Herrliberg

Taten der Menschlichkeit statt Lippenbekenntnisse

Mit einem Singgottesdienst hat Andreas Schneiter seine Amtszeit als Pfarrer in Herrliberg beendet. Zum Abschied predigte er über den Mut, zum Glauben zu stehen. Der Gemeinde bleibt er aber noch etwas erhalten.

«Ihr solltet Liederbücher holen!»,legte Pfarrer Andreas Schneiter der Gemeinde eingangs seines Abschiedsgottesdienstes ans Herz.

«Ihr solltet Liederbücher holen!»,legte Pfarrer Andreas Schneiter der Gemeinde eingangs seines Abschiedsgottesdienstes ans Herz. Bild: Manuela Matt

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Zum Abschied gab es eine Premiere: einen Patzer mit dem Manuskript. Der Gottesdienst war erst wenige Minuten alt, als Andreas Schneiter nicht mehr wusste, wo er war. Im Text, wohlgemerkt. Zum ersten Mal in 16 Jahren hatte der abtretende Herrliberger Pfarrer sein Liturgiebuch daheimgelassen; die nunmehr losen Zettel gerieten beim Blättern in eine falsche Reihenfolge. Er nahm es mit Humor: «Ich habe mich selber überlistet», kommentierte er lachend.Von einer fröhlich-besinnlichen Stimmung geprägt war der ganze Gottesdienst, den Schneiter vor vollen Kirchenbänken zusammen mit seinem Amtskollegen Alexander Heit gestaltete. Einen sogenannten Singgottesdienst hatte er sich zum Abschied gewünscht – ein Format, das er selber entwickelt hat und das zu einem «Markenzeichen» wurde, wie Kirchenpflegepräsidentin Elisabeth Schenker in ihrer Würdigung sagte. Wort und Musik in Einklang zu bringen, war stets ein Anliegen und eine Stärke von Andreas Schneiter.

Sich der Stille aussetzen

Ein Lied stand denn auch im Zentrum der Predigt: «Herr, mach uns stark im Mut, der dich bekennt». Andreas Schneiter stellte die Frage in den Raum, wie das gehe, den eigenen Glauben zu bekennen. Eine Frage, die selbst für einen Pfarrer nicht leicht zu beantworten ist. Er aber hat für sich Antworten gefunden: Das konkrete Handeln, das Zugehen auf Mitmenschen – seien es Konfirmanden, glückliche Brautleute, trauernde Angehörige oder Flüchtlinge –, sind für Schneiter das, worin der Glaube Früchte trägt. Damit dies gelinge, brauche er immer wieder Stille, um sich «dem schlichten Dasein vor Gott auszusetzen», wie er sagte. Das übte er auch mit seinen Konfirmanden während vieler Reisen in die Bruderschaft von Taizé.

Alexander Heit, seit dreieinhalb Jahren Schneiters Pfarrkollege in Herrliberg, würdigte dessen Fähigkeit, hinzuhören und zuzuhören. «Er versucht stets, Lösungen im Sinne des anderen zu finden», sagte Heit. «Das ist Nächstenliebe – und diese Stimme kann in unserem Gewissen nicht laut genug sein.» In einer berührenden Szene fielen sich die beiden Männer, so unterschiedlich in ihrer Postur, ihrer Sprache und ihrem Gewand, in die Arme. Und für die Kirchenpflegerin mit dem Fotoapparat gleich noch einmal.

Rückkehr nach Oetwil

Über seine 16 Jahre in Herrliberg sagte Schneiter, sie seien die intensivsten seiner beruflichen Laufbahn gewesen. Diese hatte ihn einst immerhin als Reiseleiter in die weite Welt geführt. Dass es so viele Jahre in Herrliberg würden, habe er zunächst nicht geglaubt. «Doch ich wurde immer wieder getragen von Gemeinde und Kirchenpflege.» Den – etwas vorzeitigen – Schritt in die Pension bei guter Gesundheit und bei Kräften machen zu können, sei ein Geschenk.

Andreas Schneiters Amtszeit endet offiziell am 30. Juni. In einer Woche wird er aus dem Pfarrhaus an der Grütstrasse, das er zusammen mit seiner Frau bewohnte, ausziehen. Es geht zurück «aufs Land», wie er sagt, nach Oetwil, wo die beiden schon vor der Herrliberger Zeit gelebt hatten. Seiner Kirchgemeinde bleibt Schneiter aber noch den Sommer durch erhalten: Bis zum Stellenantritt seines Nachfolgers vertritt er sich sozusagen selber. (Zürichsee-Zeitung)

Erstellt: 27.06.2016, 18:30 Uhr

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