Stäfa

Wie die Lesegesellschaftwieder zu Kräften kam

Nach den revolutionären Anfängen verlor die Lesegesellschaft an Bedeutung. Ab den 60er-Jahren erhielt sie neuen Schwung.

Walter Kobelt erinnert sich gerne an die Zeit zurück, als die Lesegesellschaft mit Plakaten für kulturelle Anlässe zu werben begann.

Walter Kobelt erinnert sich gerne an die Zeit zurück, als die Lesegesellschaft mit Plakaten für kulturelle Anlässe zu werben begann. Bild: Sabine Rock

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Still war es geworden um die Lesegesellschaft in der Mitte des letzten Jahrhunderts. Ausgerechnet sie, die in der Geschichte der Gemeinde Stäfa eine so wichtige Rolle gespielt hatte: Sie war treibende Kraft, als die Dörfer am Zürichsee gegen die Unterdrückung der Stadt Zürich aufbegehrten, und sie war es auch, die sich für die Bildung der breiten Bevölkerung einsetzte und unter anderem den Vorläufer der «Zürichsee-Zeitung» gründete.

Und nun, seit Jahrzehnten schon, dümpelte die 1819 gegründete Lesegesellschaft vor sich hin. Überliefert ist zum Beispiel, dass zur Generalversammlung 1927 nur noch fünf Mann erschienen. 1966, als mit Walter Kobelt ein junger Sekundarlehrer das Präsidium übernahm, hatte die Lesegesellschaft knapp hundert betagte Mitglieder.

100 Schüler zogen nach Stäfa

In einem Dornröschenschlaf habe sie sich befunden, erinnert sich der inzwischen 90-jährige Kobelt, der den Verein über 30 Jahre lang, bis 1997, präsidierte. Unter ihm modernisierte sich die Lesegesellschaft nach und nach, was sie letztlich davon bewahrt haben dürfte, in der Versenkung zu verschwinden.

Innerhalb der Lesegesellschaft war bereits kurz bevor Walter Kobelt seine neue Funktion angetreten hatte, frischer Wind aufgekommen. Ein kleiner Kreis von Stäfnern hatte den Wunsch nach öffentlichen kulturellen Veranstaltungen geäussert. Der Zufall wollte es, dass gleichzeitig und unabhängig davon eine Gruppe von Lehrern in Stäfa ein Konzert des Zürcher Kammerorchesters auf die Beine stellen wollten.

«Die Stäfner sollten ihre Geschichte selber spielen»Walter Kobelt

Der damalige Gemeindepräsident, erinnert sich Kobelt, habe davon abgeraten. Er habe befürchtet, dass sich die Gruppe damit übernehmen würde, und er hielt das finanzielle Risiko für zu gross. «Er meinte es gut mit uns», erinnert sich der ehemalige Sekundarlehrer.

Die Warnung fassten die Organisatoren denn auch vor allem als Ratschlag auf. Sie begannen, sich um eine Defizitgarantie zu kümmern und schrieben in der Hoffnung auf finanzielle Unterstützung zahlreiche Stäfner Persönlichkeiten an, deren Adressen sie aus dem Telefonbuch heraussuchten.

Weitum bekannter Rebmann

Der Rücklauf war überwältigend. Aus einem wurden mehrere Konzerte, die schliesslich gar kein Defizit verzeichneten. Sie brachten nicht nur Erwachsene, sondern auch rund 1000 Schüler aus den Gemeinden am See nach Stäfa.

Zusammen mit seinem engsten Mitarbeiter Willi Rinderknecht erweiterte Kobelt danach das Angebot durch Theater, Kabarett und vieles mehr zu einem attraktiven Programm zu verhältnismässig bescheidenen Preisen. Die Zahl der Mitglieder stieg sprunghaft an.

Zahlreiche Neuerungen – etwa die Einführung eines Jugendpasses, ein persönlich zusammenstellbares Abo, Vergünstigungen für Mitglieder und vieles mehr – machten die Lesegesellschaft attraktiv. Und mit dem neuen Logo, einem lesenden Rebmann auf der Treppe seines Weinbergs, das bis vor kurzem noch verwendet wurde, hatte sie einen unverkennbaren Auftritt.

