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Restaurator rettet den Himmel über Küsnacht

Restaurator Thomas Becker bringt ein Bild des Ortsmuseums Küsnacht auf Vordermann. Das Ölgemälde zeigt das Dorf zu Beginn des 20. Jahrhunderts.

Thomas Becker und Elisabeth Abgottspon mit dem Bild «Ansicht von Küsnacht», das bald wieder makellos sein soll.
Thomas Becker und Elisabeth Abgottspon mit dem Bild «Ansicht von Küsnacht», das bald wieder makellos sein soll.
Sabine Rock

Der scharfe Riss ist unübersehbar. Über viereinhalb Zentimeter zieht er sich durch den Himmel im oberen Teil des Gemäldes «Ansicht von Küsnacht». «Das Bild muss einen gewaltigen Stoss von vorne erhalten haben», meint Thomas Becker zum «scharfkantigen» Schaden, den er zu restaurieren gedenkt. Und zwar gratis. Die Geste bezeichnet der Restaurator als Geschenk ans Ortsmuseum Küsnacht, dem das 85 auf 133 Zentimeter grosse Ölbild gehört. Das Werk lehnt nun aber in Beckers Restaurierungsatelier Art Conservation auf der Staffelei.

Seit 16 Jahren ist der gebürtige Deutsche als selbstständiger Restaurator in der Gemeinde tätig, wo er seit fünf Jahren auch wohnt und in der Zwischenzeit eingebürgert wurde. Beruflich hatte Becker mit der Kuratorin des Ortsmuseums, Elisabeth Abgottspon, zum Thema Konservieren zu tun. So seien ihm anlässlich einer Begehung im Museums­depot einige pflegebedürftige Kunstwerke aufgefallen. «Ich bin im Dorf so gut verankert und fühle mich wohl», erzählt der Restaurator.

Im Sommer löst er zweimal wöchentlich über Mittag im Kusenbad die Bademeister ab. Daneben ist er im Vorstand des Kunstvereins Artischock tätig. «Und darum möchte ich der Gemeinde, die das Ortsmuseum führt, mit diesem Dankeschön ­etwas zurückgeben.» Elisabeth Abgottspon, die sich ebenfalls im Atelier an der Zürichstrasse eingefunden hat, freuts.

Zu gross fürs Museum

Gemalt hat das grossformatige Ölbild Otto Weber im Jahr 1902. Der Künstler selber hat von 1867 bis 1939 gelebt, ist in Küsnacht aufgewachsen und wohnte zeitlebens im Ortsteil Itschnach. Webers Lebensdaten hat die Kuratorin von dessen Enkelin erfahren, ist der Maler doch weder im Lexikon der Schweizer Künstler zu finden noch bei Wikipedia erfasst. «Diese Enkelin hat sich bei mir vor sechs Jahren erkundigt, warum Webers Bild nicht im Museum ausgestellt sei», erinnert sich Abgottspon an die erste Kontaktnahme mit Webers Nachfahren zurück. Da das Werk jedoch zu gross für die Museumsräumlichkeiten sei, habe man es jahrelang im Depot gelagert, begründet sie. Da sie erst seit zehn Jahren im Amt ist, kann sie nicht sagen, bei welcher Gelegenheit es beschädigt wurde.

Auch wenn Otto Weber offensichtlich ein Lokalkünstler war und heutzutage kaum bekannt ist, attestiert ihm Becker grosses Können: «Das Bild ist qualitätvoll gemalt und weist keine Farbsprünge auf.» Die «Ansicht von Küsnacht» zu Beginn des 20. Jahrhunderts ist zudem für Elisabeth Abgottspon ein Stück Geschichte, «ein Zeitdokument» und daher erhaltenswert. Zu sehen ist das Dorf von Osten her, «wie aus einem Heissluftballon aus gemalt», mit der reformierten Kirche im Blickfeld. Das katholische Pendant hingegen fehlt, da diese Kirche erst 1903 fertiggestellt wurde.

Faden für Faden

Der Restaurator wird demnächst den Zustand des Risses untersuchen und die Stelle konservieren und sichern, «damit nicht mehr Substanz verloren geht». Will heissen, nicht noch mehr Farbe von der Leinwand abblättert. Danach wird der Fachmann die auseinanderklaffenden Hälften zusammenbringen und planieren. Mithilfe eines Mikroskops wird er Faden für Faden des Leinwandtuchs ordnen und verkleben, ein längerer Prozess, wie Becker voraussagt. Welchen Leim er verwenden wird, will die Kuratorin wissen. Tierischen Leim oder Schweisspulver, der ein Wärmekleber ist, lautet die Auskunft. Da gäbe es keine Patentlösung: «Ich muss von Bild zu Bild abwägen, was ich einsetze.»

Als nächster Schritt steht die Oberflächenreinigung an. Den verklebten Riss muss Becker schliesslich mit Kreidekitt auffüllen, um Niveauunterschiede aufzuheben, bevor er mit dem Retuschieren der Schadenstelle beginnt. «Danach soll die Beschädigung nicht mehr bemerkbar sein», versichert der Restaurator, der sämtliche Arbeitsphasen für das Ortsmuseum dokumentarisch und fotografisch festhalten wird.

Die Übergabe des «Geschenks» ist für den September vorgesehen, wie sich die Kuratorin mit dem Restaurator schon geeinigt hat.

Am Samstag, 1. Juli, lädt Thomas Becker von 14 bis 17 Uhr zu einem Apéro ein. Um 15 Uhr referiert die Leiterin der Kunstsammlung des Kantons Zürich, Kathrin Frauenfelder, zum Thema Kunstpflege und Erhalt. Atelier Art Conservation an der Zürichstrasse 81 in Küsnacht.

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