Zürichsee

Zwei Bähnler wagen sich aufs Wasser

Sie sind seit wenigen Monaten die Herren über die Schiffe auf dem Zürichsee. Ob Havarie oder Preise; Roman Knecht (ZSG) und Martin Zemp (Fähre) haben sich den Fragen der ZSZ gestellt.

Gleiches Fahrwasser, aber verschiedene Aufgaben: Roman Knecht (links) und Martin Zemp übernahmen 2015 die Führung der beiden grossen Schifffahrtsbetriebe am Zürichsee.

Gleiches Fahrwasser, aber verschiedene Aufgaben: Roman Knecht (links) und Martin Zemp übernahmen 2015 die Führung der beiden grossen Schifffahrtsbetriebe am Zürichsee. Bild: Michael Trost

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Sind Sie sich schon einmal in die Quere gekommen – ­respektive Ihre Schiffe?

Martin Zemp: Wir beide sicher nicht, am See hält man zusammen. Auch bei Nebel, so wie Anfang Dezember zum Beispiel: Als die Panta Rhei in Horgen war, wurde per Funk abgesprochen, wer zuerst durchfährt.

Roman Knecht: Es gibt wenige Möglichkeiten, bei denen wir uns in die Quere kommen könnten –und unsere Schiffe kreuzen sich nur in der Fahrspur der Fähre zwischen Meilen und Horgen.

Gibt es zwischen Ihnen ­gegensätzliche Interessen?

Knecht: Eigentlich nicht, wir arbeiten in zwei verschiedenen Geschäftsbereichen. Aber ich ­sehe die Fähre als Partner.

Zemp: Die wichtigste Schnittstelle ist die Werfthalle der ZSG in Wollishofen. Wir sind froh, dass wir sie für Revisionen unserer Fähren benützen dürfen.

Stehen Sie regelmässig in Kontakt miteinander?

Zemp: Es gibt immer wieder Anlässe, an denen wir uns treffen. Wenn dringender Bedarf ist, machen wir etwas ab. Wichtig ist vor allem, dass sich unsere beiden Betriebsleiter und Technikverantwortlichen absprechen und sich aushelfen. Die Zusammenarbeit ist sehr positiv.

Sie kommen beide vom öffentlichen Verkehr: Was ausser dem Wasser hat sich für Sie am stärksten im Beruf verändert?

Zemp: Bei mir sind es zwei wesentliche Unterschiede: Ich bin jetzt in einem Unternehmen beschäftigt, das Gewinn macht. Und die Grösse des Unternehmens, die Fähre mit 50 Mitarbeitern, ist ein kleineres Unternehmen als die Bahn- und Busbetriebe BDWM Transport AG und ihr Tochterbetrieb ­Limmat Bus AG. Dafür ist mein Aufgabengebiet breiter geworden. Das macht es spannend.

Knecht: Ich komme vom Grossunternehmen SBB in einen KMU-Betrieb. Mein Betätigungsfeld ist breiter geworden. Bei der ZSG geht es weniger um Spezialisierungen, hier sind Allrounder gefragt. Der Sommer- und Winterbetrieb ist sehr unterschiedlich. Da wechselt auch der Tätigkeitsbereich der Mannschaft. Ein Schiffsführer wird im Winter zum Beispiel zum Schreiner oder Schlosser, er übt also eine zweite Tätigkeit aus. Was bedeutet es Ihnen, ­Personen zu transportieren?

Knecht: Ich empfinde es als ein Privileg, mit Menschen zu tun zu haben. Sie entspannen sich auf dem Schiff, geniessen das Leben. Die ZSG bietet eine Mischung aus öffentlichem Verkehrsmittel und Tourismus.

Zemp: Grundsätzlich erfüllen wir ein Bedürfnis. Wir versuchen, unsere Kunden die Überfahrt geniessen zu lassen – acht Minuten Entschleunigung. Die kurze Verbindung entlastet auch die Verkehrslage in der Region. Die ­Fähre bietet ökologische und ­ökonomische Vorteile, Lastwagen ­sparen LSVA-Abgaben. Am Wochenende wird die Fähre geschätzt für Freizeitaktivitäten. Sie sind jetzt beide rund ein halbes Jahr im Amt: Was waren die Highlights und Tiefpunkte?

Knecht: Für mich ein Höhepunkt ist es, zu erleben, wie engagiert und begeistert unsere Mitarbeiter an der Arbeit sind. Auch das Wetter war in diesem Jahr ein Highlight. Als Tiefpunkt erlebte ich die Havarie des Dampfschiffs Stadt Rapperswil am 17. Juli. Aber das Abschleppen und Reparieren zeigte wieder, dass unsere Leute in der Lage sind, selbst solche ­Si­tua­tio­nen zu meistern.

