Meilen

Täglich schnürt sie den Tanzschuh

Die 12-jährige Russell Stampfli aus Meilen verbringt 15 Stunden pro Woche in ihren Tanzschuhen. Im Sommer absolvierte sie einen Intensivkurs an der Bolshoi Ballett Academy in Moskau — und bekam überraschend einen Platz für ein Jahr Vollzeitausbildung angeboten.

Ihr Talent als Ballett-Tänzerin ist unübersehbar: Russell Stämpfli im Garten vor ihrem Zuhause in Meilen.

Ihr Talent als Ballett-Tänzerin ist unübersehbar: Russell Stämpfli im Garten vor ihrem Zuhause in Meilen. Bild: Michael Trost

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Grazil und leicht wie eine Feder tanzt sie durch den Raum. Dreht Pirouetten, wippt auf den Zehen und bewegt die Arme anmutig zu den Klavierklängen. Es ist Russell Stampfli aus Meilen, die in der kurzen Filmszene zu sehen ist. Sie zeigt einen Ausschnitt aus dem Training der 12-Jährigen an der Bolshoi Ballett Academy in Moskau. «Ich war während den Sommerferien für drei Wochen in Russland», erzählt das zart gebaute Mädchen mit den dunklen, mandelförmigen Augen. «Es war eine sehr coole Erfahrung.»

Mit Leidenschaft

Jetzt sitzt sie auf ihrem weiss gestrichenen Bett in ihrem Zimmer in Meilen. Sie streckt ihre Füsse bis zu den Zehenspitzen und schiebt sich ein Kissen in den Nacken. Es sei nicht so aufgeräumt, hatte Russell zuvor gewarnt. Doch statt eines Chaos erwartet uns ein lieblich eingerichtetes Mädchenzimmer, an dem jedes Ding seinen Platz hat. Der Schminktisch ist aufgeräumt, das Klavier mit einer rosa Decke zugedeckt. An der lilafarbenen Wand zeugen Gemälde von Tänzerinnen von der Leidenschaft der Schülerin.

«Ich tanze seit ich vier bin», erzählt Russell. «Wenn ich tanze, vergesse ich alle Probleme und bin ganz fokussiert.» Dann taucht sie ein in diese Welt aus Anmut, Musik und Körperbeherrschung. Anfangs sei Ballett einfach ein Hobby gewesen, wirft Mutter Fong Choo Ammann Stampfli ein. Sie stammt ursprünglich aus Singapur und fördert Russell und ihren 17-jährigen Bruder nach besten Möglichkeiten. Mittlerweile hat das grossgewachsene Mädchen ein klares Ziel: «Ich will Solotänzerin werden.»

Für ihr Ziel investiert Russell viel: 15 Stunden pro Woche verbringt sie in ihren Tanzschuhen. Dienstag bis Samstag tanzt sie nachmittags an der Ballettschule des Opernhauses. Hier hat die 12-Jährige im Frühling in der Ballettaufführung «Schwanensee» die Rolle des Kinderschwans getanzt. Am Sonntag nimmt sie im Yen Han Dance Center in Zürich zusätzliche Stunden. Der Montag ist tanzfrei, dafür erhält Russell Klavierunterricht. «Ich liebe auch Musik.» Diese sei sehr wichtig im Ballett. An den Morgen besucht sie seit den Sommerferien das Sport und Kunstgymnasium in Zürich.

Intensivkurs statt Ferien

Die Sommerferien wollte Fong Choo Stampfli einmal fernab von Tanzstudios verbringen. «Ich hatte fünf Wochen Familienferien geplant.» Doch Russell hatte andere Pläne. «Eine so lange Pause konnte ich mir nicht erlauben.» Also suchte die Familie nach einer Möglichkeit für einen Sommerkurs.

Sie bewarben sich mit diversen Filmsequenzen an der berühmten Bolshoi Ballett Academy in Moskau — obschon Russell mit ihren zwölf Jahren eigentlich noch zu jung war. «Sie nehmen erst Tänzerinnen ab 14», erklärt die Mutter. Doch das kleine Wunder geschah: Die Meilemerin erhielt einen Platz. «Ich dachte, das ist doch super», sagt sie und dreht ein schwarzes Haargummi in den Fingern.

Die Zeit in der Akademie sei hart, aber sehr lehrreich gewesen. Jeden Tag standen sechs Stunden klassisches Ballett und Charaktertanz auf dem Programm. Unterrichtssprache war russisch. Die Erwartungen an die Schülerinnen seien sehr hoch gewesen, erzählt Russell. Die Lehrerinnen hätten die Leistung der Tänzer sehr streng kommentiert. «Sie waren nicht so nett wie in der Schweiz.» Während der ersten Woche war die Mutter noch dabei, danach war die Siebtklässlerin allein in der russischen Metropole.

Befragt nach der schlimmsten Erfahrung während des Kurses nennt sie aber nicht etwa den russischen Drill, sondern «das Essen». Sie könne gar nicht sagen, was es gewesen sei, sagt sie lachend. «Es war irgendwie undefinierbar.» Mit einer Kollegin deckte sie sich mit Früchten und Wraps ein und ass diese anstelle der Kursmahlzeiten. Als die Mutter davon hörte, «bekam sie Panik», erzählt Russell. Fortan organisierte sie aus dem Ausland, dass ein Uber-Taxi ihrer Tochter jeden Abend eine warme Mahlzeit lieferte.

Moskau muss warten

Ende des Sommerkurses folgte die grosse Überraschung: Die Akademie bot Russell ein Jahr Vollzeit-Ausbildung an. Eine grosse Ehre, gehört die Bolshoi Ballett Academy doch zu den weltweit renommiertesten Ausbildungsstätten. Trotzdem hat Familie Stampfli nun beschlossen, das Angebot vorerst nicht anzunehmen: «Russell ist noch zu jung», sagt die Mutter. In zwei Jahren entscheide man, ob die Tochter das Gymnasium weiter führe oder nach Moskau wechsle. Bis dann könne noch viel passieren.

Dazu gehört etwa die körperliche Entwicklung, die mit der anstehenden Pubertät einhergeht. Was, wenn Russells Körper sich so entwickelt, dass sie sich vom Berufstraum Balletttänzerin verabschieden muss? «Das ist ein heikles Thema», sagt die Mutter. Unter Tänzern sind Essstörungen verbreitet. Das Wichtigste sei, dass ihre Tochter gesund bleibe, sagt Fong Choo Ammann Stampfli. Und Russell sagt erstaunlich abgeklärt: «Ich brauche auch einen Plan B.» Deshalb besuche sie derzeit das Gymi.

Blasen an den Füssen

Ihr Herz gehört aber klar dem Tanzen. Obschon ihre Leidenschaft nicht spurlos am Körper der 12-Jährigen vorbeigeht: Blasen an den Füssen, Schmerzen oder Krämpfe mitten in der Nacht gehören zum Alltag. Auch für Freizeitaktivitäten wie Shoppen mit Freundinnen oder Kinobesuchen bleibt nebst Schule und Training keine Zeit. Das stört Russell Stampfli derzeit aber nicht. «Tanzen ist meine Freizeit.» Mirjam Bättig-Schnorf

(Zürichsee-Zeitung)

Erstellt: 11.09.2017, 15:55 Uhr

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