Meilen/Küsnacht

Von der Kunst des schönen Briefeschreibens

In Daniel Sonders Roman schreibt der Protagonist ausführliche Liebesbriefe an Unbekannte. Anlässlich einer Lesung des Meilemer Autors wurde ein Schreibwettbewerb lanciert.

Autor Daniel Sonder und Verlegerin Katrin Sutter erzählen von ihrem Wettbewerb.

Autor Daniel Sonder und Verlegerin Katrin Sutter erzählen von ihrem Wettbewerb. Bild: Manuela Matt

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Wer schreibt heute noch lange romantische Liebesbriefe? Wir leben doch in einem digitalen Zeitalter, das von schnelllebigen Chats, E-Mails und Kurznachrichten geprägt ist. Wer setzt sich da noch hin, um auf mehreren Seiten ausgeklügelte Botschaften über seine innersten Gefühle zu präsentieren?

Diese Fragen stellt sich Daniel Sonder in seinem Buch «Der Schönschreiber». Sein Romanheld W. verfasst seitenweise Liebesbriefe an Unbekannte. Anlässlich seiner Lesung in der Chrottegrotte, organisiert vom Verein Kulturbar Küsnacht, können sich nun auch andere dieser Kunst stellen. Der Autor organisiert gemeinsam mit dem Arisverlag einen Schreibwettbewerb. Die Teilnehmer sind dazu aufgefordert, ihre schönsten realen oder fiktiven Liebesbriefe einzusenden. Die Gewinner können ihr Werk an Sonders Lesung Anfang November zum Besten geben.

«Diese ausführliche Form des schriftlichen Umwerbens ist im Niedergang», sagt Sonder. Das komme von der modernen Kommunikation. «Auf schnelllebigen Vermittlungs-Apps wie Tinder schreibt man keine langen Texte.»

«Nach der Veröffentlichung des Buches haben wir von Lesern gehört, die ebenfalls verführerische Chats oder E-Mails in der Schublade haben», ergänzt Verlegerin Katrin Sutter. «Diesen wollen wir eine Plattform bieten.» Erste Einsendungen gibt es schon. «Angeschaut haben wir sie aber noch nicht», sagt Sutter. Denn noch steht die Jury nicht ganz fest. Neben Sonder selber wird aber jeweils jemand vom Arisverlag und der Kulturbar die Texte bewerten. Jeder wählt aus den anonymisierten Einsendungen seine Favoriten und dann wird ausdiskutiert.

Das offene Format könne die Bewertung jedoch schwierig machen, sagt Sonder. «Wir lassen uns von den Texten überraschen.»

Der narzisstische Romantiker

Im Roman schreibt W. seine Briefe als E-Mails an zahlreiche Frauen – oft gleichzeitig – , die er über Online-Datingplattformen kennen lernt. «Es geht ihm dabei mehr um die Kunst des Schreibens als um ein potenzielles Treffen», erzählt Sonder. «Ist W. ein verletzter Romantiker oder ein narzisstisches Arschloch?» Die Antwort bleibt dem Leser überlassen.

Goethes Werther als Namensvetter ist übrigens reiner Zufall. «Aber ich würde gerne sagen, ich hätte die Idee absichtlich gehabt», sagt Sonder. Der Roman ist das Erstlingswerk des Meilemer Autors. Die Briefe bieten einen Einblick in das private Fantasieleben einer Kunstfigur. Doch sie sind durchaus inspiriert von realen Begebenheiten. Sonder kenne solche Plattformen aus eigener Erfahrung und damit habe sich Material angesammelt. Ob es bei dem einen Buch bleibt, ist noch unklar. Lust zum Weiterschreiben hätte er auf jeden Fall.

Der Roman erschien im Herbst 2017 beim Arisverlag. «Uns interessierte, was hinter der Figur steckt», sagt Sutter. Wer ist W.? Die Frage lässt sich vielleicht im Buch beantworten. «W. bewegt sich immer im Spannungsfeld zwischen schlechtem Menschen und Künstler.» Die Publikationen des jungen Verlags sollen zum Nachdenken und Diskutieren anregen. Seit 2017 hat der Verlag mehrere Sachbücher und Romane veröffentlicht.

Einen ähnlichen Wettbewerb initiierte der Verlag vor einem Jahr zum Thema Krimi. Dieses Mal soll es eher romantisch zu- und hergehen. Sonders Roman kann den Teilnehmern Inspiration bieten. «Aber nicht einschüchtern lassen, denn W. ist ein Könner», sagt Sutter mit einem Lächeln.

15. September eingesandt werden: www.arisverlag.ch/wettbewerb. (Zürichsee-Zeitung)

Erstellt: 09.08.2018, 14:17 Uhr

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