Meilen

Von verschwundenen Fabriken und Industrien

Das Ortsmuseum zeigt, wie Meilen bis 1970 ein wichtiger Gewerbe- und Industriestandort war. Die neue Ausstellung erinnert an 15 Betriebe, die einst florierten und heute verschwunden sind.

Edgar Hiltebrand (von links), Michel Gatti und Ralph Weingarten verantworten die aktuelle Ausstellung «Verschwundene Fabriken und Industrien» im Ortsmuseum .

Edgar Hiltebrand (von links), Michel Gatti und Ralph Weingarten verantworten die aktuelle Ausstellung «Verschwundene Fabriken und Industrien» im Ortsmuseum . Bild: Moritz Hager

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Wo heute die Altersresidenz Tertianum steht, stand eine Gerberei, die in Meilen schon 1613 ihre erste Erwähnung findet. 1723 erstand sie Heinrich Wunderly, der bis zu 40 Personen in seinem Betrieb, der Häute aus der Schweiz und aus Übersee verarbeitete, beschäftigte. Diverse Geräte sowie Fotos zur Lederverarbeitung veranschaulichen das florierende Gewerbe, dessen Produktion 1930 einstellt wurde. Erst nach Abbruch der Gebäude entstand auf dem Wunderly-Areal das erwähnte Tertianum.

Die Gerberei ist nur einer von 15 Betrieben, die einst in Meilen ansässig waren und heute nicht mehr existieren. Ihnen gedenkt die am Freitag eröffnete Ausstellung «Verschwundene Fabriken und Industrien» im Ortsmuseum. Ermöglicht wurde sie dank der Idee und den Recherchen von Michel Gatti und Ralph Weingarten sowie dem Ausstellungskonzept von Edgar Hiltebrand. Für jeden Betrieb haben sie auf zwei Etagen Informationen, Fotos, Dokumente sowie Beispiele der Erzeugnisse zusammengetragen. Die Hälfte der Exponate entstammen dem Museumsfundus, die andere Hälfte sind Leihgaben.

Bis zu 150 Mitarbeiter

So auch von der Firma, die Ernst Holzscheiter 1912 gründete. Hier entstanden Gummi- und Lederwaren, darunter Reise- und Sportartikel und auch die legendäre Swissair-Umhängetasche, die als Exponat an längst vergangene Zeiten erinnert. Der Betrieb beschäftigte zu Spitzenzeiten bis zu 150 Mitarbeiter, wurde aber 1984 eingestellt. 1988 folgte der Abbruch der Gebäude.

Die EMA AG wurde 1944 von jungen Unternehmern ins Leben gerufen. Sie widmete sich der Herstellung von elektrischen Messapparaten, wurde aber nach 40 Jahren an die Trafag AG in Männedorf verkauft. Die ehemaligen Fabrikgebäude beherbergen heute den Polizeiposten Meilen-Herrliberg-Erlenbach. Wo sich heute eine Autogarage in Feldmeilen befindet, stand bis 1944 die Firma Ernst & Cie, eine Rosshaarspinnerei, deren Anfänge bis 1868 zurückreichen. Pferdeschweifhaar, einst aus Russland und Kanada eingeführt, diente als Füllmaterial für Matratzen.

Teurer werdender Standort

Die Firma Häny, einer seit 1885 noch bis heute bestehenden Pumpenfabrik, dient den Ausstellungsmachern als Beispiel, warum Fabriken entweder aufgelöst und wie Häny dem einstigen Gewerbe- und Industrieort Meilen den Rücken kehrten. «Die Lage vieler Betriebe am Zürichsee brachte Umweltprobleme mit sich, was immer grössere Auflagen zur Folge hatte», erklärt Ralph Weingarten den immer teurer werdenden Standort Meilen, den sich die Unternehmer nicht mehr leisten konnten.

Aus diesem Grund hat auch Häny seine Pumpenfabrik 2005 nach Jona verlegt, «sozusagen weg vom Urbanen und hin aufs grüne Feld, wo der Boden günstiger ist», wie es Michel Gatti zusammenfasst. Die Betriebe seien untergegangen oder hätten sich anderswo weiterentwickelt.

Nicht wegzudenken war einst auch die 1909 von einer deutschen Handelsfirma als Schweizer Tochtergesellschaft gegründete Kaffee Hag AG beim S-Bahnhof Herrliberg-Feldmeilen. Hier wurden die Bohnen für den koffeinfreien Kaffee geröstet. Ab 1934 kommt das Kakaogetränk Kaba hinzu, an das sich bestimmt einige Ausstellungsbesucher erinnern können, die Schreibende mitgerechnet.

1928 waren die sich mit Werbung und Sponsoring auskennenden Kaffeehersteller gar in St.Moritz an der Winterolympiade präsent und warben für ihren «gesunden Kaffee, der Herz und Neven schont», wie auf alten Aufnahmen zu sehen ist. 1979 wurde auch hier die Produktion von Kaffee Hag eingestellt. Es sollte nicht allzu lange dauern, wie Ralph Weingarten erzählt, bis Migros seinen eigenen koffeinfreien Kaffee lancierte und ihn – als Anlehnung an Hag – Zaun nannte.

Auslöser für Entwicklung

Als Auslöser für die wirtschaftliche Entwicklung zwischen 1890 bis 1970 nennen die Ausstellungsmacher die Eröffnung der rechtsufrigen Eisenbahnlinie gegen Ende des 19. Jahrhunderts. Es war die Zeit, in der 70 Prozent der Beschäftigten in Meilen im Wirtschaftssektor zu orten waren.

Beendet wird diese Zeit mit der allgemeinen Wandlung der Schweizer Wirtschaft hin zu einer mehrheitlich aus Dienstleistungsbetrieben bestehenden Gesellschaft ab den 1970er Jahren. Die Ausstellung ermöglicht einen Blick in eine Epoche in Meilen, die gar noch nicht so lange zurück liegt.

Die Ausstellung dauert bis am 26. April. Das Ortsmuseum Meilen ist jeweils Samstag/Sonntag (14-17 Uhr) geöffnet. Weitere Informationen sowie Begleitveranstaltungen unter ortsmuseum-meilen.ch.

Erstellt: 26.01.2020, 16:12 Uhr

Inserieren

Anzeigen online aufgeben
Inserate einfach online aufgaben

Kommentare

Blogs

Michèle & Friends Midlife-Crisis? Nehm ich!

Von Kopf bis Fuss Diese Frau erinnert sich an alles