Im Gespräch

«Unsere pädagogische Arbeit wird unterschätzt»

Die Strukturen des Kindergartens seien überholt und überforderten die Kindergartenlehrpersonen, sagt Ursina Zindel. Als Präsidentin des Verbandes Kindergarten Zürich setzt sie sich für bessere Anstellungsbedingungen ein.

Kindergärtnerin Ursina Zindel aus Küsnacht ist Präsidentin des Verbandes Kindergarten Zürich.

Kindergärtnerin Ursina Zindel aus Küsnacht ist Präsidentin des Verbandes Kindergarten Zürich. Bild: Manuela Matt

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Sie haben studiert und als Lehrerin in der Oberstufe gearbeitet. Heute unterrichten sie Kindergärtler. Was führte zu diesem Sinneswandel?
Ich wollte mit Kindern arbeiten, die das Lernen als spannende Reise empfinden und sich gerne darauf einlassen. Den Oberstufenschülern und -schülerinnen fehlte oft die Motivation. Bei den Kindern von Bekannten beobachtete ich, wieviele Ideen sie vom Kindergarten mitbrachten und was sie in kurzer Zeit alles Neues lernten. Als Kindergartenlehrperson kann ich den Kindern etwas auf den Lebensweg mitgeben. Der Beruf ist spannend, abwechslungsreich und sinnerfüllt.

Welche Erinnerungen haben Sie an Ihre Kindergartenzeit?
Ich habe nur noch einzelne Bruchstücke im Kopf, beispielsweise vom Singen, oder wie ich Armbänder aus Bügelperlen gebastelt habe. An die Lehrerin erinnere ich mich natürlich auch, sie war lustig und konnte herzhaft lachen.

Seit Sie als kleines Mädchen den Kindergarten besuchten, hat sich auf dieser Stufe einiges getan. Was ist heute anders?
Viele Änderungen ergeben sich aus der Integration des Kindergartens in die Volksschule. Die Kinder sind wegen der Blockzeiten viel länger da, nicht mehr nur von 9 bis 11 Uhr wie früher. Es sind mehr Kulturen, mehr Sprachen und mehr unterschiedliche Vorstellungen vom Leben vorhanden als früher. Ich beobachte, dass die Eltern hohe Ansprüche an sich selbst stellen – und damit auch an die Kindergartenlehrperson.

Wie bringen Sie so viele verschiedene Anforderungen unter einen Hut?
Alle Kinder integrieren zu können, ist ein schöner Gedanke. Aber diese Integration braucht extra Zeit, extra Aufmerksamkeit. Neben Kindern mit speziellen Bedürfnissen gibt es Kinder, die kein Wort Deutsch sprechen, Kinder die sich nicht an Regeln halten können, Kinder, die noch kein Interesse haben, Teil einer grossen Gruppe zu sein. Ich habe häufig aber kaum Zeit, mich einem einzelnen Kind anzunehmen und es zu fördern, da ich hauptsächlich damit beschäftigt bin, die Strukturen aufrechtzuerhalten und die Klasse zu managen. Dazu kommt, dass die Kindergartenkinder heute jünger sind als früher.

Wegen der Harmonisierung der Volksschule wird der Stichtag Richtung 31. Juli verschoben. Viele Kinder sind gerade vier Jahre alt geworden, wenn sie in den Kindergarten eintreten. Wie wirkt sich das aus?
Jüngere Kinder haben tendenziell mehr Trennungsschwierigkeiten, einige weinen in der Garderobe. Manchmal müssen die Eltern Tage bis Wochen mit in den Kindergarten kommen, bis ihr Kind die Ablösung schafft. Es gibt Kinder, die sich nicht alleine anziehen oder nicht alleine aufs WC können und Kinder, die plötzlich einschlafen. In einer Gruppe mitzumachen ist für die Jüngeren schwieriger. Manche Eltern erzählen mir, dass ihre Kinder müde und gereizt sind, wenn sie nach Hause kommen, weil sie sich so fest und so lange angestrengt haben im Kindergarten.

Was machen Sie, wenn Sie merken, dass ein Kind über längere Zeit leidet?
Dass ein Kind ein zusätzliches Jahr im Kindergarten bleibt, das gab es schon. Ein Kind wieder aus dem Kindergarten zu nehmen und es ein Jahr später nochmals zu versuchen, habe ich bisher zum Glück noch nie empfehlen müssen. Damit würde die Schullaufbahn des Kindes mit einem Negativerlebnis beginnen. Wir müssen uns wohl damit arrangieren, dass die Kinder heute in jeder Schulstufe jünger sind und die Schule früher beenden. Es ist allerdings nötig, die Strukturen diesen neuen Gegebenheiten anzupassen.

