Männedorf

Viel Widerstand gegen Schliessung der Tagesklinik Männedorf

Zahlreiche Psychiater und Politiker wehren sich gegen die Pläne der Clienia, die Tagesklinik sowie das sozialpsychiatrische Angebot einzustellen. CEO David Bosshard spricht von einer notwendigen Konzentration spezialisierter Angebote.

Dass die Clienia ihre Tagesklinik sowie das  sozialpsychiatrische Ambulatorium in Männedorf aufheben will, erregt die Gemüter weit über die Grenzen des Bezirks Meilen hinaus.

Dass die Clienia ihre Tagesklinik sowie das sozialpsychiatrische Ambulatorium in Männedorf aufheben will, erregt die Gemüter weit über die Grenzen des Bezirks Meilen hinaus. Bild: Manuela Matt

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700 Personen waren Ende November im Ambulatorium des Psychiatriezentrums Männedorf in Behandlung. 80 Personen sind als Patienten der Tagesklinik ­registriert. Für sie könnte sichim nächsten Halbjahr einiges ­ändern.Ende November informierte die Clienia AG, dass sie plant, die Tagesklinik sowie das sozialpsychiatrische Angebot des Psychiatriezentrums Männedorf (PZM) in den nächsten Monaten zu schliessen. Stattdessen sollen die tagesklinischen Angebote auf Wetzikon und Uster konzentriert werden. Betroffene Patienten aus dem Bezirk Meilen müssten sich künftig im Oberland behandeln lassen. Das Männedörfler Ambulatorium soll als Gruppenpraxis weitergeführt werden.

Die Tagesklinik der Clienia an der Bergstrasse in Männedorf soll geschlossen werden. Bild: Manuela Matt

Umfassende seelische Hilfe

Das Vorhaben der Privatklinikgruppe stösst auf grossen Widerstand. Zahlreiche Psychiater und Patienten sammelten innert Kürze Unterschriften gegen das Vorhaben, 74 Kantonsräte reichten beim Regierungsrat eine dring­liche Anfrage ein. Eine der Fachpersonen, die das Vorhaben der Clienia kritisieren, ist die Psych­iaterin Iris Schäppi. Sie hat eine eigene Praxis in Stäfa und war von 2004 bis 2007 im Psychia­triezentrum Männedorf tätig, hauptsächlich als Oberärztin. Aus wirtschaftlichen Gründen möge die geplante Umstrukturierung für die Clienia günstig sein. «Leidtragende sind aber in grossem Ausmass Menschen, die umfassende seelische Hilfe brauchen.» Das sind laut Schäppi vor allem Personen, für die eine stationäre Betreuung ein zu grosser Einschnitt wäre, die aber mit ­wöchentlich ein, zwei ambulanten Gesprächen nicht genügend unterstützt sind. Diese Patienten hätten in der Tagesklinik des Psychiatriezentrums Männedorf ein geeignetes Gefäss gefunden.

«Leidtragende sind in grossem Ausmass Menschen, die umfassende seelische Hilfe brauchen.» Iris Schäppi, Psychiaterin

In einem solchen Setting sei eine viel umfassendere Behandlung möglich als in einer Praxis. Etwa durch Angebote wie Sozialtraining, Ergo- oder Bewegungstherapie. «Manchmal ist der Zugang zu Patienten nicht mehr durch Gespräche möglich, sondern erfolgt über andere Sinne.» Mit einer Tagesklinik ist laut der Psychiaterin auch das Behandlungsprinzip «ambulant vor teilstationär vor stationär» erfüllt, welches der Kanton anstrebt.

Patienten mit Angststörung

Dass die betroffenen Patienten aus der Zürichseeregion künftig in die Tageskliniken nach Wetzikon oder Uster reisten, hält Schäppi für unwahrscheinlich. Patienten etwa mit einer Angst- oder Panikstörung würden es nicht schaffen, mit öffentlichen Verkehrsmitteln von Männedorf nach Wetzikon zu reisen und ­dazwischen noch einmal um­zusteigen. «Das sind sensible, störungsanfällige, empfindsame Menschen.» Es brauche ein ­gemeindenahes psychiatrisches An­ge­bot.

«Für Leute, die nicht so belastbar sind, muss eine Institution in der Peripherie vorhanden sein.»Anouk Gehret, Präsidentin Zürcher ­Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie (ZGPP)

Diese Meinung teilt die Psych­iaterin Anouk Gehret: «Für Leute, die nicht so belastbar sind, muss eine Institution in der Peripherie vorhanden sein.» Gehret ist Präsidentin der Zürcher ­Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie (ZGPP), zu der knapp 500 Ärzte gehören. Sie sei besorgt über die angekündigte Entwicklung. «Banal gesagt ist es eine Katastrophe.» Das Psychiatriezentrum habe auch im Bereich Notfallversorgung einen wichtigen Baustein dargestellt. «Das wird die Gewährleistung des Notfall­dienstes tangieren.» Die ZGPP-Präsidentin wirft die Frage auf, wie die Clienia nach der Umstrukturierung den kantonalen Leistungsauftrag am rechten Ufer überhaupt noch erfüllen kann. Laut Fachpersonen verlangt das Psychiatriekonzept des Kantons Zürich eine wohnort­nahe Versorgung.

«Bereits heute defizitär»

David Bosshard, CEO der Clienia-Gruppe, ist überzeugt, dass sein Unternehmen die Vorgaben des Kantons auch künftig erfüllen kann. «Unsere Erfahrung zeigt, dass mit Gruppenpraxen eine äusserst effiziente Grundversorgung der Patienten möglich ist.» Alle 21 Sprechzimmer des Ambulatoriums Männedorf würden zur Gruppenpraxis umgewandelt. «Damit können wir alle psych-ia­trischen Grunderkrankungen ­abdecken.» Sozialpsychiatrische Leistungen wie etwa Sozialberatung, Familienbegleitung oder Beratung etwa zu IV würden in Wetzikon konzentriert.

Bosshard geht aber nicht davon aus, dass Patienten künftig im grossen Stil nach Wetzikon reisen müssten. «Die Tragfähigkeit von Gruppenpraxen darf nicht unterschätzt werden.» Im Übrigen seien die Seegemeinden sehr gut an Zürich und damit an die Tages­kliniken der Psychiatrischen Universitätsklinik angebunden. Bosshard bedauert zwar die Schliessung der Tagesklinik in Männedorf. Er gibt aber zu bedenken, dass es «nicht mehr möglich ist, an allen Orten alles anzubieten». Die Konzentration spezialisierter Angebote sei ein Trend, der auch bei Spitälern praktiziert werde.

Die Gründe für die Umstrukturierung des ambulanten psych­iatrischen Angebotes sind laut dem Clienia-CEO wirtschaft­licher Natur: «Tageskliniken und sozialpsychiatrische Angebote sind bereits heute defizitär.» Nun habe der wirtschaftliche Druck nochmals zugenommen. Die vom Bundesrat im Herbst nach unten korrigierten Abrechnungstarife hätten empfindliche Einnahmeverluste zur Folge. Zudem besteht seit Jahren ein Streit mit Krankenkassen und Kanton, wer nicht medizinische Kosten übernehmen muss. Die Clienia bekenne sich klar zu den Leistungsaufträgen und zur Sozialpsychiatrie. «Als private Familienunternehmung können wir Defizite aber nur beschränkt ausgleichen.» Über die konkreten Massnahmen entscheidet der Clienia-Verwaltungsrat Ende Januar.

Erstellt: 15.12.2017, 10:13 Uhr

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