Männedorf

«Wir karrten lastwagenweise Dreck an»

Wie es ist, einen Pestkranken zu spielen und eine mittelalterliche Welt zu kreieren: Darüber sprachen im Männedörfler Kino Wildenmann drei Beteiligte des neuen «Zwingli»-Films.

Beantworteten am Freitag Fragen aus dem Pubilikum: Schauspieler  Max Simonischek (von links), Produzentin Anne Walser und Laiendarsteller  Emilio Marchisella.

Beantworteten am Freitag Fragen aus dem Pubilikum: Schauspieler Max Simonischek (von links), Produzentin Anne Walser und Laiendarsteller Emilio Marchisella. Bild: Moritz Hager

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Ob man es will oder nicht: In diesen Tagen führt wohl kaum ein Weg an ihm vorbei – dem Reformator Huldrych Zwingli. Der einst als Pfarrer im Zürcher Grossmünster die althergebrachten Kirchenstrukturen kräftig ins Wanken gebracht hat. So, dass bald kein Stein mehr auf dem anderen blieb. Oder: keine Heiligenfigur mehr in den Kirchen, kein Kloster auf Zürcher Boden.

Vor genau 500 Jahren hat die Zürcher Reformation ihren Lauf genommen. Mannigfach wird das Jubiläum nun begangen. Und dies tun am vergangenen Freitagabend auf ihre Weise auch gut 70 Personen in Männedorf. Kurz vor sieben Uhr abends drängen sich diese im Genossenschaftskino Wildenmann. Die Vorstellung, die wenig später beginnen wird: längst ausverkauft. Zu sehen ist denn auch der Film, mit dem derzeit besonders an den Zürcher Reformator erinnert wird: der neuste Schweizer Spielfilm «Zwingli».

Kompromiss Sprache

Zu sehen sind vorgängig auch Hauptdarsteller Max Simonischek, Jungschauspieler Emilio Marchisella und Produzentin Anne Walser. Bis sie Red und Antwort zu den Dreharbeiten stehen, geht das Gespräch da und dort bereits um das Filmthema. Wann denn das eigentlich gewesen sei mit dem Zwingli, erkundigt sich einer beim Sitznachbarn. «Etwa um 1300», lautet die Antwort. «Viel später», wirft ein Dritter ein, «1580». Ein weiterer meint, dass man nun Zwinglianisch-Deutsch hören werde.

Die Frage nach der Sprache im Film beantwortet bald darauf Produzentin Walser von C-Films. «Es ist uns wichtig, dass auch Junge den Film sehen und nicht nur Historiker», sagt die 41-Jährige. Deshalb hätten sie sich nach langem Überlegen für aktuelles Schweizerdeutsch entschieden. «Natürlich mit Anpassungen, etwa ohne Anglizismen.» Der 17-jährige Emilio bekräftigt denn auch, dass er während seiner elf Drehtage als Zwinglis Stiefsohn Gerold schon etwas anders gesprochen habe als sonst im Alltag.

Viele Laien

Er habe zuvor noch nie geschauspielert, sagt der Jugendliche. «Eine coole Erfahrung.» Als Nebeneffekt habe er reiten gelernt, oder zumindest auf ein Pferd aufzusteigen. Der Schüler ist einer von insgesamt rund 300 Laiendarstellern. Profis dagegen seien es an die 50 gewesen, erläutert Walser. Vordem spricht Ivana Imoli, Vorstandsmitglied des Kinos, die starke Publicity des bislang teuersten Schweizer Films an. Bei keinem anderen hiesigen Streifen habe sie dies im Vorfeld ähnlich erlebt. Dass der Film immerzu mit seinen Kosten erwähnt werde, ärgere sie etwas, sagt Walser. «Denn für einen Film, der im Mittelalter spielt, ist er nicht so teuer.» Man müsse den enormen Aufwand bedenken. «Und das Geld reichte just für die 37 Drehtage.» Um sie finanzieren zu können, habe sie unzählige Klinken geputzt. Nun solle der Film entsprechend breit unter die Leute.

Einen Zuschauer interessiert der Kulissenbau. «Wir haben in der ganzen Schweiz nach Drehorten gesucht», sagt Walser. Fündig seien sie im Kloster St. Georgen in Stein am Rhein geworden, wo sie das mittelalterliche Zürich quasi hineingebaut hätten. Aus dem Ort komme auch ein Grossteil der Statisten. «Es gibt dort eine Mittelalter-Theatergruppe», erklärt Walser. «Für diese war das Mitmachen im Film das Ereignis.» Ihr selber habe besondere Freude bereitet, die Innenaufnahmen im Grossmünster drehen zu dürfen. Dies dank Denkmal- und Kirchenpflege. Dass der aktuelle Grossmünsterpfarrer gemeint habe, die mit Bildern und Altären ausgestattete Kirche habe ihm besser gefallen als die gewohnt nüchterne, amüsiert das Publikum hörbar.

Ins nächste Kino

Hauptdarsteller Simonischek wird gefragt, wie die Identifikation mit der Rolle gelungen sei. Er habe sich mit der Zwingli-Biografie von Peter Opitz vorbereitet, mit Historikern gesprochen und sich so ein Bild des Reformators zu Eigen gemacht, sagt er.

Und wie sei es, einen Pestkranken darzustellen? «Die Ratten waren echt», sagt Walser. Nur die Anzahl der Tiere hätten sie dank Computertechnik verdoppelt. Sie klärte auch gleich über ein weiteres wichtiges Requisit auf: «Wir haben lastwagenweise Dreck angekarrt.» Die Pestbeulen aber, sagt der 36-jährige Simonischek, seien das Werk der Maskenbildner. Sein gemimter Kampf gegen die Krankheit der Effekt einschlägiger Vorbereitungslektüre. Viel Zeit für weitere Fragen bleibt nicht mehr. Das Dreiergespann muss weiter: ins nächste Kino. Die «Ochsentour», wie Imoli die kurze Präsenz der Gäste erklärt, gehört eben auch zur Publicity. Für die Männedörfler Kinogänger beginnt der Filmabend aber erst. (Zürichsee-Zeitung)

Erstellt: 20.01.2019, 14:00 Uhr

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