Männedorf

Tausendsassa mit Herz und Kunstsinn

Mit dem Mundwerk eines Polterers und dem Herz eines Feingeistes hat sich Dachdecker Stephan Herzog nicht nur eine grosse Stammkundschaft, sondern auch viele Freunde gemacht.

Stephan Herzog hat aufgehört, Ziegel zu legen. Seine Freunde und Kunden pflegt er aber weiterhin.

Stephan Herzog hat aufgehört, Ziegel zu legen. Seine Freunde und Kunden pflegt er aber weiterhin. Bild: Reto Schneider

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Drei Monate lang kein einziger Anruf. Für einen Gewerbler unangenehm. Für einen Vater zweier Kleinkinder der Horror. Stephan Herzog bezeichnet jene Zeit als absoluten Tiefpunkt seiner 32-jährigen Karriere als selbstständiger Dachdecker. Besonders bitter: Die Auftragsflaute war nicht etwa durch einen Fehler bei der Arbeit zustande gekommen, sondern durch sein soziales Engagement. Zusammen mit anderen Männedörflern betrieb er in den frühen 1990er-Jahren die hiesige Notschlafstelle für drogenabhängige Jugendliche. «Das gefiel nicht allen, und schon gar nicht jenen Gewerbetreibenden, die damals das Sagen hatten», erklärt er.

Als «linker Sack», der nie dem Gewerbeverein beigetreten war, habe er damals einen schweren Stand gehabt. Doch er liess sich nicht beirren – weder in seinem Bemühen, wieder Fuss zu fassen, noch in seinem Engagement für Bedürftige. Und auch nicht darin, seine Meinung weiterhin laut kundzutun.

Das Telefon klingelt dauernd

Seine Geradlinigkeit hat Stephan Herzog in Männedorf nicht nur ein paar Feinde, sondern auch viele Freunde eingebracht. So viele, dass er zeitweise sommers nicht in den See springen konnte, ohne vorher einen halbstündigen Begrüssungsmarathon zwischen Badi-Eingang und Ufer zu absolvieren. Dass er es geschafft hat, eine Stammkundschaft aufzubauen, die ihn auch menschlich schätzt, zeigt sich bis heute. Nachdem Herzog seinen Kunden in einem handgeschriebenen Brief mitgeteilt hatte, dass er Ende 2015 in den Ruhestand geht und sein Geschäft an Beat und Markus Spitzer – neu in Männedorf ansässig – übergibt, klingelte das Telefon öfter denn je.

Auch während des Interviews erkundigt sich ein Kunde besorgt, ob es einen gesundheitlichen Grund dafür gebe, dass Herzog sich drei Jahre zu früh pensioniere. Den gebe es nicht, antwortet dieser. Er wolle einfach mehr Zeit mit seinen kleinen Enkelinnen verbringen und sich intensiver der Kunst widmen. Die Kunst ist neben dem Beruf und dem sozialen Engagement seine dritte grosse Leidenschaft. Eine Leidenschaft, die Herzog rein zufällig entdeckte. Fasziniert von der Fähigkeit seiner Spenglerkollegen, «aus einer Rolle Metall ein Schublädchen zu formen», liess er sich das Schweissen beibringen.

Künstler und Kunstvermittler

Die guten Ideen fliegen ihm zu. Oft beruhen seine Werke auf Wortspielen – etwa das Objekt «eggstraordinaire», das aus Gipseiern besteht, oder «Swiss Borer», das mit Einsätzen von Holzbohrern auf die angebliche Affäre des damaligen Schweizer Botschafters in Deutschland anspielte. Sein Stil kommt bei den Leuten so gut an, dass er nicht nur die meisten Objekte verkaufen konnte, sondern auch regelmässig Angebote bekommt, alte Scheunen oder Schmitten zu räumen. «Inzwischen habe ich tonnenweise Metall in meinem Keller – so lange lebe ich gar nicht mehr, dass ich alles verbrutzeln kann.»

Seine Schaffenskraft stellt er auch immer wieder in den Dienst anderer Künstler und Kulturschaffender – ob als Bühnenbauer für den inzwischen verstorbenen Stäfner Regisseur Tomas Wullschleger, als freiwilliger Helfer im Freilichtmuseum Ballenberg, als Initiant des Open-Air-Kinos oder der Männedörfler Kulturtage, für die Künstler auf dem ganzen Gemeindegebiet ihre Werke ausstellten. Dass es zu diesem Grossprojekt kommen konnte, war auch Herzogs guten Beziehungen und seinem Verhandlungsgeschick zu verdanken: Da er am gleichen Wochentag wie der damalige Gemeindepräsident Oskar Rutishauser saunierte, hatte er ausgiebig Gelegenheit, diesen von der Idee zu begeistern.

Filmclub und Kino

Dass Stephan Herzog das kulturelle Leben seiner Wohngemeinde am Herzen liegt, hatte er bereits früher unter Beweis gestellt, als er mit anderen jungen Eltern einen Filmklub betrieb. Mit dem Kinobrand 1994 löste sich auch die Vereinbarung mit dem damaligen Pächter in Rauch auf. Die cinephile Truppe setzte jedoch alle Hebel in Bewegung, damit das Kino neu aufgebaut wurde. Der Verein konnte das neue Gebäude im Baurecht erwerben, und es gelang, genügend finanzielle Mittel und Männedörfler Handwerker für Fronarbeit am Umbau zu gewinnen. Für sein Engagement erhielt Herzog 2001 den Kulturpreis der Gemeinde.

Seine Kreativität beschränkt der Allrounder nicht auf die Freizeit. Auch bei der Arbeit ist er bekannt dafür, Herausforderungen ungewöhnlich zu lösen. Als er an einem Dach zu tun hatte, an das kein Kran nahe genug herankam, organisierte er über einen Lehrerfreund kurzerhand eine Schulklasse, die als Menschenkette einen Ziegel nach dem anderen an seinen Bestimmungsort beförderte. Als Gegenleistung gab es einen Beitrag in die Klassenkasse und den Besuch eines französisch sprechenden Samichlauses.

Diese Rolle ging Stephan Herzog leicht von der Hand, hatte er doch zwischen seinem 2. und seinem 16. Lebensjahr in Lausanne gewohnt. Wieder in der Deutschschweiz, absolvierte er eine Lehre als Briefträger und hängte eine Lehre zum Psychiatriepfleger an. Seine Berufung fand er aber erst nach einer weiteren Lehre zum Dachdecker und anschliessender Polierschule, als er sein eigener Chef wurde und sich auf Naturschiefer spezialisierte. Heute ist er auf seine Naturschieferwerke – etwa das Schulhaus Uetikon – ebenso stolz wie auf seinen ungebrochenen Willen, sich selbst treu zu bleiben. (Zürichsee-Zeitung)

Erstellt: 05.01.2016, 14:14 Uhr

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