Drohungen

Verwaltung schützen und schulen

Drohungen gegen Gemeindeangestellte sind keine Seltenheit. Dass das Stäfner Gemeindehaus jetzt unter Polizeischutz steht, ist aber eine Ausnahme. Wie sind die Seegemeinden auf mögliche Konflikte vorbereitet? Eine Umfrage.

Das Gemeindehaus in Stäfa ist derzeit kein offenes Gebäude, der Zutritt wird von einem Sicherheitsdienst kontrolliert.

Das Gemeindehaus in Stäfa ist derzeit kein offenes Gebäude, der Zutritt wird von einem Sicherheitsdienst kontrolliert. Bild: Patrick Gutenberg

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Sicherheitspersonal kontrolliert derzeit, wer das Stäfner Gemeindehaus betreten möchte. Diese Massnahme wurde am Mittwoch eingeführt, weil ein 25-jähriger Mann vor rund drei Wochen im Gemeindehaus ausgerastet ist und mit beängstigenden Drohungen um sich warf. Der Mann, der Verwandte in Stäfa hat, aber selber nicht dort wohnt, forderte Leistungen ein, die ihm nicht zugesprochen werden konnten. Er wurde verhaftet, ein Strafverfahren läuft. Aus der Untersuchungshaft wurde er aber am Mittwoch entlassen. Dies war der Grund für besondere Sicherheitsvorkehrungen.

Obwohl die Staatsanwaltschaft kein Gefahrenpotential mehr feststellte, hat sich die Gemeinde entschieden, ihr Personal mit Sicherheitsmassnahmen zu schützen. «Wir haben gegenüber unseren Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sowie den Besuchenden des Gemeindehauses die Pflicht, die Sicherheit zu gewährleisten», sagt Erich Maag, stellvertretender Gemeindeschreiber in Stäfa. Die Kosten für Sicherheitsdienst und Umrüstungen im Gebäude betragen vorläufig rund 12 000 Franken.

Gemäss Maag habe man vor über zehn Jahren schon einmal ein ähnliches Dispositiv in Stäfa einrichten müssen. Damals drohte ein Bewohner mit der Erschiessung von Mitarbeitern.In der Zwischenzeit hat die Gemeinde Schulungen für Mitarbeiter durchgeführt. «Dabei verfolgen wir insbesondere einebewusste Deeskalationsstrategie in den heikleren Bereichen der Gemeindeverwaltung», sagt Maag. Zusätzlich sei die interne Alarmorganisation neu organisiert und verstärkt worden.

Stäfa ist kein Einzelfall

In der Schweiz häufen sich tätliche und verbale Angriffe gegen Amtspersonen. Polizei, Sanität und Feuerwehr. Deshalb versuchten Politiker schon mehrmals, das Strafmass im Artikel 285 des Schweizerischen Strafgesetzbuches - Gewalt und Drohungen gegen Behörden und Beamten - zu erhöhen. Bisher scheiterten solche Vorstösse, sei es 2014 im Zürcher Kantonsrat, sei es 2018 im Ständerat.Immerhin gibt es seit 2016 im Kanton Zürich ein kantonales Bedrohungsmanagement.Dort steht die Polizei bereits bei unklaren bedrohlichen Situationen als Ansprechpartner zur Verfügung.

«Hier wird konsequent
die Polizei eingeschaltet
beziehungsweise Strafanzeige
eingereicht.»
Felix Oberhänsli
Gemeindeschreiber Horgen

Stäfa ist kein Einzelfall, das Gemeindehaus im Säuliämtler Knonau musste im letzten Mai aus Sicherheitsgründen sogar mehrere Tage ganz geschlossen werden. Damals wurden Mitglieder des Gemeinderats, deren Familien sowie das Verwaltungspersonal von einer Person an Leib und Leben bedroht. In Spreitenbach drohte 2015 ein Mann mit einem «Blutbad» im Gemeindehaus. 2014 verletzte ein Mann eine Mitarbeiterin des Sozialdienstes im Aargauischen Kölliken. Schockierender Tiefpunkt: 2011 erschoss ein Kosovare in Pfäffikon ZH zuerst seine Frau auf offener Strasse und danach vor dem Gemeindehaus die Leiterin des Sozialdienstes.

