Uetikon

Uetiker Theater spielt Klassiker von Dürrenmatt

Einem Klassiker der Schweizer Literatur hat sich der dramatische Verein Uetikon für seine diesjährige Produktion angenommen: Friedrich Dürrenmatts «Der Besuch der alten Dame». Am Samstag fand im Riedstegsaal die Premiere statt.

Claire Zachanassian (Susanne Böckli, im Stuhl) bringt mit ihrem Besuch ein ganzes Dorf durcheinander.

Claire Zachanassian (Susanne Böckli, im Stuhl) bringt mit ihrem Besuch ein ganzes Dorf durcheinander. Bild: Moritz Hager

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Eben noch stehen sie da wie die Totenwächter einer längst entschwundenen Welt. Sie, die Bürger des Kleinstädtchens Güllen, in dem kaum mehr ein Bummelzug hält. Wo nur die Eilzüge durchbrausen, einer nach dem andern. Ihnen nachzuschauen ist das einzige Vergnügen der Stadtbevölkerung. Apathischen Blickes verfolgt sie das wiederkehrende Spektakel; den Zugsfahrplan kennt sie längst auswendig. Dazwischen stimmt sie ihr Klagelied an: über ihre Existenz, die nur noch an Suppenküche und Arbeitslosenunterstützun hängt. Über die Zeiten, als der Ort zur ersten Kulturstadt Europas ernannt wurde. Prachtvolle Zeiten waren das – ewig vergangene. Aber bald schon ist sie abgeschüttelt, diese Erstarrung in der Trauer über den erloschenen Glanz. Munter wird wieder gelebt im Hier und Jetzt. Dünne Suppe aus der Wohlfahrtsküche? Das war mal. Vollmilch, Butter und Weissbrot kommen wieder auf den Tisch. Man gönnt sich Kognak und Importzigaretten, Tennisstunden und neue Schuhe. Und warum das plötzlich? Weil eine Dame mit viel Geld Güllen einen Besuch abstattet. Weil diese die Dinge hat kommen sehen. Und weil zwischen dem Einst und Jetzt ihre Feststellung steht: «Ich warte.» Kurz der Satz, gross seine Bedeutung.

Hoher Preis

Die Dame ist Claire Zachanassian – und die Hauptfigur in der Tragikomödie «Der Besuch der alten Dame». Das Stück gehört zu den wohl bekanntesten Werken von Friedrich Dürrenmatt. Nun ist es in Uetikon in Dialektfassung zu sehen. Der örtliche dramatische Verein hat es für dieses Jahr unter der Leitung von Jeannot Hunziker auf den Spielplan gesetzt. Am Samstag feierte es im voll besetzten Riedstegsaal seine Premiere.

Es ist das Paradestück über die Käuflichkeit des Menschen. Denn worauf wartet Claire (Susanne Böckli), als sie ihre prägnanten zwei Worte ausspricht – in der Gewissheit der geschehenden Dinge? Dass die Moral der Leute aus ihrer Heimatstadt zur Handelsware wird.

Den Geldsegen von einer Milliarde stellt sie ihnen in Aussicht. Der Preis: die Tötung von Lebensmittelhändler Alfred Ill (Oscar Gasparini). Der hat sie in jungen Jahren geschwängert und nach krummen Touren vor Gericht ins Elend gestürzt. Aber einen aus den eigenen Reihen umbringen, noch dazu den Kandidaten für das Gemeindepräsidium? Nein! «Lieber bleiben wir arm», sagt da der noch amtierende Bürgermeister (Erich Bachmann), und die Güllener pflichten ihm bei, entschieden in ihrer Entrüstung über das Angebot.

Oder mischen sich da bereits erste Zweifel ein? Die Hoffnung, dass dann schon irgendjemand das Verlangte erledigen wird? Denn, kaum ist das verhängnisvolle Verdikt über sein Dasein gefallen, hört es Ill von allen Seiten: «Schreibs auf!», wenn auf einmal lange Entbehrtes wieder über den Ladentisch geht. Die Güllener leben auf Kredit. Gasparini als Ill wird immer mehr zum getriebenen Tier. Wo er sich auch Hilfe erhofft, tut sich ihm ein Abgrund auf. Der Polizist (Marco Landolt) begnügt sich mit den lapidaren Worten, dass man Claire nicht ernst nehmen könne. Auch der Bürgermeister und der Pfarrer (Hanspeter Steger) erweisen sich nicht als tragende Stützen. Ein Plan für ein neues Stadthaus hier, eine neue Glocke da sagen mehr aus – und dass überall eine Waffe bereitliegt. Mit vielsagendem Blick hält etwa Mitbürger Ehresberger (Gege Kunz) sein Schlachtmesser in den Händen, und als der Bürgermeister ein geladenes Gewehr bei Ill liegen lässt, ist klar, worauf es hinaus läuft.

Einfallsreiches Bühnenbild

Blicke, Gesten, Tonlagen – sie tragen in dem Stück eine prägende Rolle. Diese hervorzuheben, sei denn auch eine der grössten Herausforderungen für die Inszenierung gewesen, wie Regisseur Hunziker erklärte. Der feine Humor kommt in dem an sich tragischen Stück denn auch ganz auf seine Rechnung. Eine Schwierigkeit habe auch die Tatsache dargestellt, dass die Vorlage von Dürrenmatt an einem guten Dutzend Schauplätzen spiele, führte Hunziker aus. Die einfallsreiche Bühnengestaltung zeigt denn auch eine äusserst wirkungsvolle Umsetzung für die Riedstegbühne – und für die Kernaussage des Stücks, dass Güllen eben überall ist.

Weitere Vorstellungen Dienstag, Freitag bis Sonntag, 15. bis 17. Februar; Freitag und Samstag, 22. und 23. Februar; Dienstag, 26. Februar; Freitag bis Sonntag, 1. bis 3. März; Mittwoch, 6. März; Freitag, 8. März. Sonntage um 15 Uhr, übrige Tage um 20 Uhr. Riedstegsaal, Uetikon. Telefonischer Vorverkauf: 079 861 08 02 (Dienstag und Donnerstag 10 bis 11.30 Uhr). www.theater-uetikon.ch

Erstellt: 10.02.2019, 15:46 Uhr

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