Firmensteuern

Stocker holt «Dow» aus der Deckung

Finanzdirektor Ernst Stocker wirbt auf seinem traditionellen Sommerspaziergang für die Steuervorlage 17 – zusammen mit dem Chef einer grossen Horgener Chemiefirma mit Steuerprivilegien.

Dow-Standortleiter Marc Winet, 
Finanzdirektor Ernst Stocker und Horgens Gemeindepräsident Theo Leuthold (von links).

Dow-Standortleiter Marc Winet, Finanzdirektor Ernst Stocker und Horgens Gemeindepräsident Theo Leuthold (von links). Bild: Urs Jaudas

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Sommerspaziergang, so nennt Finanzdirektor Ernst Stocker (SVP) die alljährlichen Anlässe, zu denen er Gäste und Medienvertreter einlädt, um in entspannter Atmosphäre politische Themen zu vertiefen. Der Spaziergang führte am Freitag vom hoch gelegenen Bahnhof Horgen Oberdorf hinunter in die Seebadi Horgen – vorbei an Traditionsfirmen, Wohnquartieren, Fabrikantenvillen und sonstigen lokalen Sehenswürdigkeiten. Im Gepäck hatte Stocker diesmal ein besonders sperriges Thema: Die kantonale Steuervorlage 17, über die das Volk im September abstimmt (siehe Kasten).

Er wisse, dass es nicht besonders sexy sei, bei diesem Badewetter über Steuern zu sprechen, eröffnete der Finanzdirektor in der Badi den ernsteren Teil der Veranstaltung, sekundiert von Gemeindepräsident Theo Leuthold (SVP), der Chefin des kantonalen Steueramtes Marina Züger sowie Marc Winet, Chef von «Dow Europe». Der internationale Chemie-Konzern, der die Chemie kürzlich aus dem Namen tilgte, beschäftigt am Europahauptsitz Horgen rund 400 Angestellte und gehört dort zu den wichtigsten Steuerzahlern. Weltweit macht er mit 37 000 Mitarbeitenden einen Umsatz von 50 Milliarden Franken. Er produziert an verschiedenen Standorten Bestandteile für alle möglichen Alltagsprodukte: Reinigungsmittel, Klebstoffe, Matratzen oder Zahnpasta. In Horgen wird aber nichts hergestellt, dort befindet sich die Zentrale.

Scheu vor der Öffentlichkeit

Winet outete «Dow Europe» als eine der insgesamt 2060 in- und ausländischen Statusgesellschaften im Kanton Zürich, die ab Anfang 2020 ihre Steuerprivilegien verlieren. Das Outing ist insofern speziell, als sich die privilegierten Statusgesellschaften, die in der Vorlage ja eine Hauptrolle spielen, bisher kaum aus der Deckung wagten. Sie hatten bis jetzt offenkundig keine Lust, in der Öffentlichkeit als Profiteure gebrandmarkt zu werden.

Winet hofft wie Stocker auf ein Volks-Ja im September. «Wenn nicht, müssten wir etwa doppelt so viele Steuern bezahlen wie heute», sagte er. Ob seine obersten Bosse in den USA in diesem Fall weiterhin an der Europazentrale Horgen festhalten würden, sei fraglich. Umso mehr, als es steuergünstige Nachbarkantone gebe. Derzeit denkt man aber eher nicht an Umzug. Dow investiert in Horgen laut Winet rund 15 Millionen Franken in neue Büros. Selbst bei einem Ja zur Vorlage werde Dow mehr Steuern bezahlen müssen als bisher – zwar nicht doppelt soviel, aber «signifikant mehr». Seine Firma werde im Übrigen alle Instrumente zur Steuererleichterung nutzen, die Bund und Kanton anbieten: die Patentbox, den Abzug für Forschung und Entwicklung (150 Prozent) sowie den speziell auf den Kanton zugeschnittenen Eigenkapitalabzug. Winet gefällt es, dass sich Stocker um Firmen bemüht. «Denn international wird mit harten Bandagen gekämpft. Holland unternimmt alles, um Grossfirmen anzulocken.»

Welchen Stellenwert haben die besagten 2060 privilegierten Statusgesellschaften mit ihren rund 6000 Angestellten im Kanton Zürich? Laut Zahlen der Chefin des Steueramts lieferten sie im Jahre 2016 18 Prozent oder 336 Millionen Franken an Unternehmenssteuern ab. Ihre Bedeutung sei seit 2015 wegen der florierenden Wirtschaft sogar noch gestiegen. In vielen anderen Kantonen haben die Statusgesellschaften eine deutlich grössere Bedeutung als in Zürich.

Wenige zahlen Löwenanteil

Das gilt auch für die Firmensteuern allgemein im Kanton Zürich. Diese machen zusammen 23 Prozent der Staatssteuern aus. Der Rest kommt von den natürlichen Personen. Bei den Firmensteuern ist es generell so, dass wenige Unternehmen viel zahlen. Konkret: Von den total 67000 Firmen im Kanton liefern 40000 gar keine Steuern ab. Hingegen sorgen 1250 Firmen für 85 Prozent des gesamten Firmensteuerertrags. Bei den natürlichen Personen sind die Verhältnisse deutlich ausgeglichener, obwohl auch hier eine reiche Minderheit für den Löwenanteil des Steuerertrags aufkommt. In verschiedenen Gemeinden spielen die Firmensteuern ein viel grössere Rolle als beim Kanton. Ganz vorne liegt Kloten mit einem Anteil von 65 Prozent, gefolgt von Opfikon (53), Horgen (42) und Zürich (40). In Winterthur sind es lediglich 28 Prozent.

Erstellt: 19.07.2019, 21:55 Uhr

Die Steuervorlage 17

Ab Anfang 2020 verlieren die sogenannten Statusgesellschaften ihre Steuerprivilegien und werden schweizweit wie alle anderen Firmen besteuert. Dies hat das Volk mit dem Ja zum Steuer-AHV-Deal (STAF-Vorlage) beschlossen. Damit der Unterschied zu vorher nicht zu krass wird und die bisher privilegierten Firmen wegen höherer Steuern nicht wegziehen, senken die Kantone reihum ihre Firmensteuern. Auch der Kanton Zürich will es so machen. Die Steuervorlage 17, die am 1. September an die Urnen kommt, sieht allerdings nur eine moderate Senkung von 8 auf 7 Prozent vor. Hingegen nützt die Vorlage aber alle übrigen verfügbaren Werkzeuge des Bundes voll aus. Das führt zu Steuerausfällen bei Kanton und Gemeinden, die teilweise kompensiert werden. Ja sagen SVP, FDP, CVP, EVP und GLP, dagegen sind SP, Grüne und AL. (tsc)

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