Zemp: Wirklich Negatives habe ich noch nicht erlebt. Positiv ist, wie ich aufgenommen worden bin – alle haben mir einen guten Start ermöglicht. Mein Vorgänger hat mich mit seinem grossen Wissen gut eingeführt. Von der Frequenz her zeichnet sich 2015 sicher ein besseres Jahr ab als 2014.

Knecht: Bei der ZSG werden dieses Jahr auch mehr Passagiere befördert als 2014, wenn auch nicht viel mehr. Manchmal war es im Hochsommer schon zu heiss für eine Schifffahrt. Und die Herbstferien verliefen nasser als im Vorjahr. Dar­um liegen wir am Schluss nur noch leicht über dem letztjährigen Resultat. Sie beide trifft die vom Bundesgericht verlangte Durchsetzung des Arbeitsgesetzes mit der Pausenregelung fürs Personal: War das eine harte Nuss?

Knecht: Wir müssen uns anpassen, obwohl nicht immer nachvollziehbar ist, dass alle Branchen bei der Pausenregelung gleich behandelt werden. Für mich hat ein Tramführer eine andere berufliche Anspannung als ein Schiffsführer. Wir hätten lieber, wenn wir weniger eingeschränkt würden. Dass jetzt ein Kurs (zwischen Wädenswil und Männedorf und zurück; Anm. d. Red.) ausfallen muss, ist das letzte Mittel.

Zemp: Ich sehe es ähnlich. Es ist halt eine gesetzliche Grundlage. Das Personal schätzte die alte ­Lösung mehr. Wir wählten eine Variante, bei der ein Mitarbeiter eine Ablöseschicht hat und so auf jeder Fähre alle drei Mitarbeiter nacheinander ablöst, bevor er dies auf der nächsten Fähre macht. Das Gesetz ist erfüllt, das Personal ist nicht unbedingt ­happy. Und es kostet uns zwei Stellen mehr. Mit der Erfahrung aus einem halben Jahr im Amt: Wollen Sie etwas in Ihrem Betrieb neu oder anders machen?

Zemp: Ich bin in einen gut organisierten Betrieb gekommen. Das, was funktioniert, sollte man nicht anfassen. Das schafft nur Ärger. Wenn es Handlungsbedarf gibt, dann ja. Kleinigkeiten werden laufend angepasst, welche ich meist mit meinen Kollegen noch bespreche. Grosse Veränderungen sind aktuell nicht nötig gewesen und zeichnen sich nicht ab.

Knecht: Nach sieben Monaten kann ich sagen, dass meine Handschrift intern in gewissen Aspekten schon sichtbar ist. Gegen aussen ist das noch nicht möglich, weil wir das Angebot oder die strategische Ausrichtung langfristig planen. Das braucht noch etwas Geduld. Wir arbeiten mit einem Horizont von vier bis fünf Jahren.

Herr Zemp, Sie sind sogleich mit dem Unternehmerpreis vom Zürichsee ausgezeichnet worden: Da haben Sie die ­Blumen geerbt …

Zemp: Stimmt, ich habe noch nichts dazu beitragen können. Der Preis ist eine Wertschätzung für das, was unsere Mitarbeiter täglich leisten und wie das Unternehmen geführt wird. Es ist eine Anerkennung dafür, dass die Fähre zwei Seeseiten verbindet – zwei Ufer, die doch sehr unterschiedlich sind. Herr Knecht, Sie haben auch geerbt, nämlich zwei fragile Oldtimer. Wie schwierig ist es, zwei über 100 Jahre alte Raddampfer zu erhalten? Knecht: Diese Schiffe sind eine traditionelle Verpflichtung für die ZSG. Auf der anderen Seite bieten sie ein schönes Fahrgefühl. Die Herausforderung besteht darin, dass man bei der Technik nicht Teile einfach auswechseln kann. Jede Reparatur birgt Überraschungen. Dank unserer guten Technikcrew ist der Erhalt der Dampfschiffe gesichert. Das sind richtige Tüftler. Aus wirtschaftlicher Sicht sind die Dampfschiffe ein Luxus, weil für ihren Betrieb fast doppelt so viel Personal nötig ist wie bei einem Motorschiff. Bei Ihnen, Herr Zemp, wird eine neue Fähre gebaut. Wie sieht der Zeitplan aus?

Zemp: Der Start des Baus erfolgt jetzt in der Werft in Linz. Transport und Zusammensetzen der Teile folgen im Frühling 2017. Der Einsatz der Fähre ist ab Sommer oder Herbst 2017 geplant.

Herr Knecht, die MS Linth wird totalsaniert, was läuft sonst im Hinblick auf das nächste Jahr?