«Ich bin glücklich, dass es mit der Entwicklung weitergeht»Walter Kobelt

Der Bereich Veranstaltungen wurde somit zu einem wichtigen Pfeiler der Lesegesellschaft, die bis heute auf drei Säulen fusst: Nebst den kulturellen Anlässen wie Konzerten, Theateraufführungen und Lesungen sind dies das Ortsmuseum, das Kustos Werner Liechti jahrzehntelang selbstständig führte, sowie die Bibliothek. Auch bei letzterer tat sich unter Kobelt einiges.

Der Lehrer, von 1961 bis 1966 Präsident der Bibliothekskommission, modernisierte sie ebenfalls grundlegend. Bis Ende der 50er-Jahre war es in der Schweiz üblich gewesen, dass Besucher die gewünschten Titel jeweils in einem Katalog nachschlugen und auswählten.

Die Bibliothekarin händigte ihnen dann die in braunes Packpapier eingebundenen Bücher aus. Leseratten konnten somit nicht selber in Büchern schmökern. Mit der Einführung der Freihandbibliothek änderte sich das – und dadurch nahm auch die Zahl der Ausleihen sprunghaft zu.

Ein halbes Dorf spielt mit

Die Lesegesellschaft erreicht also mit ihren Anlässen, der Bibliothek und dem Ortsmuseum viel mehr als früher die breite Bevölkerungsschicht. Ihre Bestrebungen gipfelten schliesslich 1995 mit dem grossen Freilichttheater anlässlich des 200-Jahr-Jubiläums des «Stäfner Handels». Das halbe Dorf wirkte damals als Laiendarsteller mit. «Die Stäfner sollten ihre Geschichte selber spielen», erläutert Kobelt die Idee dahinter.

Und heute? Die Lesegesellschaft modernisiert sich weiterhin, und Walter Kobelt ist froh darüber. «Ich bin glücklich, dass es mit der Entwicklung weitergeht», sagt er. Kobelts Nachfolger als Präsident, Samuel Galle (bis 2012), führte die Popularisierung der Lesegesellschaft, die heute über 800 Mitglieder zählt, fort. Unter dem aktuellen Präsidenten Richard Diethelm hat die Lesegesellschaft einen neuen, frecheren Auftritt, auch im Internet.

Aktuell ist sie im Dorf mit verschiedenen Stelen mit Texten zur Vergangenheit und zum Jubiläum präsent, und Kuratorin Nicole Peter stellt im Ortsmuseum immer wieder überraschende Anlässe und Ausstellungen auf die Beine. Aus dem gesellschaftlichen Leben im Dorf ist die Lesegesellschaft somit nicht mehr wegzudenken.

Erstellt: 10.06.2019, 15:04 Uhr

200 Jahre Bildung und Kultur

Konzert im Spittelquartier

Die Lesegesellschaft Stäfa feiert dieses Jahr ihren 200. Geburtstag als Verein. Sie hat mit ihrem gesellschaftlichen und kulturellen Wirken wesentlich die politische Entwicklung der Region und desKantons Zürich beeinflusst. Diese Zeitung begleitet das Jubiläum mit einer Artikelserie. Bisher erschienen: «Erst mit Lesen beginnt die Demokratie» (Ausgabe vom 2. März), «Nur 6 von 144 habenüberlebt» (25. April), «Der älteste Pfeiler der Lesegesellschaft» (21. Mai). (red)

Am Samstag, 15. Juni, um 17 Uhr findet im Spittelquartier zwischen Bahnhof und Schifflände Stäfa ein Konzert anlässlich des 200-Jahr-Jubiläums der Lesegesellschaft statt. Musik ertönt von überall her, aus den schmalen Gassen, von den Dächern und aus den Fenstern. Die Spielgemeinschaft der Musikvereine Verena Stäfa und Harmonie Hombrechtikon, das Bläserensemble Quintetto Inflagranti, das Echo vom Zürihorn und andere Formationen würden das Spittelquartier in eine Klangwolke hüllen, versprechen die Organisatoren. Das Konzert ist gratis. (red)

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