Der Verband Kindergarten Zürich (VKZ), den Sie präsidieren, schlägt als Lösung Klassenassistenzen vor.
Ja, zumindest als kurzfristige Notlösung. Langfristig fordern wir, dass die Kindergartenstufe bezüglich Halbklassenunterricht, Integrative Förderung- und Teamteachinglektionen der Anschlussstufe gleichgestellt wird. Dass eine Lehrperson für 20 oder mehr Kindergartenkinder alleine zuständig ist, ist nicht zeitgemäss. Eine gute Lernatmosphäre kann nur zustande kommen, wenn auf die Bedürfnisse der Kinder zeitnah eingegangen werden kann. Zurzeit habe ich eine Assistentin, von der die ganze Klasse enorm profitiert. Ohne eine gute Lernatmosphäre und Klassenführung gibt es später in der Schule Nebenschauplätze, die sehr viel kosten. Wer beim Schuleintritt spart, zahlt am Ende mehr. Dies ist vielen Politikern leider noch nicht bewusst.

Rechte Parteien schlagen vor, dass Kinder auch halbjährlich in den Kindergarten eintreten können. Was halten Sie davon?
Wenig. Sie zeigt, dass unsere pädagogische Arbeit unterschätzt wird. Gerade am Anfang des Kindergartens werden sehr viele Grundlagen eingeführt. Die Kinder lernen, wie der Schulalltag funktioniert, es werden Rituale geschaffen und Freundschaften geschlossen. Für ein Kind ist es schwer, sich ein halbes Jahr später in ein bestehendes Klassengefüge einzupassen.

Sind es solche Probleme, die Sie dazu bewogen haben, als Präsidentin des VKZ in die Politik einzusteigen?
Mir war lange nicht bewusst, wie rückständig die Arbeitsbedingungen und Strukturen auf der Kindergartenstufe sind. Sie sind für mich inakzeptabel. Seit der Einführung des neuen Berufsauftrags wird unser Unterrichtspensum nicht mehr in Stunden, sondern in Lektionen von 45 Minuten berechnet. Dadurch sind wir nur noch zu 88 Prozent statt 100 Prozent angestellt.

Ihr Lohn bleibt aber gleich. Die Änderung wirkt sich nur auf die Sozialversicherungen aus.
Ja, der Lohn bleibt gleich, die Arbeit aber auch. Eine Kindergartenklasse zu führen, ist keine Teilzeitarbeit. Wir fordern, dass diese gesamte Unterrichtszeit, während welcher die Kinder in unserer Obhut und Verantwortung sind, auch in Form von Lektionen im Pensum ersichtlich ist. Wenn die Arbeitsbedingungen derart unattraktiv bleiben, wird sich der Mangel an Kindergartenlehrpersonen noch verschärfen.

Angesichts dieses Mangels könnte man sich fragen, weshalb Kindergärtnerinnen unbedingt eine Matur brauchen.
Im Ausbildungssystem muss eine gewisse Gerechtigkeit herrschen. Wie alle Lehrpersonen machen Kindergartenlehrpersonen heute ein Bachelorstudium an einer pädagogischen Hochschule. Dafür muss eine Matur die Voraussetzung sein.

Dass die Pädagogische Hochschule eine Matur verlangt, scheint mir als Grund nicht ausreichend.
Gerade in der Schuleingangsstufe sind wir mit einer enormen Diversität konfrontiert, die der Lehrperson gute diagnostische Fähigkeiten abverlangt. Die Problematiken sind komplex, wir benötigen ein gutes Einfühlungsvermögen kleinen Kindern gegenüber und müssen auch mit den Eltern professionell zusammenarbeiten können. Die Frage, ob eine Matur jemanden zu einem geeigneteren Mitarbeitenden macht, ist jedoch eine andere. Diese kann für viele Berufe gestellt werden.

Wie würden Sie sich als Kindergartenlehrerin einschätzen?
Ich glaube, dass ich eher streng bin. Aber liebevoll. Mir ist es wichtig, dass die Kinder Strukturen erhalten, um sich im Kindergarten zu orientieren. Natürlich ist mir auch das Spiel sehr wichtig, das ist die altersgerechte Form des Lernens. Genauso sollen die Kinder aber auch fähig sein, sich in eine Arbeit zu vertiefen, die sie sich nicht selber ausgesucht haben.

Welches sind für Sie emotionale Höhepunkte?

Wenn meine ehemaligen Kindergartenkinder, mich besuchen kommen. Sie zeigen mir damit, dass ich ihnen einen Ort bieten konnte, an dem sie ein bisschen zu Hause waren. Das finde ich schön.

Erstellt: 24.02.2019, 15:05 Uhr

Ursina Zindel

Geboren und aufgewachsen ist die 39-jährige Kindergartenlehrperson Ursina Zindel im bündnerischen Trimmis. Nach dem Gymnasium studierte sie an der Universität Zürich Englisch, Geschichte und Sozialpsychologie. Anschliessend absolvierte sie an der Pädagogischen Hochschule Bern die Kindergarten- und Primarlehrerausbildung. Seit sieben Jahren arbeitet sie in Küsnacht, seit vier Jahren unterrichtet sie im Kindergarten Bettlen im Ortsteil Itschnach und ist auch in Küsnacht wohnhaft. Seit September 2018 präsidiert sie den Verband Kindergarten Zürich. (rau)

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