Knecht: Die Angebote der ZSG werden in den nächsten ein bis zwei Jahren höchstens leicht angepasst. Erst ab 2020 sind grös­sere Fahrplananpassungen möglich. Wir stellen uns jetzt schon die Fragen, welches Angebot es dann braucht und passen die Flottenstrategie dazu an. Das planen wir mit dem Zürcher Verkehrsverbund (ZVV). Die Beschaffung eines neuen Schiffes dauert zwischen zwei und vier Jahren.

Gibt es im nächsten Jahr neue Traumschiff-Kurse?

Knecht: Wir dünnen das Traumschiff-Angebot etwas aus. Von weniger gut ausgelasteten Themenschiffen haben wir uns verabschiedet und vereinfachen das Angebot. Wir richten uns auf die Nachfrage aus.

Zum Beispiel?

Knecht: Das Güggeli-Schiff fand wenig Anklang, auch beim Dolce-Vita-Schiff hat die Nachfrage nachgelassen. Neu ist das Zischtigsschiff. Es trägt dem Rechnung, was die Kunden nach Feierabend suchen: hinein in den Sonnenuntergang, Entspannung und ­gutes Essen – «reduce to the max», sozusagen.

Herr Zemp, Sie können die Mehrkosten im Personal mit derzeit tieferen Treibstoff­kosten ausgleichen: Wie sieht die zukünftige Preispolitik der Fähren-AG aus?

Zemp: Die beiden grössten Kostenfaktoren sind Personal und Treibstoff. Wenn Diesel so viel kosten würde wie 2008, als das Barrel Rohöl über 150 Dollar kostete, dann müssten wir die Tarife wohl erhöhen. Derzeit liegt der Barrelpreis am Weltmarkt unter 40 Dollar, daher ist eine Tariferhöhung jetzt kein Thema. Herr Knecht: Was ist jetzt dran an dem 5-Franken-Zuschlag im ZVV für die Benutzung der ZSG-Schiffe?

Knecht: Das ist ein politischer Entscheid und noch völlig offen. Fakt ist, dass man auf dem Zürichsee so günstig wie kaum anderswo Schiff fahren kann. Der politische Wille, wie ich ihn mitbekomme, fokussiert sich stärker auf die Rentabilität. Ich kann mir vorstellen, dass dies eher für eine Verteuerung des Schiffsverkehrs spricht.

Hätte Sie auch der See-Job des anderen gereizt?

Knecht: Nein, ich würde die Vielfältigkeit an Fragen bei der Fähre vermissen. Bei uns in der ZSG beginnt es mit der Qualität des Kaffees in der Gastronomie und endet beim Umbau von Schiffen wie jetzt beim MS Linth. Dar­um würde ich nicht wechseln wollen.

Zemp: Ich bewege mich gerne im öffentlichen Verkehr. Da gibt es extrem viele Abhängigkeiten. Wir hängen vor allem vom Strassenverkehr ab. Die Automobilisten sind wie Wasser: Sie suchen immer den Weg des geringsten Widerstands. Wenn es wegen einer Baustelle woanders drei Minuten schneller geht, dann nimmt der Autofahrer diesen Umweg. Umso wichtiger ist es, zuverlässig zu sein, einen guten Service zu bieten und günstig zu sein. Die ZSG wäre sicher auch eine spannende Aufgabe, die mich gereizt hätte. Ich identifiziere mich gerne mit meinem jetzigen Unternehmen. Daher bin ich bei der Zürichsee-Fähre sicher am richtigen Ort.

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Erstellt: 27.12.2015, 12:46 Uhr

Zu den Personen

Martin Zemp (48) ist seit Juli Geschäftsführer der Zürichsee-Fähre Horgen–Meilen AG und Chef von 50 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Er lebt in Partnerschaft. Zemp war zuletzt stellvertretender Direktor der Bahn- und Busbetriebe BDWM Transport AG sowie Limmat-Bus AG im aargauischen Brem­gar­ten mit rund 200 Angestellten. Zurzeit wohnt Martin Zemp noch in Geroldswil – die Übersiedlung an den Zürichsee (Oberrieden) steht im Frühling bevor. In der Freizeit betreibt er Sport, spielt Klavier und liest gerne Comics.

Roman Knecht (41)
ist seit April Direktor der Zürichsee-Schifffahrtsgesellschaft (ZSG) und Chef von rund 100 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Er lebt mit seiner Partnerin und zwei Kindern in Winterthur. Vor dem Berufswechsel an den Zürichsee arbeitete Knecht 22 Jahre für die Schweizerischen Bundesbahnen, seit 2010 leitete er die strategische und operative Entwicklung der SBB im Verkehrsmanagement der Division ­Personenverkehr. Zu seinen Hobbys zählt Roman Knecht ­Velofahren, Wandern und ­Skifahren. zsz

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