Stäfa

Von Schulden zum Raubmord getrieben

Das Theaterensemble Operatten zeigte an seiner Premiere im Statttheater Theodor Fontanes Novelle «Unterm Birnbaum». Darin geht es um Mord, Gewissensbisse und ein Beziehungsdrama.

Ursel (Alexandra Gerlof) und ihr Mann Abel Hradscheck (Harry Voigt) haben sich in arge Geldnöte gebracht.

Ursel (Alexandra Gerlof) und ihr Mann Abel Hradscheck (Harry Voigt) haben sich in arge Geldnöte gebracht. Bild: Michael Trost

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Der Mörder ist von Anfang an bekannt. Es ist der Wirt Abel Hradscheck (Harry Voigt), der in seiner Beiz auch einen Krämerladen führt. Hier trifft sich das Bauernvolk des kleinen Dorfs namens Tschechin an der deutsch-polnischen Grenze. Hier wird gezecht, gespielt und getratscht.

Da sich die Handlung von «Unterm Birnbaum» aus der Feder von Theodor Fontane, dem Autor von «Effi Briest», mehrheitlich hier abspielt, betritt man als Zuschauer nicht nur das Stäfner Statttheater, sondern nimmt zugleich Platz in diesem Landgasthaus. So nimmt die Bühne (Mike Cadurisch), mit der die Theatergruppe Operatten ihr Publikum jedes Jahr aufs Neue verblüfft, diesmal die gesamte Länge des Theaterraums ein. Da ist die Wirtschaft mit der Theke und der Kasse eingerichtet, eine Truhe symbolisiert den Zugang zum Keller, und ganz rechts sieht man sich den Wohngemächern des Ehepaars Hradscheck gegenüber. Die gelungene Ausstattung, die eine besondere Behaglichkeit ausstrahlt, ist dem örtlichen Brocki zu verdanken, aus dem ein Teil des Mobiliars stammt.

Darsteller brillieren mit Plattdeutsch

Hier wohnt und wirkt also Hradscheck mit seiner Frau Ursel. Ursel (Alexandra Gerlof) ist gebildet und leistet sich daher einen luxuriösen Lebensstil, der bei der einfachen Bevölkerung nicht gut ankommt. Dieses Gefälle zwischen wohlhabend und arm unterstreicht der Autor, indem er das niedrige Volk Plattdeutsch reden lässt, siedelt er doch seine Handlung im Oderbruch an, eine Gegend, in der dieser Dialekt üblich ist. Regisseur Michael Schwyter, der Fontanes Novelle als Stückfassung inszeniert hat, um dessen 200. Geburtstag zu würdigen, behält diesen Dialekt bewusst bei, wie er nach der Premiere verrät. Ein grosses «Bravo» gebührt an dieser Stelle all jenen Darstellenden, die als Bauernvolk oder Personal so zu reden haben und dies erstaunlich fliessend tun, als wärs ihre Muttersprache. Man versteht zwar nicht viel, kann aber aus dem Zusammenhang immerhin den Dialogen folgen.

Alle anderen, auch Pfarrerin Eccelia, die von der reformierten Pfarrerin Diana Trinkner im eigenen Talar verkörpert wird, reden Hochdeutsch. Die Pfarrerin braucht es, weil sowohl der Glaube als auch der Aberglaube einen wesentlichen Aspekt im Leben der Protagonisten einnimmt.

Eine künstlerische Freiheit erlaubt sich der Regisseur: Er lässt seinen Vater Paul Schwyter als Theodor Fontane auftreten, der zwischen den Szenen als Erzähler dem Geschehen einen Rahmen schenkt.

Blitz und Regen raffiniert umgesetzt

Wegen der Auslagen seiner Ursel und der eigenen Spielsucht hat Hradscheck Schulden. Sehr viel Schulden. Als wäre das nicht genug zermürbend, meldet sich noch der Getränkelieferant an, der auch bezahlt werden will. Von diesem Szulski (Jürg Girschweiler) weiss man, dass er sein Geld stets auf sich trägt. Da kommt dem verzweifelten Wirt, der unlängst beim Graben unterm Birnbaum auf eine «alte» Leiche gestossen ist und diese gleich im Keller versteckt hat, eine mörderische Idee. Er kann Ursel überzeugen, dabei mitzumachen. Doch ihre Gewissensbisse, das sei hier vorweggenommen, werden die religiöse Ursel am Schluss umbringen.

Was jetzt geschieht, ist raffiniert umgesetzt, der Fensterfassade hinter der Bühne sei Dank. Nicht nur das stürmische Gewitter mit Donnergrollen und Blitzen, die mittels der Spots an der Aussenwand des Theaters die Nacht an diesem Samstag erhellen, lässt einen erschaudern (Lichttechnik von Luki Meyer).

Auch der akustisch nachempfundene Regenschauer ist von stupender Echtheit. Und der Regisseur, der mitten im Publikum sitzt, unterstreicht mit seiner Handorgel zusätzlich das sich anbahnende Unheil, als wäre sein musikalischer Beitrag Teil der Handlung.

Ein Mord geschieht in dieser Nacht, Schatten huschen vorbei, eine Leiche verschwindet im Keller, Nachbarn beobachten aus der Ferne, Szulskis Wagen stürzt in die Oder, von ihm aber fehlt jegliche Spur. Die Polizei nimmt ihre Ermittlungen auf.

Es heisst, «Unterm Birnbaum» sei eine Kriminalgeschichte, die erst kürzlich als TV-Film im deutschen Fernsehen ausgestrahlt wurde. Michael Schwyter widerspricht: Fontane hat vielmehr das Psychogramm des Täters sowie ein Soziogramm seiner Umgebung gezeichnet. Zudem spielt sich ein klassisches Beziehungsdrama zwischen dem Wirtepaar ab. Mit dem biblischen Zitat «Es ist nichts so fein gesponnen, es kommt doch alles an die Sonnen» endet das Stück – die Worte kommen aus dem Mund einer Wahrsagerin.

Weitere Spieldaten im Statttheater, Bahnhofstrasse 52, in Stäfa: 15. bis 18., 22., 29., 31. Januar und 1. Februar, um 20 Uhr, Sonntag, 26. Januar, um 18 Uhr. Reservationen unter 077 423 52 40. www.statttheater-staefa.ch

Erstellt: 13.01.2020, 07:14 Uhr

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