Männedorf

Von Rabeneltern keine Spur

Das Naturnetz Pfannenstil lanciert wieder Spaziergänge vor der Haustür. Zum Auftakt in Männedorf drehte sich alles um die Rabenvögel. Insbesondere die Saatkrähen und die Turmdohlen standen im Zentrum.

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Wer sich über lautes Gekrächze von Krähen beklagt, kann bei Kaspar Hitz nicht punkten. «Sie gehören wie die Amsel gar zu der Familie der Singvögel», informierte der Ornithologe am frühen Donnerstagabend die rund 40 Interessierten, die sich vor der katholischen Kirche in Männedorf eingefunden hatten.

Auf dem ersten von insgesamt zwölf Spaziergängen zum Thema «Natur pur vor der Haustür», die vom Naturnetz Pfannenstil jeweils in einer der Pfannenstil-Gemeinden bis im Herbst organisiert werden, ging es um Rabenvögel. Das ist der Oberbegriff für alle Arten, die im Volksmund Krähen genannt werden.

Turmdohle tanzt aus der Reihe

Dazu gehören auch Turmdohlen. «Derzeit brüten drei bis vier Paare in Männedorf», schätzt Kaspar Hitz und schaut hinauf zum Kirchenturm, wo der örtliche Naturschutzverein acht Nistkästchen hinter den schmalen Fensteröffnungen installiert hat. Vereinsvertreter Amadeus Morell hatte sogar sein Fernrohr installiert, damit die Teilnehmer die Dohlen aus nächster Nähe betrachten konnten.

Ihr sanfter Ruflaut «Kia kia» unterscheidet sie von den restlichen Rabenvögel, deren intensives Gekrächze vom Menschen oft als störend empfunden wird. Auch die Farbe einer Turmdohle passe nicht ins Schema. Sie ist nicht rabenschwarz, hat blaue Augen und einen grauen Nacken. Um dies zu veranschaulichen, lässt der Ornithologe eine Aufnahme zirkulieren.

Auf der roten Liste

«Turmdohlen figurieren wegen ihres kleinen Bestands auf der roten Listen von bedrohten Brutvögeln», orientiert er und beziffert ihre Anzahl in der Schweiz mit geschätzten 1500 Brutpaaren. Im Vergleich zu den rund 150'000 Rabenkrähen sei das ein Klacks. Erst seit 2014 hätten sie den Turm der katholischen Kirche angeflogen und sich als Höhlenbrüter dank den eingangs erwähnten Nistkästen dort niedergelassen. Denn Turmdohlen, das sagt schon ihr Name, brauchen Nischen oder Öffnungen an Gebäuden, um ihr Nest zu bauen. «Was sie als Wegbegleiter des Menschen auszeichnet», sagt Hitz und beteuert, dass sie aber keine Schäden weder an Gebäuden noch in der Landwirtschaft hinterlassen.

Der Vogelkenner überwacht als freiwilliger Mitarbeiter der Schweizerischen Vogelwarte Sempach den Bestand der Dohlen und Saatkrähen in Männedorf. Zudem beringt er jedes Jahr die Jungvögel der mit 30 Brutpaaren grössten Dohlenkolonie im Kanton Zürich in Andelfingen. Er hat dabei «viel Persönlichkeit in diesem kleinen Tier» entdeckt und macht keinen Hehl daraus, dass Rabenvögel für ihn den grössten Sympathiefaktor geniessen. Auf dem Weg zur nächsten Station stellt er denn auch klar: «Diese Vögel sind keine Rabeneltern, sie umsorgen vielmehr zärtlich ihre Jungen.» Dieser Begriff müsste geändert werden.

Krächzen statt Gesang

Nach wenigen Schritten hält Kaspar Hitz unweit der reformierten Kirche am Tötzliweg. Da die Bäume noch kaum Blätter tragen, sind die grossen Nester der vor vier Jahren hier aufgetauchten Saatkrähen klar erkennbar. Die schwarz gefiederten und bläulich schimmernden Vögel machen sich lautstark an ihren Nestern zu schaffen, schwingen mit ihren Flügeln oder umkreisen die Baumwipfel.

Da es sich um Koloniebrüter handelt, wie Hitz erklärt, bleiben sie stets in Kontakt mit ihren Nachbarn und verursachten jenen Geräuschpegel, der von Anwohnern nicht selten als unangenehm empfunden würde. Ihren Ruf imitiert er auf einer Pfeife, was doch eher als ein heiseres nasales Krächzen als ein Gesang bezeichnet werden kann. Er aber zuckt nur die Schultern und lächelt. Bei einem Paar, sagt er gelassen und zeigt in die Richtung eines Nestes, fände gerade eine Begattung statt.

Kolonie ist rückläufig

Die Zahl der Nester in Männedorf ist 2017 auf 33 gestiegen, dieses Jahr werden es um die 24 Nester sein. Die Tendenz in der Kolonie sei also leicht rückläufig. Der heimische Vogel, der kein Zugvogel ist und von dem schweizweit bis zu 8000 Brutpaare erfasst worden sind, habe sich wegen der Bejagung durch Menschen in der Feldflur in Siedlungsgebieten niedergelassen, weil er sich da sicher fühlt. Saatkrähen waren in der Schweiz bis 2010 geschützt, seit 2012 dürfen sie gejagt werden. Schonzeit ist von Mitte Februar bis Ende Juli während der Brutzeit.

Ihr Name weist darauf hin, dass Saatkrähen sich von Insekten und Würmer ernähren, nach denen sie mit ihrem markanten Schnabel in der aufgelockerten Erde auf Feldern stochern. «Sie suchen dabei nicht nach Saatkeimlingen», versichert der Ornithologe, was fälschlicherweise angenommen werde. Wie die Turmdohlen hinterlassen auch Saatkrähen kaum Schäden im Kulturland. Ihr Kot kann aber in Siedlungen störend wirken. «Wer seinen schwarzen Wagen unterhalb einer Kolonie abstellt, findet ihn weiss vor.» Ansonsten stellt der Ornithologe den Saatkrähen ein «tadelloses Führungszeugnis» aus. (Zürichsee-Zeitung)

Erstellt: 20.04.2018, 15:14 Uhr

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