Stäfa

«Unsere Zeit braucht mehr Emotionen»

Dominique Anne Schuetz hat sich als Künstlerin und als Schriftstellerin einen Namen gemacht. Prägend für die Werke der Stäfnerin ist ihre langjährige Tätigkeit in der Werbebranche.

Dominique Anne Schuetz mit ihrem Werk Dream in der Küsnachter Galerie Höch­huus.

Dominique Anne Schuetz mit ihrem Werk Dream in der Küsnachter Galerie Höch­huus. Bild: Patrick Gutenberg

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Sie arbeiten gerne geduldig, strukturiert und konzeptionell, steht in einer Medienmitteilung zu Ihrer aktuellen Ausstellung im Höchhuus in Küsnacht. Sind Sie ein geduldiger Mensch?
Dominique Anne Schuetz: Ja, sehr. Nicht nur in der Kunst, sondern auch sonst. Es gibt Künstler, die arbeiten spontan. Ich erarbeite immer zuerst ein Konzept, eine Idee. Auch mein Tagesablauf ist durchgeplant. Eigentlich ist das untypisch, und doch arbeiten inzwischen viele Künstler so. Wir sind unsere eigenen Chefs, da hilft eine gewisse Struktur.

Dient das Strukturierte als Grundlage dafür, dass sich die Fantasie entwickeln kann?
Nein, es dient dazu, genügend Zeit zu haben, um das, was ich machen will, auch umzusetzen. Dafür muss man eine gewisse Disziplin aufbringen. Künstler, die, wie es früher üblich war, in den Tag hinein leben, gibt es immer weniger.

Wenn man einen Blick auf Ihre Arbeit wirft, fällt die Vielfalt auf: malen, schreiben, fotografieren. Kamen Sie nie an den Punkt, an dem Sie gesagt haben: Ich muss mich für etwas entscheiden?
Diesen Punkt gab es schon. Als meine zwei Söhne klein waren, kam der Zeitpunkt, an dem ich ­vorübergehend die Literatur zur Seite gelegt habe. Für das Schreiben brauche ich Ruhe. Aber ganz ohne Texte oder ganz ohne Bilder, das ginge nicht. Deswegen integrierte ich Texte in meine Bilder.

Wie entstehen Ihre Ideen?
Viele Ideen kommen mir auf dem Hometrainer. Da ist der Kopf leer und meine Gedanken fangen an zu kreisen. Es kann aber auch sein, dass ich etwas im Radio oder sonstwo aufschnappe, und es macht klick.

Unter den Werken, die Sie aktuell zeigen, gibt es ein Bild mit einem Leoparden, auf dessen Schwanz das Raubtiermuster in Louis­Vuitton-Logos übergeht. Ist das etwas, was Sie in der Ausstellung zusammenführen wollten: das Wilde des Raubtiers und die Marke als das Menschgemachte?
Ich habe den Gegensatz spannend gefunden, aber es kommt immer darauf an, ob zuerst die Idee für den Text oder für das Bild da ist. Der Schriftzug «Hunting Season» erzeugt mit der Abbildung eine Spannung. Eine solche Spannung zwischen Bild und Text herzustellen, habe ich durch meine Arbeit in der Werbung gelernt. In meiner Tradition bin ich vergleichbar mit einem Andy Warhol oder Roy Lichtenstein, die ebenfalls aus der Werbung kommen. Der eigene Beruf prägt die Kunst mit.

Ihre aktuelle Ausstellung heisst «From Anarchy to Beautiful Things». Wollen Sie damit eine gewisse Ironie gegenüber der Werbung ausdrücken?
Das ist so. Ich finde, Humor ist ein sehr gutes Mittel, um Dinge anzusprechen. Es ist wie bei einem Kabarettisten, der Politik humoristisch thematisiert. Der Zuhörer nimmt die Nachricht so besser auf. Ich verteufle Marken nicht, sonst müsste ich auf einer einsamen Insel leben. In unserer Gesellschaft wird alles zur Marke: Man kann dem gar nicht ausweichen. Man sagt heutzutage nichteinmal mehr, ich gehe ins Spital, sondern ich gehe ins Hirslanden.

Sie sind Mitglied im legendären Art Directors Club New York. Wie kam es dazu?
Durch meine Arbeit in der Werbung. Ich habe an internationalen Wettbewerben teilgenommen und wurde ausgezeichnet. Das war eines der Kriterien für die Aufnahme. Inzwischen bin ich seit über 20 Jahren Mitglied.

