Männedorf

Unheimlicher Rundgang durch das Geisterhaus

An der Seestrasse in Männedorf steht ein seit Jahrzehnten verlassenes Haus mit bewegter Geschichte. Ein Regisseur, der als Kind darin gelebt hat, zeigt im Kino einen poetischen Experimentalfilm über das Innere des Gebäudes.

Überwuchert und verwildert: Haus und Garten haben schon bessere Zeiten gesehen.

Überwuchert und verwildert: Haus und Garten haben schon bessere Zeiten gesehen. Bild: Archiv Sabine Rock

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Die Filmsequenzen sind etwas wirr. Doch die Geschichte des Hauses an der Seestrasse 121 in Männedorf, um das es im Film geht, ist es auch: Es steht seit rund 30 Jahren leer, der mit Steuerschulden belastete Eigentümer war lange Zeit unauffindbar und die Behörden zeigten plötzlich Interesse an der Liegenschaft. Als die ZSZ darüber berichtete, löste dies auch in Bern etwas aus. Dort wohnt Balthasar Kübler, dessen Eltern das Haus einmal gehörte. Der 1941 geborene Kübler wuchs im Haus auf, bis 1962 wohnte er darin.

1979 verkaufte seine Familie die Liegenschaft an Heinz G. (Name der Redaktion bekannt). Dieser besitzt das Haus noch immer, doch seit der zweiten Hälfte der Achtzigerjahre bewohnt er es nicht mehr.

Zurück ins Haus der Kindheit

Aus der Ferne bekam Balthasar Kübler mit, wie Heinz G. das Haus zunehmend verlottern liess. Das beschäftigte und faszinierte den Wahlberner, der früher Musikhörspiele geschrieben hat. Vor sechs Jahren suchte er deshalb das Haus seiner Kindheit nochmals auf – und drehte im verlassenen Innern einen Film.

Die jüngsten Ereignisse haben ihn dazu bewogen, den Film dem Männedörfler Kino Wildenmann zu unterbreiten, das diesen am Sonntag an einer Matinée zeigt.

«Die Ästhetik des Zerfalls und das  Unbewohnte faszinieren mich.»Balthasar Kübler, Filmer

Kübler hat dem Film den Titel «A-t-on laissé une lettre pour moi?» gegeben. Die Frage, ob jemand für ihn einen Brief hinterlassen hat, erübrigt sich natürlich: Die Briefkästen des Hauses sind leer. Aber der Titel des Films hat einen übertragenen Sinn: Gibt es irgendwo in diesem Haus eine Botschaft? Eine, die von früheren Zeiten zeugt? Was ist mit dem Haus geschehen, seit es verlassen wurde? Ist die Zeit einfach stehen geblieben? Hat das Haus ein Eigenleben entwickelt, gibt auch in seinem desolaten Zustand noch etwas her?

Mit Nokia-Handy gedreht

Die Antworten auf Fragen wie diese muss wahrscheinlich jeder Betrachter für sich finden – denn der 60 Minuten dauernde Film ist keiner, den man auf Anhieb versteht. Er hat experimentellen Charakter. «Es ist ein Slow-Art-Projekt, es ging mir um die Ästhetik des Zerfalls», sagt der Hörspielautor. «Das Unbewohnte fasziniert mich, der Unort, das Zwielichtige und die Ausweglosigkeit.»

Der Regisseur hat den Film mit einem alten Nokia-Handy gedreht. Die Bildqualität ist deshalb – ganz gewollt – schlecht. Der Zuschauer muss sich an die verpixelten und verwackelten Sequenzen zuerst gewöhnen. Der Film beginnt damit, wie Kübler – er selber ist nie im Bild – langsam durch den verwilderten Garten streift.

Bäume und Äste, das alte Gartentor und die verrostete Wäscheleine kommen ins Bild. Die Kameraführung ist unruhig, die unterlegte Musik hat etwas Unheimliches. Kurz bevor es ins Haus geht, friert der Film ein. Für einige Sekunden ist nur ein Standbild zu sehen. Das geschieht auch später immer wieder. «Es geht in meinem Film auch um die Frage, wie ich die Zeit anhalten kann», sagt Kübler. «Ein Film läuft. Was aber, wenn die Materie tot und vergangen ist und still steht?»

Ja, es ist still im Haus. Und im Film wird es von Mal zu Mal unheimlicher: Man hört Schritte, als es im Zeitlupentempo die Holztreppe hinauf geht. Die Musik baut eine zeitweise fast unerträgliche Spannung auf. Es ist wie in einem Horrorfilm, bei dem man ständig damit rechnet, dass etwas Schreckliches passiert.

Und dann geschieht – nichts. Ausser, dass die Farben zerfliessen, das Bild mal dunkel, mal grell wird, mal klarer, mal körniger. «Es tropft fast vor lauter Pixel, sehen Sie es?», sagt Kübler amüsiert.

