Verkehr

Starke Verkehrszunahme am See prognostiziert

In den nächsten 20 Jahren wird der Verkehr rund um den Zürichsee nochmals deutlich zunehmen. Das zeigen Prognosen des Zürcher Amts für Verkehr. Den Zuwachs sollen öffentliche Verkehrsmittel tragen.

Verkehrszuwachs an ausgewählten Punkten rund um den Zürichsee. (Für eine vergrösserte Ansicht auf die Grafik klicken)


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Wer zu Hauptverkehrszeiten auf der Seestrasse in der Nähe der Stadt Zürich oder auf dem Rapperswiler Seedamm unterwegs ist, braucht gute Nerven. Anfahren und anhalten heisst das Spiel, das sich tagtäglich im Berufsverkehr wiederholt.Das Amt für Verkehr des Kantons Zürich hat nun berechnet, wie stark der Verkehr bis 2040 zunehmen soll.

Die Prognosen zeigen: Besser wird die Situation gewiss nicht. «Da die Bevölkerung weiter wächst, wird auch der Verkehr deutlich zunehmen, wenn sich das Mobilitätsverhalten nicht ändert», sagt Markus Gerber, Medienverantwortlicher des Amts für Verkehr. Bis zu einem Drittel Zuwachs hat das Amt an neuralgischen Stellen errechnet.

Autoverkehr nimmt stark zu

Obwohl beide Seeseiten sowohl in Richtung Zürich als auch in Richtung Rapperswil-Jona gut an den Öffentlichen Verkehr (ÖV) angeschlossen sind, würden laut Gerber viele Personen das Auto dem Zug oder Bus vorziehen. So fällt 62 Prozent des Gesamtverkehrs in Richtung Zürich am linken Ufer auf den motorisierten Invidualverkehr. Am rechten Ufer sind es 54 Prozent.

«Wenn der Verkehr auf den Strassen immer dichter wird, flüchten sich die Menschen in die öffentlichen Verkehrsmittel.»Markus Gerber, Medienverantwortlicher des Amts für Verkehr

Besonders stark ist die Belastung aktuell auf den Seestrassen. Kritisch stellen sich die Ortsdurchfahrten am rechten Seeufer etwa in Küsnacht, Erlenbach und Meilen dar. Am linken Seeufer sind zum Beispiel Horgen und Wädenswil betroffen. Ein Blick in die Trendprognosen des Amts für Verkehr zeigt: Auf der Seestrasse in Küsnacht dürfte der motorisierte Individualverkehr bis 2040 um gut 26 Prozent zunehmen (von 22 528 Autos pro Tag im Jahr 2013 auf 28 469). Auf der Horgener Seestrasse rechnet man mit einer Zunahme um 33 Prozent. Fuhren 2013 durchschnittlich noch 11 303 Autos pro Tag über die Kreuzung zur Fährstrasse, dürfte die Zahl bis 2040 auf 15 071 Fahrzeuge anwachsen.

Bereits heute sehr stark frequentiert ist auch der Rapperswiler Seedamm . Dort wird eine Verkehrszunahme von 16 Prozent bis ins Jahr 2040 prognostiziert. Die durchschnittliche Zahl der durchfahrenden Autos dürfte täglich von 29 696 im Jahr 2013 auf 34 547 steigen. Die genannten Entwicklungen sind exemplarisch für die stark befahrenen Strecken in der Region.

ÖV nicht beliebig erweiterbar

Doch was bedeuten die Prognosen für den einzelnen Pendler? Droht ein Verkehrskollaps? Und in welcher Form fliessen die Berechnungen in die Verkehrsplanung mit ein? Damit das Verkehrssystem auch künftig die Verkehrsnachfrage befriedigen kann, ist eine umsichtige Planung gefragt. Die berechneten Daten sollen diese Aufgabe erleichtern. «Das Gesamtverkehrsmodell ermöglicht es, Verkehrsengpässe zu identifizieren und Verlagerungspotenziale zu erkennen», sagt Gerber. «Es wird dazu genutzt, die Wirkung von Infrastrukturmassnahmen einschätzen zu können.» Der Kanton sieht die Lösung des Problems in der Stärkung des ÖV. Das kantonale Gesamtverkehrskonzept gibt vor, dass mindestens 50 Prozent des Verkehrswachstums auf Strasse und Schiene von öffentlichen Verkehrsmitteln getragen werden muss. Als Ziel bis 2030 halten die regionalen Richtpläne für Zimmerberg und Pfannenstil einen ÖV-Anteil von 30 Prozent am Gesamtverkehr für das linke Seeufer und 33 Prozent für das rechte Seeufer fest.

«Wenn der Verkehr auf den Strassen immer dichter wird, flüchten sich die Menschen in die öffentlichen Verkehrsmittel», sagt Gerber. «Da aber auch das ÖV-Angebot nicht beliebig erweiterbar ist, wäre es denkbar, dass künftig neben dem Velo auch neue Angebotsformen einen Teil der Verkehrsnachfrage aufnehmen.» Als Beispiel nennt er Sharing-Angebote und selbstfahrende Fahrzeuge.

Konkrete Massnahmen fehlen

Neben der Stärkung des öffentlichen Verkehrs hat die Kanalisierung des Durchgangsverkehrs auf die Hochleistungs- und Hauptverkehrsstrassen Priorität, wie im Richtplan der Region Zimmerberg festgehalten wird. Am linken Ufer ist das neben der Seestrasse die Autobahn A3. Am rechten Seeufer sind die See- und Forchstrasse die Hauptachsen zur Abwicklung des regionalen und überregionalen Verkehrs.

