Stäfa

Trommelwirbel mit acht Händen

Der Auftritt des Perkussionsensembles Drumsights, angeführt von Pierre Favre, offenbarte im Rössli facettenreiche Klangbilder voller komplexer Rhythmen.

Chris Jaeger, Pierre Favre, Valeria Zangger und Markus Lauterburg (von links) gaben alles für die Zuschauer im Rössli.

Chris Jaeger, Pierre Favre, Valeria Zangger und Markus Lauterburg (von links) gaben alles für die Zuschauer im Rössli. Bild: Manuela Matt

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Ohrenstöpsel ja oder nein? Eine berechtigte Frage, wenn ein Konzert mit vier Schlagzeugern ansteht. Gilt doch das aus verschiedenen Trommeln und unterschiedlichen Becken bestückte Instrument von jeher als Pulsgeber und Rhythmusmacher. Und wenn vier solcher Batterien bespielt werden, dann kann es laut werden.

Doch das Perkussionsquartett Drumsights, das Pierre Favre vor zehn Jahren gegründet hat, fegt das Vorurteil gleich vom ersten Ton an weg. Was der Zürcher Chris Jaeger, die Bündnerin Valeria Zangger und der Berner Oberländer Markus Lauterburg mit ihrem aus Le Locle stammenden Leader am Freitag im Kulturkarussell Rössli bieten, gleicht schlichtweg einer Offenbarung.

Atemraubende Präzision

Als die Musiker das musikalische Muster von Favre aufnehmen und alsbald mit einem Trommelwirbel weiterspinnen und dabei zwischen sanftem Wischen und donnerndem Trommelwirbel alle Nuancen an Lautstärken abdecken, so ist das Klangvolumen niemals laut, vielmehr ist der Raum erfüllt von einem warmen und runden Klanggebilde.

Wenn die vier dann minutenlang synchron dieselben Rhythmen und komplexe Akkorde anschlagen, verschlägt es einem ob der stupenden Präzision den Atem. Da ist nur ein Atem, ein Herzschlag zu hören, ja zu spüren. Dabei bleiben die Schlagzeuger in Augenkontakt, scheinen sich mit einer scheuen Mimik, einem Nicken oder Lächeln anzufeuern und versprühen damit eine Spielfreude, die ihrer Musik zugutekommt. 

Der grosse Poet

Die Stücke, die das Quartett während zwei Stunden auswendig spielt, stammen alle von Pierre Favre, dem grossen Poeten innerhalb der europäischen Schlagzeugerszene. Mit 15 Jahren hat er zu spielen angefangen, mit 17 ist er bereits Berufsmusiker.

Früh verschlägt es ihn nach Paris, Rom und München. Jetzt lebt der 82-Jährige, der schon früh als Schlüsselfigur des europäischen Free Jazz galt und dieses Genre als Befreiung empfand, seit acht Jahren in Uster. «Alles war auf einmal möglich», erzählt er im Vorfeld seines Auftritts in Stäfa. Sein Solo 1972 in Berlin war ein Welterfolg und zugleich der Durchbruch. Schon 1984 veröffentlicht er ein erstes Album mit vier Schlagzeugern, stand aber auch schon mit acht auf der Bühne.

Er, der seit 65 Jahren in der Branche ist, gibt die Melodie, eine Phrasierung, den grossen Bogen, wie er es nennt, vor. Dieses Thema wird dann in den gemeinsamen Proben weiterentwickelt. Es sind diese stundenlangen Proben, wie am Rande des Konzerts von den Musikern zu erfahren war, in denen das Quartett zu einer Einheit gereift ist.

Archaische Atmosphäre

Rasch ist klar, dass der impulsive Chris Jaeger immer wieder ausscheren muss, um seinem Drang, sich auszutoben, gerecht zu werden. Hier ein beinah zufälliger Beckenakkord, dort ein dumpfer Trommelschlag, agiert Jaeger dennoch stets im Blickfeld von Pierre Favre, der wiederum seinen einstigen Schüler gewähren lässt.

Auch die beiden anderen in der Runde sind ehemalige Schüler des Meisters Favre. «Es ist gut, mit ihnen zu spielen, es ist harmonisch», hat er am Vortag im Interview gesagt. Die Jüngste ist mit ihren 33 Jahren Valeria Zangger, die wie Markus Lauterburg über ein ausgeprägtes Rhythmusgefühl verfügt, damit aber nicht in den Vordergrund drängt.

Als Zugabe setzen sich die vier Schlagzeuger nebeneinander, alle eine Djembé zwischen den Beinen. Mit blossen Händen entfachen sie ein regelrechtes musikalisches Feuer und rufen eine archaische Atmosphäre herauf. Die Intensität ist schwindelerregend, doch die Ohrenstöpsel bleiben in der Handtasche.

(Zürichsee-Zeitung)

Erstellt: 17.02.2019, 18:04 Uhr

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