Stäfa

Tierische Rettungsschwimmer trainieren im Zürichsee

In Stäfa lernen Hunde, Menschen oder ein Boot aus dem Wasser zu ziehen. Obgleich es sich in erster Linie um eine Hundesportdisziplin handelt, haben Hunde auch schon im Ernstfall geholfen.

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Mit Schwung springt Pasco aus dem Motorboot und schwimmt zielstrebig auf den weiss-roten Rettungsring zu, der auf dem Zürichsee dümpelt. Er packt den Ring und bringt ihn zurück zum Boot. In diesem ist Frauchen Diana Theus schon parat, um den braunen Flat Coated Retriever an Bord zu hieven und zu loben. Ich sitze neben Theus und als sich Pasco kräftig schüttelt, bekomme ich einen Schwall Zürichseewasser ab.

30 Liter verliere ein Hund wie Pasco, wenn er sich schüttle, hatte mich Übungsleiter Pascal Keller vorher gewarnt. Wasserscheu sollte man bei den Wasserarbeitshunden, bei denen es sich eigentlich um Rettungshunde handelt, also definitiv nicht sein. Seit 16 Jahren gibt es die Gruppe, die sich Züriseehunde nennt, schon. Zweimal in der Woche trainiert die Truppe, der gut 15 Hunde mit ihren Haltern angehören, in Stäfa beim Segelclub.

Doch wie beginnt man eine solche Ausbildung? Eine Antwort auf diese Frage soll ein Schnuppertraining mit meinem Pflegehund Sisi geben. Die Österreichische Pinscherhündin ist ein Jahr alt und verrückt nach Wasser.

Als Sisi das Wasser sieht, ist sie sofort begeistert. Doch sobald sie mit den Pfoten im See steht, siegt die Vorsicht. Fast scheint sie sich zu fragen, ob man hier in Stäfa eben so gut schwimmen kann wie bei uns zu Hause in Küsnacht. Eine Auflockerungsrunde mit einem Spielzeug lässt die Hündin ihre Hemmungen verlieren. Begeistert paddelt sie dem Spielzeug hinterher, wenn ich es ins tiefe Wasser werfe. Ein guter Anfang. Der nächste Schritt sieht so aus, dass sie sich den Kong, wie das Spielzeug in der Hündelersprache heisst, von einer fremden Person geben lässt. In unserem Fall ist das Christina Pfenninger, welche die Gruppe gegründet hat und immer noch als Leiterin fungiert. Wird Sisi das Spielzeug auch von ihr akzeptieren?

Einen Moment zögert der Österreichische Pinscher, doch dann ist der Reiz stärker. Auf mein Kommando schwimmt er auf Pfenninger zu, beisst in das Spielzeug und bringt es zu mir. Überschwängliches Lob und rangeln mit dem Kong als Belohnung sind ihr gewiss. Zuletzt bindet Pascal Keller den Strick der am Spielzeug hängt um ein Tau, das an einem kleinen Boot befestigt ist. Ob das klappen wird? Ich bin skeptisch.

Doch Sisi schnappt sich das Spielzeug und zieht das Boot. Als sich die Leine schliesslich spannt, sie das Gewicht des Bootes spürt, wird es ihr doch zuviel. Sie lässt den Strick los. Trotzdem ist Pascal Keller voll des Lobes: «Das habt ihr gut gemacht.» Ich bin stolz auf meinen Vierbeiner: Dass Sisi sogleich ein Boot ziehen würde, hätte ich nicht gedacht. Für heute ist aber Schluss mit der Übungsstunde. «Das reicht, sie könnte sich langweilen, wenn sich Sachen wiederholen», warnt Keller. Sisi soll ihre erste Lektion als Wasserarbeitshund mit einem Erfolgserlebnis abschliessen.

Nun bietet sich erneut die Gelegenheit, die erfahrenen Stäfner Wasserarbeitshunde zu beobachten. So etwa Labrador Retriever Dale, der bald mit seinem Besitzer Eric Mazurcak an der Schweizer Meisterschaft teilnehmen wird. Er rettet sogar zwei Menschen gleichzeitig. Während eine «Statistin» – offensichtlich in Panik geraten – von Christina Pfenninger stabil über Wasser gehalten wird, zieht Dale Pfenninger, die sich an seinem Geschirr festhält. Ohne zu zögern bringt der Rüde die beiden Frauen an Land.

Eine weitere Rettungsweise sieht so aus, dass bei einem bewusstlosen Menschen der Wasserrettungshund mit seinem Maul vorsichtig den Arm umfasst und den Ertrinkenden so ans Ufer zieht. Doch handelt es sich bei dem, was die Stäfner machen nur um eine Hundesportdisziplin oder werden auch wirklich Menschen gerettet? «In anderen Ländern etwa Frankreich, Spanien oder Übersee gibt es Wasserrettungshunde, die am Meer eingesetzt werden», sagt Pfenninger. Ihren Anfang nahm die Wasserrettung mit Hunden Ende des 19. Jahrhunderts, als Neufundländer vor der amerikanischen Küste Gegenstände wie Fischernetze und schliesslich ein kleiner Junge von einem Hund gerettet wurde.

Sie selbst sei von der Gemeinde Stäfa schon gefragt worden, ob sie die Badiwache übernehmen wolle, erzählt Pfenninger. Das habe sie aber abgelehnt, weil dort alles zu eng sei, zu nah beieinander. «Wenn Kinder in der Badi schreien und jauchzen, kann der Hund das schlecht von Hilfeschreien unterscheiden», zeigt sie die Problematik auf. Zudem sind die Distanzen nicht zu vergleichen mit Badestränden am Meer. Trotzdem sind Stäfner Wasserrettungshunde schon im Ernstfall zum Einsatz gekommen. So zog Pfenningers früherer Hund, der Flat Coated Retriever Roy, ein kleines Segelboot, das gekentert war, in die Badi. Ein anderes Mal wurde ein Ruderer und sein ebenfalls gekentertes Boot an Land gebracht.

Einst musste Christina Pfenninger allerdings einen Hund wieder an Land bringen. Das Tier, das mit seinem Herrchen zu einer Schnupperstunde vorbeikam, verfügte wohl über keine sonderlich tiefe Beziehung zu seinem Halter. «Er ist einfach in Richtung Wädenswil davon geschwommen», erinnert sich Pfenninger und kann sich ein Schmunzeln nicht verkneifen. Eine starke Bindung ist also eine wichtige Voraussetzung für die Ausbildung, die auch Gehorsamsübungen und Distanzschwimmen umfasst.

Wie sieht es mit der Rassse aus? «Die Rasse spielt keine Rolle, der Hund muss einfach eine gewisse Grösse haben», erläutert die Übungsleiterin. Sisi ist als kniehoher Hund mit 15 Kilo an der unteren Grenze und kann von ihrer Kraft her nicht alle Aufgaben der Wasserarbeitshunde absolvieren. Wichtig ist zudem dass der Vierbeiner Freude am Element Wasser hat. «Man darf den Hund nie zwingen oder ins Wasser tragen», betont Pfenninger. Die Gewöhnung des Tieres ans Wasser müsse der Besitzer sorgfältig aufbauen. Einer, bei dem die Besitzerin alles richtig gemacht hat, ist Flat Coated Retriever Pasco. Bei ihm bleibt es an diesem Tag nicht bei einem Rettungsring, er zieht das erste Mal einen Menschen aus dem Wasser.

Mehr Infos: www.zueriseehund.ch (Zürichsee-Zeitung)

Erstellt: 06.09.2018, 16:06 Uhr

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