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«Wir sind eine Familie»

Sandra Kliems Leben steht im Zeichen ihrer Hunde. Seit Jahren betreibt sie Schlittenhundesport und war mit ihren Alaskan Malamutes Schweizer Meisterin und WM-Dritte. Derzeit ist sie mit ihrem Rudel am Pfannenstiel unterwegs.

Energiebündel in ihrem Element: Schlittenhundeführerin Sandra Kliem mit einem Alaskan Malamute.
Energiebündel in ihrem Element: Schlittenhundeführerin Sandra Kliem mit einem Alaskan Malamute.
Patrick Gutenberg

«Aiaiaiaiai!», hallt es über den Schnee. Am Horizont taucht ein Hund auf, dann noch einer und noch einer. Fünf sind es zuletzt, die einen Schlitten ziehen, auf dem eine Frau mit wehenden schwarzen Haaren steht und ihre Tiere anfeuert.

Was wie eine Szene aus einem nordischen Film aussieht, spielt sich am Pfannenstiel in Meilen ab: Sandra Kliem trainiert mit ihren Alaskan Malamutes für ein Schlittenhunderennen Anfang Februar in Studen. «Gee», ruft sie jetzt, und die nordischen Hunde biegen auf der verschneiten Wiese nach rechts ab. Leithund Ikarus legt sich nochmals kräftig ins Zuggeschirr und kämpft sich durch den tiefen Schnee. «Stopp», ertönt der letzte Befehl des Mushers, wie die Schlittenhundeführerin korrekt bezeichnet wird. Kliem sichert das Gefährt mit einem Schneeanker, springt in den Schnee und tätschelt ihre Tiere. «Bravo», lobt sie.

Eine Viertelstunde vorher: Die vier Alaskan Malamutes Ikarus, Wakanda, Blay und Tegan sowie die Grönlandhündin Trinity warten angekettet an im Boden verankerten Stangen auf ihren Einsatz. Zwei weitere Malamutes, Maya und Balou, müssen heute im Auto warten. Aufgeregt scharrt das Rudel draussen mit den Pfoten und heult, dass sich den Zuhörern die Nackenhaare aufstellen. «Jetzt muss es schnell gehen», sagt Kliem, «die Hunde wollen los.» Sie zieht einem nach dem anderen das Zuggeschirr an und führt ihn an seinen Platz neben der Zugstange. Oberhalb des Nackens und des Schwanzes werden die Tiere eingehakt und mit der Zugleine verbunden. Als der Musher «Go» ruft, setzt sich das Gespann in Bewegung.

Über 15 Grad ist zu warm

Etwa dreimal pro Woche trainieren Sandra Kliem und ihr Partner Istvan Szabo ihre nordischen Hunde. «Aber nur zwischen Oktober und April und bei Temperaturen unter 15 Grad», erklärt die 42-Jährige mit den stahlblauen Augen. «Sonst ist es für die Hunde zu warm.» Je nach Witterungsverhältnissen lässt sie sich mit dem Schlitten oder dem Wagen ziehen. Zu ihren besten Zeiten brachte es die Schlittenhundeführerin mit ihren Hunden aufs Podest: 2013 holte sie den Schweizer-Meister-Titel mit sechs vorgespannten Hunden, 2012 erkämpfte sie an der Weltmeisterschaft mit vier Hunden den dritten Platz. «Damals schafften wir etwa 16 Kilometer pro Stunde», erzählt sie. Heute seien es noch ungefähr zwölf. Die Hunde werden älter, deshalb fährt Kliem nur noch Rennen in der Schweiz. Zwar strebt sie nach wie vor eine gute Platzierung an. «Aber wichtiger ist mir, das Rennen mit den Hunden zu geniessen.»

Sandra Kliem sitzt nun am hölzernen Tisch in ihrem Haus in Esslingen. Um ihren Hals baumelt eine Kette mit Hundeanhänger, an den Wänden und auf der Kommode sind entsprechende Bilder und Skulpturen verteilt, selbst auf der Tasche prangt eine Hundepfote. Es ist nicht zu übersehen, dass sich hier jemand ganz dem Hund verschrieben hat.

Sieben sind das Maximum

Diese Liebe wurde der Malamute-Halterin in die Wiege gelegt: Ein Grossonkel züchtete Schäferhunde, der Vater trieb intensiv Hundesport. Ihren ersten eigenen Hund bekam Kliem als Zehnjährige. «Einen Labrador.» Im Erwachsenenalter übernahm sie dann von einem befreundeten Paar einen Malamute. «Ich überlegte mir, wie man diese Rasse am besten beschäftigt.» So sei sie auf den Schlittenhundesport gekommen. «Die Hunde gaben gewissermassen mein Leben vor», sagt sie lachend und streicht sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht.

Nach und nach füllte sich das Zuhause der Tierfreundin mit Hunden. Anfangs waren es vor allem Zweithandtiere, später baute sie ein eigenes Team mit jungen Hunden auf. Derzeit leben sieben Nordlandhunde auf dem Grundstück. «Das ist das Maximum für Haus und Garten», sagt Sandra Kliem. Im Zweier- beziehungsweise Dreierteam dürfen die ­Tiere abwechselnd ins Haus, während der Rest des Rudels draussen im Gehege oder im Garten weilt. «Sie wissen genau, wer wann an der Reihe ist», sagt die Besitzerin, während sie einen Schichtwechsel vollzieht.

Gutmütig und sturköpfig

Aufgeregt stürmen Ikarus, Wakanda und Blay ins Haus und ­begrüssen die Besucherin überschwänglich. Es sind gutmütige Kraftpakete mit wunderschöner Fellzeichnung. Zehn Minuten später liegen sie entspannt auf dem Boden. «Malamutes sind ­gemütlicher als Huskies», erklärt Kliem. «Und sie haben einen eigenen Kopf.» Es könne vorkommen, dass die Hunde während eines Trainings partout keinen Grund sähen, einen Befehl zu befolgen. «Dann lässt man es für diesmal am besten bleiben.»

Nebst dem Training führt Sandra Kliem täglich einen der Hunde für einen Spaziergang aus. Zudem beschäftigt sie die Tiere in Haus und Garten mit Such- und Schnüffelspielen. «Mit den verschiedenen Aktivitäten sind sie ausgelastet.» Ihre Brötchen verdient die gelernte Konditorin-Confiseurin in einer Bäckerei. Dort arbeitet sie in einem 80-Prozent-Pensum. Damit finanziert sie auch ihre Schlittenhunde-Leidenschaft, die jährlich einige Tausend Franken verschlingt. Zusätzlich führt die ausgebildete Hundetrainerin und Verhaltensberaterin gemeinsam mit einer Kollegin die Hundeschule Freunde fürs Leben in Meilen. Das Motto gilt für sie auch privat: Andere Musher verkaufen ihre Hunde, wenn diese älter und damit weniger leistungsfähig werden. Nicht so Kliem: «Wir sind eine Familie, wir werden gemeinsam alt.»

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