wir haben jedoch vermehrt mit fremdsprachigen Jugendlichen aus dem Ausland zu tun.»

Ein Thema ist die Angleichung zwischen den Kantonen eher für die Primarschule Wädenswil. Patrick Weil warnt allerdings vor überhöhten Erwartungen. «Ich bin gespannt, ob man das wirklich merkt: Zwar haben alle Kantone den gleichen Lehrplan, aber die Stundentafeln wurden nicht harmonisiert.» So hätten nicht einmal in allen Kantonen die Pflichtlektionen die gleich Länge, was sich auf Dauer summiere. «Aber es ist ein Schritt in die richtige Richtung», ist Weil überzeugt.

Grosses Interesse am Lehrplan 21 besteht offensichtlich bei den Eltern. «Wir hatten kürzlich eine Informationsveranstaltung, da kamen 150 Eltern», sagt Apafi. Er sei überrascht gewesen von dem grossen Interesse. «Diese Eltern haben nun gemerkt, dass sich nicht alles ändert.» (Zürichsee-Zeitung)

Erstellt: 09.07.2018, 18:29 Uhr

Nachgefragt

«Vorbehalte gibt es dort, wo Missverständnisse vorliegen»

Was sind Ihrer Meinung nach die einschneidensten Änderungen, die mit dem Lehrplan einhergehen?
Heinz Rhyn: Die grundsätzliche Neuerung, die der Lehrplan 21 mit sich bringt, ist, dass es nicht ausreicht, ein Thema im Unterricht nur zu behandeln. Der Lehrplan 21 setzt zum Ziel, dass das, was unterrichtet wurde, auch verstanden worden ist und dass die Schüler das erworbene Wissen anwenden können. Im Kanton Zürich beginnt zudem der Englisch-Unterricht erst in der 3. Klasse und Medien und Informatik wird zu einem wichtigen und neuen Unterrichtsbereich. Zusätzlich wird in der zweiten Sekundarstufe die berufliche Orientierung gestärkt. Der Lehrplan 21 schafft ausserdem einen gewissen Abgleich zwischen den Lehrplänen der Kantone.

Da gibt es aber immer noch grosse Unterschiede. Hätte man nicht weiter gehen müssen?
Die kantonalen Schulsysteme haben teilweise verschiedene historische Hintergründe. Das führt dazu, dass die Gewichtung der Fächer sehr unterschiedlich ist. Wenn man diese angepasst hätte, hätten gewisse Kantone ihr Schulsystem stark umstellen müssen. Daher hat man mit der Einführung des Lehrplan 21 rund 80 Prozent vereinheitlicht und etwa 20 Prozent den Kantonen überlassen. Damit können Lehrmittel produziert werden, die in verschiedenen Kantonen einsetzbar sind. Das war vorher relativ schwierig.

Ein Grossteil der Zürcher Volksschullehrer besucht bei ihnen Weiterbildungen für den Lehrplan 21. Was bekommen Sie für Rückmeldungen?
Vor allem beim neuen Unterrichtsbereich Medien und Informatik ist die Vorfreude gross. Ich nehme aber generell eine sehr grosse Akzeptanz für die Neuerungen durch den Lehrplan 21 wahr. Es ist, als wäre eine Hürde überschritten worden, weil die Lehrer nun wissen, dass das, was auf sie zukommt – der so genannt kompetenzorientierte Unterricht – weitgehend beherrschen. Es gibt ganz wenige grundsätzlich Vorbehalte.

Was sind das für Vorbehalte?
Es gibt insbesondere dort Vorbehalte, wo Missverständnisse vorliegen. Lange Zeit wurde kolportiert, dass kompetenzorientierter Unterricht kein Wissen mehr erfordert. Das stimmt nicht. Es gibt keinen Kompetenzerwerb ohne Wissen als Grundlage. Kompetenzorientiertes Lernen ist eine Weiterentwicklung, mit der man das Wissen auch anwenden kann. Ein zweites Missverständnis ist, dass kompetenzorientierter Unterricht Vorgaben macht, was die Methodik anbelangt. Dem ist nicht so. Es wird weiterhin eine Methodenvielfalt im Unterricht geben. Solche Missverständnisse haben teilweise zur Skepsis gegenüber dem Lehrplan 21 geführt. Inzwischen wird im Schulumfeld, aber auch bei den Schulleitungen, der Lehrplan sehr gut aufgenommen.

Kritiker haben moniert, dass lernschwache Schüler durch das selbständige Lernen benachteiligt werden. Können die Lehrer denn gerade in solchen Fällen ihre Methodik anpassen?
Unbedingt, dass müssen sie sogar. Wenn man zu stark auf das selbständige Lernen setzen würde, könnte das durchaus dazu führen, dass einzelne Kinder überfordert wären.

Schulleitungen haben der ZSZ gegenüber gesagt, dass der Lehrplan 21 eine Anpassung daran sei, wie bereits heute unterrichtet werde. Was sagen Sie dazu?
Wir haben ein Weiterbildungsangebot, mit dem die Schulen eine Standortbestimmung machen können. In den letzten anderthalb Jahren haben über 60 Schulen dieses Angebot genutzt. Dabei hat sich gezeigt, dass einzelne Schulen – mit Ausnahme der neuen Fächer – kaum etwas verändern müssen. Für diese bedeutet der kompetenzorientierte Unterricht einen kaum merkbaren Übergang. Es gibt andere Schulen, die sind weiter davon entfernt. Diese Schulen müssen noch eine Entwicklung durchlaufen, bei der wir sie beraten.

Interview: Philippa Schmidt

Heinz Rhyn, Rektor der Pädagogischen Hochschule Zürich.

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