Meilen

Uneinigkeit in der Frage, ob Meilen genug für Flüchtlinge macht

Flüchtlinge sind gegenwärtig ein brisantes Thema. So auch in Meilen. Wie aber sind die Zuständigkeiten geregelt –etwa zwischen Schule, Gemeinde und Freiwilligen? Darüber informierte ein Podiumsanlass am Mittwochabend.

Auf 85 Meilemer Bürger kommt ein Flüchtling. Sollte Meilen mehr Flüchtlinge aufnehmen? An einer Podiumsdiskussion gingen die Meinungen auseinander.

Auf 85 Meilemer Bürger kommt ein Flüchtling. Sollte Meilen mehr Flüchtlinge aufnehmen? An einer Podiumsdiskussion gingen die Meinungen auseinander. Bild: Symbolbild/Keystone

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152. So viele Flüchtlinge und Asylsuchende leben derzeit in Meilen. Gemessen an der Gesamtbevölkerung von 13 000 Einwohnern eine geringe Zahl. Jedoch: Die Menschen aus Kriegs- und Krisengebieten sind eine Herausforderung für die ­Gemeinde. Das zeigte sich, unter anderem, an einer Podiumsveranstaltung vom Mittwochabend, zu der die Vernetzungsgruppe Asyl Meilen eingeladen hatte. Unter dem Titel «Flüchtlinge – wie läuft es in Meilen?» informierten und diskutierten Fachleute aus unterschiedlichen Blickwinkeln über das Thema. Dass dieses die Bevölkerung bewegt, widerspiegelte der mit gut 170 Anwesenden besetzte Jürg-Wille-Saal.

Wie ein Asylverfahren abläuft und was die verschiedenen Ausweispapiere B, F und N bedeuten, beleuchtete Jurist Dominik Löhrer von der Zürcher Rechtsberatungsstelle für Asylsuchende. So erklärte er, dass das Staatssekretariat für Migration (SEM) nach zwei Befragungen des Asylbewerbers seinen Entscheid fälle: Ein negativer Entscheid führe zu einer Wegweisung, ein positiver Asylentscheid verleihe dem Flüchtling den Status B. Dazwischen gebe es die vorläufige Aufnahme mit oder ohne Flüchtlingseigenschaft, der in einem Ausweis F resultiere.

Personen mit Flüchtlingseigenschaft sind nach Genfer Flüchtlingskonvention nicht verfolgt beziehungsweise sie wurden es erst nach der Flucht. Löhrer nannte als Beispiel illegal aus China eingereiste Tibeter, deren Rückweisung völkerrechtlich unzulässig sei.

56 anerkannte Flüchtlinge

Ferner könne eine Rückweisung unzumutbar sein – etwa bei Kriegsvertriebenen, die nicht persönlich verfolgt würden – oder unmöglich, etwa bei kranken Antragsstellern. Diese zwei Fälle entsprächen dem F-Status ohne Flüchtlingseigenschaft. Der Asylbewerber könne nach dem Entscheid des SEM als zweite Instanz das Bundesverwaltungsgericht anrufen.

In Meilen leben 56 anerkannte Flüchtlinge, sagte Heinz Kyburz, der Leiter der Sozialabteilung der Gemeinde. Diese, die meisten aus Eritrea, betreue die Gemeinde; um die 96 restlichen Asylsuchenden kümmere sich die Organisation ORS.

Spezielle Oberstufenklasse

Die 96 Personen entsprächen den 0,7 Prozent der Gesamtbevölkerung, die vom Kanton vorgegeben seien, sagte Alexandre Brunner von der ORS: Sie warten entweder noch auf ihren Asylentscheid oder seien vorläufig Aufgenommene ohne Flüchtlingseigenschaft. Die ORS unterstütze diese Menschen, indem sie Wege zum Deutschlernen aufzeige und ihnen den Alltag in Meilen erkläre; die vorläufig Aufgenommenen unterstütze sie zudem bei der Integration ins Berufsleben.

Für Kinder gelte unabhängig vom Status eine sofortige Integration in die Schule, sagte Schulpräsidentin Cordula Kaiss. Dar­aus resultiere eine oft schwierige Situation: Die Eltern müssten sich mit der Schuladministration auseinandersetzen, von der sie sprachlich und kulturell nicht viel verstünden. Hierzu schilderte Silvia Menzi ihre Arbeit als Freiwillige. Etwa hilft sie Flüchtlingen bei der Durchsicht ihrer Post. Jugendliche, führte Kaiss aus, hätten besondere Schwierigkeiten, sich in den hiesigen Schulalltag einzufinden. «Bedingt durch die Flucht weisen sie oft eine grosse Lücke in ihrer Bildungskarriere auf.» Seit 2016 habe Meilen darum mit der Aufnahmeklasse eine Oberstufenklasse nur für Flüchtlinge. Zehn Jugendliche besuchen sie derzeit.

120 000 Franken

Moderator Manuel Rentsch, Wirtschaftsredaktor beim Schweizer Fernsehen, wollte wissen, wie teuer Meilen das Flüchtlingswesen zu stehen kommt. Kyburz bezifferte es auf gut 120 000 Franken im Jahr. Die relativ tiefe Summe ergebe sich, weil viele Kosten vom Kanton zurückerstattet würden, aber auch durch den hohen Anteil an Freiwilligenarbeit.

Jacqueline Sonego Mettner von der reformierten Kirche hat die Vernetzungsgruppe Asyl ­gegründet. Wie Kyburz stellte sie fest, dass das Engagement für Flüchtlinge in der Gemeinde kaum ein Politikum sei. Dies zeigten auch die Zuhörer. Sie spendeten Applaus, als die Freiwilligen – neben Menzi auch Marianne Trapletti vom Café Grüezi international – eine bessere Koordination mit der Gemeinde forderten. Desgleichen, als Sonego und Franziska Gysi, Schulsozialarbeiterin in Obermeilen, zu bedenken gaben, dass die Gemeinde mehr tun könnte. Namentlich auch Leuten, die noch auf ihren Asylentscheid warten, Deutschkurse zu finanzieren. Man spart nur kurzfristig und verschwendet Zeit, denn wenn der Asylentscheid positiv ausfalle, müsse der Flüchtling umso schneller Deutsch lernen. Zudem sei Deutsch lernen eine sinnvolle Beschäftigung, die psychischer Krankheit mit all ihren Folgen vorbeuge.

Gegen vorzeitige Integration

Kyburz verwies auf den bindenden Auftrag des Gemeinderats: Dieser sehe keine Finanzierung von Sprachkursen für Leute im Asylverfahren. Kaiss argumentierte, dass man keine Integration anstrebe, solange eine Rückweisung möglich sei. «Der Status eines Flüchtlings muss klar sein für die Gemeinde.» Umso mehr begrüsse sie private und freiwillige Initiativen. (Zürichsee-Zeitung)

Erstellt: 23.11.2017, 16:48 Uhr

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