«Angesichts dieser Prognosen müsste das Amt für Verkehr dringend eingreifen und solche Projekte verhindern.»Theres Weber-Gachnang (SVP), Kantonsrätin aus Uetikon

Konkrete Massnahmen zur Umsetzung der Ziele sucht man in den regionalen Richtplänen aber vergebens. Im neuen Zürcher Gesamtverkehrskonzept 2018, das in kommender Woche vorgestellt wird, ist dies anders. Darin sind neu Ziele, Strategien und Handlungsschwerpunkte definiert. Vage ist die Planung auch im Nachbarkanton St. Gallen. Konkrete Bauprojekte – wie etwa der geplante Stadttunnel in Rapperswil-Jona – sind denn auch stark vom politischen Prozess abhängig.

Schikanen stoppen

Für die Uetiker Kantonsrätin Theres Weber-Gachnang (SVP) ist klar: «Spurenabbauten und Schikanen wie 30er-Zonen und Verengungen des Strassenverlaufs sind nicht zielführend.» In der Pflicht sieht sie die Ämter und kantonale und kommunale Politiker gleichermassen. Mit der Stärkung des ÖV liessen sich im Kantonsrat zwar leicht Mehrheiten gewinnen, aber: «Wenn Strassen verengt und zurückgebaut werden leidet darunter die Sicherheit – etwa wenn Krankenwagen und Feuerwehrautos kaum mehr durchfahren können und Fussgänger keine Zebrastreifen mehr haben – und das Gewerbe.» Der Maler aus Meilen könne schliesslich schlecht mit Zug und Tram zur Baustelle an der Zürcher Bahnhofstrasse fahren.

Der zur Diskussion stehende Spurabbau an der Bellerivestrasse sei der beste Beweis dafür, dass die linke Hand nicht wisse was die rechte mache. «Angesichts dieser Prognosen müsste das Amt für Verkehr dringend eingreifen und solche Projekte verhindern.»

Binnenverkehr einbeziehen

Auch Kantonsrat Thomas Forrer (Grüne) sieht in der Verkehrsfrage Handlungsbedarf. Für den Erlenbacher ist klar: «Die Attraktivität des ÖV-Angebots muss weiter erhöht werden.» Konkret bedeute das einen dichteren und noch besser abgestimmten Fahrplan.

Für das rechte Seeufer liege der neuralgische Punkt im Bahnhof Stadelhofen. Um die steigenden Pendlerzahlen zu bewältigen, müsse dieser im Rahmen des Ausbauschritts 2030/35 um ein viertes Gleis erweitert und der Riesbachtunnel ausgebaut werden. «Nur so kann der Viertelstundentakt auf der ganzen Strecke bis Stäfa eingeführt werden.» Neben der Betrachtung des Zielverkehrs in die Stadt Zürich müsse aber auch dem Binnenverkehr zwischen den einzelnen Gemeinden Beachtung geschenkt werden. «Viel Verkehr konzentriert sich auf Fahrten zwischen den oberen und unteren Seegemeinden», sagt Forrer. «Damit der öffentliche Verkehr hier attraktiver wird und die Seestrasse entlastet wird, braucht es tagsüber durchgehende Verbindungen und kürzere Umsteigezeiten in Meilen ab 21 Uhr.» (Zürichsee-Zeitung)

Erstellt: 06.03.2018, 13:32 Uhr

Infos im Gis-Browser

Das Amt für Verkehr des Kantons Zürich hat Modellrechnungen fürs Strassennetz angestellt. Die Zahlen zum Verkehrsaufkommen sind über die Plattform des geografischen Informationssystems (GIS) (www.maps.zh.ch) abrufbar. Den Datensatz findet man unter der Rubrik Verkehr mit dem Stichwort «Gesamtverkehrsmodell Kanton Zürich». Klickt man auf der Karte einen Strassenabschnitt an, sieht man Prognosen für die Jahre 2030 und 2040. Berücksichtigt wurden alle Hauptverbindungsstrassen sowie für den regionalen Verkehr bedeutsame Nebenstrassen.

Als Grundlage für die Berechnungen dienten die prognostizierte Bevölkerungs- und Arbeitsplatzentwicklung sowie Strukturdaten wie Verkaufsflächen, Freizeiteinrichtungen und Schulen. Die Modell-Prognosen gehen davon aus, dass sich das Mobilitätsverhalten der Bevölkerung nicht ändert. Das Mobilitätsverhalten beschreibt unter anderem, wie viele Wege jede Person nach Verkehrszweck im Durchschnitt zurücklegt. Das im Modell verwendete Mobilitätsverhalten stammt aus einer Erhebung vor acht Jahren (Mikrozensus 2010).

«Die jüngsten Ergebnisse zeigen, dass das Bedürfnis nach Mobilität zumindest nicht grösser wird», sagt Markus Gerber, Kommunikationsbeauftragter des Amts für Verkehr. «So sind die durchschnittliche Tagesdistanz sowie die Reisezeit leicht gesunken.» Der Motorisierungsgrad sei ebenfalls leicht rückläufig, während das Velo als Verkehrsmittel leicht Anteile am Gesamtverkehr dazu gewinne. (lko)

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