Küsnacht

Unterwegs mit Picci, Sally, Sissy und Marie-Claire

Peter Schälchli fotografiert beruflich Kunst und Antiquitäten für alles, was Rang und Namen hat. Doch sein Herz gehört – nebst seiner Frau – vier Ziegendamen. Auf seinen täglichen Spaziergängen mit den Tieren in der Natur tankt er Kraft und lässt den Alltagsstress hinter sich.

Der Küsnachter Fotograf Peter Schälchli mit seinen österreichischen Tauernscheckenziegen.

Der Küsnachter Fotograf Peter Schälchli mit seinen österreichischen Tauernscheckenziegen. Bild: Manuela Matt

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Marie-Claire meckert. Es ist ein feines, zartes Meckern. «Das bedeutet, dass sie zufrieden ist», sagt Peter Schälchli und krault sie am Hals. Marie-Claire ist ein Ziegenweibchen. Sie gehört zur Rasse der österreichischen Tauernscheckenziegen, einer stark gefährdeten alten Haustierrasse. Zusammen mit ihren Artgenossinnen Picci, Sally und Sissy gehört sie seit vier Jahren dem Küsnachter Fotograf Peter Schälchli.

Bereits als Junge habe er davon geträumt, Geissen zu halten, erzählt der 68-Jährige bei einem Rundgang durch sein grosszügiges Geissengehege auf der Forch. Doch erst vor vier Jahren hat er den Traum in die Tat umgesetzt. Unter dem mächtigen Nussbaum bleibt der grossgewachsene Mann mit dem kräftigen Händedruck stehen. Er deutet auf die Ziegen, die gerade Heu aus einer Raufe im offenen Stall zupfen: «Es war Liebe auf den ersten Blick.»

Jedes Tier sieht anders aus

Bei einer Geissenshow in Wattwil vor fünf Jahren stiess der Küsnachter zufällig auf die seltene Rasse der Tauernschecken. Die elegant geschwungenen Hörner der Tiere sowie ihre Musterung hatten es dem gelernten Fotografen angetan. Im Unterschied zu anderen Rassen sehe jedes der Tiere anders aus, schwärmt er.

Bevor die vierjährigen Ziegenweibchen auf dem Grundstück einzogen, lag es 15 Jahre lang brach. Entsprechend viel musste gerodet und eingerichtet werden. Schälchli deutet auf einen Schlauch. Erst kürzlich habe er eine neue Wasserleitung einziehen lassen. «Meiner Frau gebe ich jeweils nur die Hälfte der Spesen an», sagt er und lächelt verschmitzt. Sie hätten es aber sehr gut miteinander, stellt er sofort klar. Bereits 38 Jahre ist der gebürtige Meilemer mit der Italo-Amerikanerin verheiratet. Die beiden haben zwei erwachsene Kinder.

Geissenfest dank Gratisland

Das Gelände unterhalb der Forchbahngleise sei ihm von der Gemeinde Küsnacht umsonst überlassen worden, erzählt Peter Schälchli. «Es hiess einfach, ich solle mal ein paar Würste für die Verantwortlichen auf den Grill legen.» Aus den paar Würsten ist ein veritables Quartierfest geworden: 200 Würste, 100 Liter Bier sowie Wein und Mineral haben die Besucher des diesjährigen «Geissenfestes» im Juni gegessen und getrunken.

Zweimal am Tag besucht der Küsnachter seine «vier Mädchen», wie er sie liebevoll nennt. Er wohnt im Quartier gleich nebenan. Ist das Wetter gut, geht es mit den Geissen raus in die Natur. Teils nur für eine halbe Stunde, manchmal für lange Märsche etwa auf den Pfannenstiel. Jetzt ist es wieder soweit: Schälchli greift sich den langen Hirtenstab beim Gattereingang und klatscht in die Hände: «Kommt, kommt», lockt er. Sofort traben Marie-Claire, kurz M.C. genannt, Picci, Sally und Sissy herbei.

Ohne Hektik und Eile folgen sie ihrem Hirten über Wiesen und Strässchen, fressen da ein Blatt und dort ein Gräschen und tun sich an den leuchtend roten Hagebutten am Wegrand gütlich. Als sich ein Auto der Gruppe nähert, weicht Schälchli ans Strassenbord aus, klatscht in die Hände und ruft: «Kommt Mädchen». Rasch schart sich die kleine Herde um den Mann mit den wachen blauen Augen. «Ich habe das nicht trainiert», sagt der Geisshirt. «Das hat sich einfach so ergeben.»

In einer anderen Welt

Die Spaziergänge mit den Ziegen in der Natur, die körperliche Arbeit auf dem Grundstück, das Sitzen auf dem Geissenbänkli nach getaner Arbeit: auf diese Weise schöpft Schälchli Kraft. Es sei ein super Ausgleich zur Arbeit in Zürich, erzählt er. «In Zürich bin ich in einer ganz anderen Welt.» Dort fotografiert er Kunst und Antiquitäten in seinem Atelier. Obwohl er gelernter Fotograf ist, bezeichnet er sich in dieser Sparte als Autodidakt. «Ich lerne mit jedem Gegenstand.» Und nein, ein Fotokünstler sei er nicht. «Ich bin Handwerker mit Liebe zur Sache.»

Inzwischen hat er es zu einem sehr guten Ruf gebracht. Gerade stellte er einen Katalog des Auktionshauses Christie’s Zürich fertig. Zu seinen Kunden zählen bekannte Museen, Galerien, Kunsthäuser und Private. Diese lassen Schälchli schon mal auf die Privatinsel einfliegen, um ihre Kunst vor Ort zu fotografieren.

Solange er noch Kraft und Freude habe, mache er mit seiner Arbeit weiter, sagt Schälchli. Daneben kümmert er sich um seine vier Damen. Der Geissenbesitzer träumt von einem Anhänger, in dem er die Ziegen mitführen kann, wenn er mit seiner Frau in die Ferien fährt. «Ich weiss zwar nicht, welches Alter ich erreiche», sagt er und streicht Marie-Claire über das weiche Fell. «Aber die Geissen und ich werden gemeinsam alt.» Und da ist es wieder, das leise Meckern. (Zürichsee-Zeitung)

Erstellt: 09.11.2017, 13:53 Uhr

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