Durch diese Mitgliedschaft haben Sie Einblick in die amerikanische Werbewelt gewonnen. Wie haben Sie diese erlebt?
Werbung auf diesem Niveau funktioniert in Amerika ganz anders als bei uns. Werber haben dort ein ähnliches Renommee wie gute Rechtsanwälte. Es gibt auch zahlreiche Mitglieder im Art Directors Club, Fotografen und Designer, die ebenfalls im Kunstbereich tätig sind.

Wie viel Dominique Anne Schuetz steckt in Ihrer Kunst?
Ich bringe mich nicht in meine Werke ein. Vielmehr handelt es sich um eine Idee, die ich habe. Das ist auch bei meinen Büchern so. Ich würde nie eine Autobiografie schreiben.

Eine gewisse Distanz aufzubauen – ist das der Grund, weswegen Sie historische Romane schreiben?
Nein. Der Roman, an dem ich gerade arbeite, spielt in den 1990er-Jahren. Mein erster Roman war in der Zukunft angesiedelt. Danach habe ich angefangen, mich mit der Zeit um 1900 zu beschäftigen. Das war eine verrückte Epoche, in der Rückständigkeit und Fortschritt aufeinanderprallten. Bei «Von einem, der auszog, die Welt zu verschieben», meinem letzten Roman, handelt es sich um eine wahre Geschichte, die mich in diese Zeit hineingeführt hat. Wenn sie in den 1840er-Jahren stattgefunden hätte, hätte ich das Buch zeitlich dort angesiedelt. Wobei ich langsam vertraut bin mit der Epoche um 1900: Sie ist witzig und zugleich gesellschaftlich spannend. Der gesellschaftliche Aspekt ist mir auch in der Kunst wichtig.

Wie beurteilen Sie denn unsere Zeit, unsere Gesellschaft: Ist sie zu schnelllebig?
Das Angebot ist einfach riesig: Es gibt Computer-Games, Netflix, Filme, Open Airs. Früher bekam man ein Buch zu Weihnachten und das war grossartig. Es gab keinen Fernseher und keine andere Ablenkung. Unsere Zeit hat viel Gutes, aber wir leben in einer sehr technisierten Welt. Es braucht wieder mehr Emotionen.

In Ihren Büchern erschaffen Sie komplexe Welten mit vielschichtigen Charakteren. Empfinden Sie Sympathien für Ihre Figuren?
Ja, sicher. Ich hege für jede Figur, auch wenn sie negativ gezeichnet ist, Sympathie. Bei den wichtigsten Figuren erzähle ich immer, wie ihre Jugend verlaufen ist, weil diese prägend ist. Damit will ich aufzeigen, wieso jemand so ist, wie er ist. Meine Literatur ist übrigens ganz anders als meine Kunst. Sie ist sehr malerisch und blumig.

Wie erklärt sich dieser stilistische Gegensatz?
Wenn ich kein Bild zeigen kann, muss ich dieses dem Leser vermitteln. Ich bin ein grosser Filmjunkie. Während ich schreibe, sehe ich Filme vor meinem inneren Auge.

Ist es schwierig, loszulassen, wenn ein Roman dann einmal fertig ist?
Bei einem Bild kann ich viel schneller sagen, jetzt ist es fertig, weil es überschaubar ist. An einem Roman könnte man ein Leben lang arbeiten. Viele Autoren sagen, ich will einmal in meinem Leben den perfekten Roman schreiben. Aber das geht fast nicht. Wenn ich beim Lesen in einen Flow gerate, dann ist der Roman gut. Dann kann ich ihn abschliessen. Und irgendwann hat man einfach auch genug.( lacht)

(zsz.ch)

Erstellt: 16.09.2018, 13:50 Uhr

Zur Person

Dominique Anne Schuetz studierte Graphic Design, war Art Direc­tor, Konzepterin/Texterin und Creative Director in Werbeagenturen und ist Mitglied im Art Directors Club New York. Auch heute noch ist sie als Texterin tätig, arbeitet aber auch als Künstlerin und schreibt Romane. Ihr letzter Roman «Von einem, der auszog, die Welt zu verschieben» erschien 2015 im Europa-Verlag. Er handelt von der aberwitzigen Reise zweier Männer und eines kleinen Mädchens nach Kansas. Schuetz ist Mutter von zwei erwachsenen Söhnen und lebt mit ihrem Mann in Stäfa. Ihre aktu­elle Ausstellung läuft noch bis zum 23. September in der Galerie im Höch­huus in Küsnacht. phs

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