Zumikon

«Vereinsamung macht krank»

Was die Vitalität bis ins Alter beeinflusst und wie das Ende kein «Kampf an Schläuchen» wird: Darüber sprach der ehemalige Zürcher Stadtarzt Albert Wettstein.

«Beziehungen sind der schützende Faktor schlechthin», sagt Albert Wettstein.

«Beziehungen sind der schützende Faktor schlechthin», sagt Albert Wettstein. Bild: pd

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Es ist nicht das schwache Herz, nicht die Arthrose und auch nicht die nachlassende Gehirnleistung, worunter die älteren Menschen hierzulande besonders leiden. Nein: «Der Krankmacher Nummer eins ist die Vereinsamung.»

Das sagt, wer es wissen muss: Albert Wettstein, ehemaliger langjähriger Zürcher Stadtarzt. Bis zu hundert Hausbesuche hat er in dieser Funktion pro Jahr abgestattet. Heute ist der 72-Jährige Privatdozent für geriatrische Neurologie an der Universität Zürich und ebenda Leitungsmitglied des Zentrums für Gerontologie.

Am Mittwochnachmittag nun hat er in Zumikon über Mythen und Fakten des Älterwerdens gesprochen. Dies auf Einladung des Vereins Senioren für Senioren Küsnacht-Erlenbach-Zumikon. Freilich sei es nicht so, dass die anderen der genannten Beschwerden im Alter kein Thema wären. Indes, erklärt Wettstein, die Einsamkeit wirke verstärkend, da sie den Fokus auf die Gebrechen lenke. Aber, es gebe noch mehr Zusammenhänge. Der Geriater zeigt auf, was hierzu im Rahmen der Schweizerischen Gesundheitsbefragung von 2017 zutage getreten ist.

Wichtige Freunde

So würden im selben Zeitraum mehr Menschen sterben, die keine verlässliche Beziehung pflegen als solche mit deren drei oder mehr – dies bei ansonsten vergleichbaren Lebensbedingungen. «Beziehungen sind der schützende Faktor schlechthin», gibt Wettstein den rund 180 Zuhörern zu denken. Ein enges soziales Netz stehe zudem für ein rund achtfach geringeres Risiko, an Demenz zu erkranken im Unterschied zu fehlenden oder spärlichen Kontakten.

«Das Beisammensein ohne Müssen ist ein Faktor gegen die Vereinsamung»Albert Wettstein

Erforscht habe man dies unter anderem an Patienten nach einer schweren Operation: Wem wurde wie stark im Spital telefonisch oder persönlich nachgefragt und wie hätten sich jeweils die weiteren Genesungsverläufe gestaltet? Besonders positiv sei dabei der Kontakt zu Freunden ausgefallen, noch vor denjenigen zu Familienmitgliedern. Dies, da bei Letzteren der Besuch oft als Pflicht empfunden werde. «Das Beisammensein ohne Müssen ist ein Faktor gegen die Vereinsamung», sagt Wettstein. Desgleichen: zärtliche Gesten – eine Umarmung oder das Streicheln einer Hand etwa. Wichtig sei, die Reaktion des Berührten genau zu beobachten und Ablehnung ernst zu nehmen.

Ein Glas pro Tag

Beziehungen sind demnach Teil eines gesunden Lebensstils. Und dieser beeinflusse die Vitalität im Alter mehr als gemeinhin angenommen die medizinische Versorgung. Mehr auch als Gene und Umwelt, sagt Wettstein. «Zu einem gesunden Lebensstil gehört zudem eine Ernährung mit viel Früchten und Gemüse», führt er aus. «Rotes Fleisch, Speck und Würste aber tragen zu Ablagerungen in den Arterien bei.» Hingegen empfiehlt er den massvollen Alkoholkonsum – das heisst: ein Glas pro Tag – und, regelmässige, Bewegung, «die ins Schwitzen bringt».

Depressiv oder aggressiv

Wettstein kommt zudem auf die Patientenverfügung zu sprechen, sehe er doch oft, dass eine solche fehle. Zudem beobachte er, dass viele Menschen noch immer glauben würden, man sterbe nach langem Kampf «an Schläuchen».

In der Realität aber «geschieht hierzulande der Tod meist nach einem bewussten Verzicht auf lebensverlängernde Massnahmen.» Wettstein nennt hierbei das Prinzip der Palliativen Medizin, das darauf fokussiere, das Leid zu lindern statt um jeden Preis das Leben zu verlängern. «Wer in einer Patientenverfügung den Verzicht auf jegliche Schläuche verlangt», sagt er, «erhält auch keine Magensonde und keine Infusion, um den Wasserhaushalt aufrecht zu halten.» Der Patient faste dann terminal. «Das Blut wird dick, der Betroffene dadurch apathisch, und er schläft ruhig ein», beschreibt Wettstein.

Vordem werden Betagte oft zuhause gepflegt – keine zu unterschätzende Aufgabe, wie der Referent sagt. Besonders, wenn der Betreute an Demenz leide. Wettstein warnt: «Wer das ganz allein macht, wird entweder depressiv oder aggressiv.» Man solle auf professionelle Entlastung auch sich zuliebe nicht verzichten.

Erstellt: 14.11.2019, 16:08 Uhr

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Haben Sie etwas Spannendes gesehen oder gehört?
Schicken Sie uns ihr Bild oder Video per E-Mail an webredaktion@zsz.ch oder informieren Sie uns telefonisch unter der Nummer 044 928 55 82. Mehr...

Inserieren

Anzeigen online aufgeben
Inserate einfach online aufgaben

Kommentare

Blogs

Michèle & Friends Midlife-Crisis? Nehm ich!

Von Kopf bis Fuss Diese Frau erinnert sich an alles