Mit der Zeit gewöhnt sich der Betrachter an die unruhigen, verschwommenen Sequenzen. Sie passen gut zum verwaisten Geisterhaus, das selber eine diffuse Geschichte und eine ungewisse Zukunft hat.

Die Filmvorführung in Anwesenheit von Balthasar Kübler findet am Sonntag, 25. September, um 11 Uhr im Kino Wildenmann an der Dorfgasse 42 in Männedorf statt. www.kino-wildenmann.ch

Erstellt: 22.09.2016, 14:28 Uhr

Das Geisterhaus in Männedorf

Für das alte Haus gibt es Kaufinteressenten

Das alte Haus an der Seestrasse in Männedorf wirkt etwas unheimlich: Es ist verwahrlost und am Zerfallen, der Garten ist überwuchert. Seit Jahrzehnten präsentiert sich die Liegenschaft am westlichen Ortseingang von Männedorf wie ein Geisterhaus, das in einem Hollywoodstreifen vorkommen könnte. Eigentümer Heinz G.* ist verschwunden – lange Zeit wusste niemand, wohin.
Im vergangenen Jahr wurden plötzlich die Behörden aktiv. Heinz G. hatte 175 000 Franken Steuerschulden, wie aus dem kantonalen Amtsblatt zu erfahren war. Das Betreibungsamt Pfannenstiel arrestierte im Auftrag des kantonalen Steueramts die Liegenschaft. Mit einem solchen Arrest können Gläubiger Vermögen von Schuldnern amtlich beschlagnahmen lassen, um eine Geldforderung zu sichern. Der nächste Schritt wäre die öffentlichen Versteigerung des Grundstücks gewesen.

Das Haus ist voller Unrat

Soweit ist es aber nicht gekommen. Das Verfahren muss eingestellt worden sein, ansonsten wäre im Amtsblatt eine Versteigerung angekündigt worden. Das kantonale Steueramt gibt mit Verweis auf das Steuergeheimnis keine Informationen zum Stand der Dinge. Dass nichts mehr geschehen ist, kann aber nur etwas bedeuten: Heinz G. muss seine Steuerschulden beglichen haben, um die drohende Zwangsversteigerung abzuwenden.

Noch nicht abgeschlossen ist hingegen ein anderes Thema. Denn nicht nur das kantonale Steueramt, sondern auch die Männedörfler Baubehörde interessierte sich im vergangenen Jahr für das Geisterhaus – allerdings aus anderen Gründen und unabhängig von den Schritten, die der Fiskus eingeleitet hatte.

Die Behörde wollte abklären lassen, ob das Haus aus dem 19.?Jahrhundert schutzwürdig ist. Da der Aufenthaltsort von Heinz G. unbekannt war, forderte die Gemeinde Männedorf den Eigentümer per amtliches Inserat in der «Zürichsee-Zeitung» dazu auf, den Gutachtern Zutritt zum Haus zu gewähren.

Als er nicht reagierte, setzte ihm die Behörde wiederum via amtliches Inserat ein Ultimatum, um das mit Müll und Unrat vollgestopfte Haus zu säubern. Andernfalls drohte sie mit der Zwangsräumung der Liegenschaft. Denn die Schutzabklärung, so lautete die Begründung der Gemeinde, sei nur möglich, wenn das Gebäudeinnere von Abfall befreit sei.

Abklärungen auf Eis gelegt

Heinz G., der schliesslich in Deutschland ausfindig gemacht werden konnte, machte aber keine Anstalten, am Zustand seines Hauses etwas zu ändern. Die Gründe dafür sind unklar – der Hauseigentümer ist schwierig zu erreichen und äussert sich in der Öffentlichkeit nicht gerne. Gegenüber der ZSZ sagte er vor neun Monaten, dass er sich von der Gemeinde und den Steuerbehörden unverstanden fühle.

Inzwischen hat die Gemeinde Männedorf die Abklärungen sistiert, da die Rechtslage unklar ist. Am Verwaltungsgericht ist zurzeit ein ähnlicher Fall in einer anderen Zürcher Gemeinde hängig. In diesem geht es um die Frage, ob die Prüfung der Schutzwürdigkeit ohne das Einverständnis des Eigentümers zulässig ist. Bevor die Gemeinde Männedorf weitere Schritte unternehme, wolle sie abwarten, wie das Verwaltungsgericht in diesem Fall entscheide, sagt Bauvorstand Peter Meier (GLP). Ihm zufolge haben sich mittlerweile potenzielle Käufer bei ihm gemeldet. «Es gibt Interessenten, die das Haus gerne übernehmen würden», sagt Meier. «Ich wäre hocherfreut, wenn einer dieser Interessenten das Haus fachgerecht restaurieren würde». Dem Vernehmen nach wäre Heinz G. verkaufsbereit – seine genauen Absichten sind aber unbekannt.
Michel Wenzler
* Name der Redaktion bekannt

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