Oetwil

Stiftung bietet psychisch kranken Menschen einen Alltag

Die Stiftung Sternwies bietet betreute Wohngruppen und geschützte Werkstätten für psychisch kranke Menschen an.

Geschäftsführerin Regina Staehelin zeigt den Ess- und Aufenthaltsbereich im Neubau der Wohngruppe Libelle.

Geschäftsführerin Regina Staehelin zeigt den Ess- und Aufenthaltsbereich im Neubau der Wohngruppe Libelle. Bild: Sabine Rock

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Die hell gestrichenen Gänge des zweistöckigen Neubaus mitten in Oetwil sind ruhig. Durch die Glastüre des Raucherraums sieht man einen Mann mit Zigarette. Andere Bewohner der Wohngruppe Libelle sind gerade auf einem Spaziergang. Ein gewöhnlicher Nachmittag in der Stiftung Sternwies.

Diese bietet seit nunmehr 18 Jahren betreute Wohngruppen und seit 30 Jahren geschützte Werkstätten für Menschen mit schweren psychischen Krankheiten an. Das Haus Libelle erinnert mehr an ein Ferienheim aus Schulzeiten als an eine Klinik. «Das sind wir auch nicht», betont Geschäftsführerin Regina Staehelin. «Die Menschen wohnen hier.» Und das teilweise schon seit fast zwanzig Jahren. Jedem Bewohner steht ein Einzelzimmer zur Verfügung, für die Betreuer ist dieses eine Tabuzone. Geteilt werden die gemeinschaftliche Aufenthaltsräume und ein grosser Ess- und Kochbereich.

«Uns ist das Prinzip der Normalität sehr wichtig», sagt Staehelin. Die Bewohner sollen trotz ihrer Krankheiten einen möglichst eigenständigen Alltag leben und werden von Betreuern unterstützt. Die medizinische und psychiatrische Begleitung läuft über externe Anbieter.

Im Jahr 2000 kamen die drei Wohngruppen mit insgesamt 42 Plätzen zu dem bereits existierenden Arbeitszentrum dazu. Diese entstanden ursprünglich aus Stationen der Psychiatrischen Klinik Schlössli und wurden in die Stiftung Sternwies überführt. «Man bewegte sich weg von Langzeitaufenthalten in psychiatrischen Kliniken», erklärt Staehelin. Gerade seit der Jahrtausendwende kamen immer mehr Formen von betreutem Wohnen auf.

Selbstständiger Alltag

Hier in Oetwil kommen psychisch erkrankte Menschen aus dem ganzen Kanton unter, die bei ihrem Eintritt zwischen 18 und 65 Jahre alt sind und eine IV-Rente beziehen. «Wir sind meistens voll besetzt», sagt Staehelin. «Die Nachfrage ist da.» Auch wenn es ein sehr breites Angebot an solchen Wohnmöglichkeiten im Kanton gebe.

Ein eingespieltes Team von sechs ausgebildeten Betreuern kümmert sich im Schichtsystem um die 18 Bewohner der Wohngruppe Libelle. «Wir unterstützen und sind Ansprechpersonen», erklärt Andreas Sahli, Leiter der Wohngruppe Libelle. «Wenn immer möglich versuchen wir die Selbstständigkeit und Autonomie der Bewohner zu fördern.» Eine strikt vorgegebene Tagesstruktur gibt es in der Libelle nicht. Den Morgen beginnen die Bewohner individuell. Ab sieben Uhr sind die Betreuer vor Ort und unterstützen bei der täglichen Medikamenteneinnahme. Betreuer Bernd Stöwer zeigt ein Regal mit hellblauen Schubladen. Auf jeder prangt ein Namensschild.

«Nicht alle akzeptieren, dass sie Medikamente nehmen müssen», erklärt er. Deswegen würden sie die Bewohner dabei begleiten und die Notwendigkeit der regelmässigen Einnahme immer wieder thematisieren.

Notfalltelefon

Einige der Männer und Frauen arbeiten teilzeit im Arbeitszentrum, den Rest des Tages gestalten die selber. Freizeitaktivitäten werden oft spontan von den Betreuern initiiert, wie etwa der erwähnte Spaziergang. «Das setzt viele weniger unter Druck als langes Vorausplanen», erklärt Sahli.

Manch einer geht auch externen Aktivitäten nach, wie eine Bewohnerin, die einmal wöchentlich ins Fitnesszentrum geht. Die kleine Frau mit den schneeweissen Haaren lebt schon seit 2000 in der Wohngruppe. «Mir gefällt es hier sehr», sagt die 51-Jährige mit einem Lächeln. Besonders das abendliche Kochen mache ihr Spass.

In Gruppen bereiten die Bewohner mit den Betreuern zusammen das Abendessen zu. Mittag wird im Restaurant Terrasse des nahen Schlössli gegessen. Über Nacht bleiben die Bewohner alleine, ein Betreuer bleibt jedoch für Notfälle immer telefonisch erreichbar.

Im Dorf kennt man sich. Die Bewohner kaufen hier ein, viele wohnen schon länger hier.

Sinnvolle Beschäftigung

Das Arbeitszentrum der Stiftung gibt nicht nur den Bewohnern die Möglichkeit, eine Struktur in ihren Alltag zu bringen. Im Atelier und den drei Industriewerkstätten mit insgesamt 44 Arbeitsplätzen finden rund 100 Menschen Arbeit. Viele davon sind Externe aus der Region.

«Wir arbeiten mit Firmen zusammen und übernehmen Zwischenarbeitsschritte», erklärt Staehelin. «Die sinnvolle Beschäftigung wird von den Mitarbeitenden geschätzt.» Diese erledigen unter fachmännischer Begleitung Montage- und Verpackungsarbeiten und andere einfache Aufgaben. Zum Beispiel verpacken sie für Sonova-Hörgeräte den Wind- und Wetterschutz in Blister.

Doch auch hier verändern sich die Umstände. «Viele Firmen lagern ihre Produktion ins Ausland aus oder solche einfachen Arbeiten werden von Robotern übernommen», erklärt Staehelin. «Wir müssen daher nach neuen Aufträgen suchen.»

Im Atelier übernehmen die Mitarbeiter kreative Arbeiten und stellen Eigenprodukte wie Puzzles oder Insektenhotels her. «Es ist immer abwechslungsreich», erzählt die erwähnte Bewohnerin. «Am liebsten mache ich Postkarten.»
www.sternwies.ch (Zürichsee-Zeitung)

Erstellt: 17.07.2018, 13:32 Uhr

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Haben Sie etwas Spannendes gesehen oder gehört?
Schicken Sie uns ihr Bild oder Video per E-Mail an webredaktion@zsz.ch oder informieren Sie uns telefonisch unter der Nummer 044 928 55 82. Mehr...

Inserieren

Anzeigen online aufgeben
Inserate einfach online aufgaben

Kommentare

Blogs

Michèle & Friends Midlife-Crisis? Nehm ich!

Von Kopf bis Fuss Diese Frau erinnert sich an alles

Newsletter

Das Beste der Woche.

Endlich Zeit zum Lesen! Jeden Freitagmorgen Leseempfehlungen fürs Wochenende. Den neuen Newsletter jetzt abonnieren!