Küsnacht

Von fanatischen Nazis und jüdischen Orangenzüchtern

Autor Thomas Meyer hat in Küsnacht aus «Wolkenbruchs waghalsiges Stelldichein mit der Spionin» gelesen. Die Fortsetzung seines Bestsellers strotzt vor zynischem Humor.

Thomas Meyer liest in der Buchhandlung Wolf aus seinem neuen Wolkenbruch-Buch.

Thomas Meyer liest in der Buchhandlung Wolf aus seinem neuen Wolkenbruch-Buch. Bild: Moritz Hager

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Über 50 Personen sind am Dienstagabend in der Küsnachter Buchhandlung erschienen, um jenen Autor live zu sehen und zu hören, der 2012 mit «Wolkenbruchs wunderliche Reise in die Arme einer Schickse» einen Bestseller gelandet hat. Und damit gleich so berühmt wurde, dass es ihm beinahe den Schweizer Buchpreis 2012 eingebracht hätte. Über 150'000 Mal wurde der Roman verkauft und rund 300'000 Kinobesucher haben die Verfilmung von Michael Steiner hierzulande gesehen. «Wolkenbruch» habe es als einziger Schweizer Spielfilm bisher auf Netflix geschafft, wie Meyer nicht ohne Stolz verrät. Zudem wurde er für den Oscar als «bester fremdsprachiger Film» eingereicht. So viel zum berühmten Vorgänger von Meyers im Herbst erschienenen Fortsetzung «Wolkenbruchs waghalsiges Stelldichein mit der Spionin».

Wie der Titel schon andeutet, steht wieder der orthodoxe Jude Mordechai, alias Motti, Wolkenbruch im Zentrum des, mit Verlaub, unwahrscheinlichen Geschehens. Der Roman beginnt dort, wo der erste geendet und wo Thomas Meyer seinen Motti sieben Jahre lang sitzen gelassen hat, nämlich in einem Zürcher Hotelzimmer. «Das war einfacher für mich», begründet der 45-jährige Autor mit jüdischer Mutter und christlichem Vater.

Geheimagent trifft Spionin

Da sitzt nun Motti vor einem Gin Tonic, von seiner Familie verstossen, weil er sich mit der Nichtjüdin Laura, der Schickse, eingelassen hatte. Auch trägt er keine Kippa und keinen Bart mehr, sondern Jeans und T-Shirt und hat aufgehört, zu beten und koscher zu essen. Was er in diesem Moment nicht weiss: Es wird in seinem nächsten Lebensabschnitt fern der Familie wieder eine Schickse geben, die deutsche schöne Spionin Hulda, die er dann als Geheimagent Mickey erfolgreich verführt, obschon er sie eigentlich eliminieren sollte.

Doch nun der Reihe nach. Motti erhält Besuch und wird von den «Verlorenen Söhnen Israels» aufgenommen, die in einem Kibbuz im Süden von Tel Aviv ihr Zentrum haben. Die Selbsthilfegruppe entpuppt sich bald als das Hauptquartier der Jüdischen Weltverschwörung, die nichts Geringeres anstrebt als die Weltherrschaft. Und dies mit einem genialen Geschäftsmodell, in dem Orangen im Fokus stehen und das Motti oder eben Mickey, der zum Leader der Weltjuden aufgestiegen ist, entwickelt hat.

Der Zürcher Erfolgsautor Thomas Meyer besuchte am Dienstagabend Küsnacht.

Dass Meyer, der seit 2012 auch andere Bücher geschrieben hat – er nennt sie nicht ohne Schalk in den Augen «Ladenhüter» – über eine überbordende Fabulierkunst verfügt, ist weitreichend bekannt. Doch dass er als Halbjude in einem zweiten Handlungsstrang einem Haufen fanatischer Nazis erlaubt, in ihrer Alpenfestung in Bayern danach zu trachten, dem einstigen Reich wieder auf die Füsse zu helfen, ist ein starkes Stück. Denn auch sie beanspruchen die Weltherrschaft für sich. Sie entwickeln dazu das neugermanische «Volksrechnerlein», das später als Smartphone die Massen begeistern wird, um damit im Volksnetz, sprich Internet, Hetze in der ganzen Welt zu verbreiten. Und weil es bei Meyer nicht ohne zynischen Humor geht, lässt er den SS-Gruppenführer Wolf ausrufen, die Idee sei so genial, könnte glatt von einem Juden sein.

Er darf das

Es wäre zu einfach, Thomas Meyers haarsträubende Geschichte als abstrus abzutun. Schliesslich führt er die Verschwörungstheorien ad absurdum und löst dabei, wie an der Küsnachter Lesung, viel Heiterkeit aus. Eigentlich ist das Buch ein Versuch, gegen Vorurteile und Antisemitismus anzukämpfen, ohne Hemmung, sie dabei ins Lächerliche zu ziehen und mit Klischees zu spielen. Ein Thomas Meyer darf das, ohne als Rassist verschrien zu werden.

Wer die Menschheit vor dem Dritten Weltkrieg bewahrt und wer das Weltjudentum rettet, verrät Meyer seinem Publikum verkaufsstrategisch nicht. Doch wenn schon die wenigen Passagen pures Vergnügen bereitet haben, tut es die gesamte Lektüre der 275 Seiten ebenso.

Erstellt: 13.11.2019, 17:02 Uhr

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