Nulltoleranz bei Drohungen

In der Region Zürichsee sind Drohungen gegen Gemeinden kein Novum. «In Richterswil gab es bereits mehrere Vorfälle gleicher Art», sagt Gemeindeschreiber Roger Nauer. Deshalb wurde das Personal in den Abteilungen Soziales, Steuern und Einwohnerwesen in den vergangenen zwei Jahren mehrfach geschult und Verhaltensregeln definiert. «Die Schulungen haben wir in Zusammenarbeit mit der Fachstelle Gewaltprävention Zürcher Oberland durchgeführt.».

Verfehltes Verhalten gegenüber Mitarbeitenden der Stadtverwaltung komme auch in Adliswil vor, teilt die für Sicherheit zuständige Stadträtin Susy Senn (FDP) mit. «In dem Ausmass, wie dies in Stäfa scheinbar stattgefunden hat, ist dies aber in Adliswil bisher zum Glück noch nie erfolgt.»Horgen praktiziertbei Drohungen gegenüber Mitarbeitenden «Nulltoleranz», wie esGemeindeschreiber Felix Oberhänsli bezeichnet. «Hier wird konsequent die Polizei eingeschaltet und Strafanzeige eingereicht.» Komme hinzu, dass die Gemeindepolizei im Gemeindehaus stationiert ist. Parallel dazu stehe Horgen jeweils in engem Kontakt mit dem Gewaltschutz der Kantonspolizei.

Personal ist sensibilisiert

Ein lautstarker und fordernder Auftritt eines Mannes im Gemeindehaus Uetikon hat 2018 zu einem Prozess geführt. Die Umgangsformen in der Uetiker Verwaltung bleiben aber unverändert, wie Gemeindepräsident Urs Mettler (parteilos) sagt. «Wenn jemand ausrastet, dann ist unser Personal sensibilisiert und instruiert, wie es reagieren soll.»

Auch in Adliswil wurde das Personal vorbereitet, weil bedrohliche Situationen mit Kunden in aller Regel nicht von einem Moment auf den anderen entstehen, erklärt Stadträtin Senn. «Es ist unser Ziel, dass eine problematische Entwicklung einer Situation oder gar eine Eskalation früh erkannt wird und Massnahmen zur Beruhigung oder Deeskalation getroffen werden können.» In Horgen finden gemäss Gemeindeschreiber Oberhänsli«punktuell Schulungen von Mitarbeitenden statt».

Details bleiben geheim

Was die Gemeinden technisch und baulich für die Sicherheit unternehmen, wird nicht an die grosse Glocke gehängt. Küsnacht sei sich bewusst, dass Vorfälle wie in Stäfa passieren könnten. Deshalb seien «entsprechende Vorkehrungen getroffen worden» , teilt Gemeindeschreiberin Catrina Erb Pola mit. Aus einsatztaktischen und aus Sicherheitsgründen könntenaberkeine genauen Angaben gemacht werden. In Adliswil gibt es ebenfalls Sicherheitsvorkehrungen im Stadthaus, ohne dass Details bekanntgegeben werden. In Horgen sind in einzelnen Abteilungen ergänzende – auch präventive –Vorkehrungen und Massnahmen getroffen worden.

Bisher gibt es in den Richterswiler Gemeindehäusern mehr oder weniger freien Zugang, teilt Roger Nauer mit. «Eine Ausnahme bildet die Abteilung Soziales, dort gibt es einen Schalter und nur Zugang, wenn man sich dort angemeldet hat.» Im Uetiker Gemeindehaus sind in einigen Abteilungen Notfallknöpfe installiert. Aber eine laute Stimme würde dort ohnehin zu einer Reaktion führen. «Bei uns stehen die meisten Bürotüren offen, da springen alle auf und schauen nach dem Rechten, wenn sie etwas Ungewöhnliches vernehmen», erklärt Gemeindepräsident Mettler. «Die offenen Türen gehören bei uns zur Verwaltungskultur», sagt er. «Uetikon will offen und transparent sein.»

Erstellt: 25.04.2019, 18:09 Uhr

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