Uetikon

Sprechen heisst bei ihnen blättern

Hinter dem Komikerduo Ohne Rolf stecken Jonas Anderhub und Christof Wolfisberg. Statt zu sprechen, blättern die beiden ihre gedruckten Sätze auf Plakaten. Im Riedstegsaal suchten sie einen Ersatz und baten einige Bewerber auf die Bühne.

Im Stück des Duos Ohne Rolf durfte jemand aus dem Publikum (Mitte) mitblättern.

Im Stück des Duos Ohne Rolf durfte jemand aus dem Publikum (Mitte) mitblättern. Bild: Sabine Rock

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Sind haben es fertig gebracht, fast zwei Stunden ihr Publi­kum in Uetikon zu unterhalten, ohne aber auch nur ein Wort zu sagen. Naja, in ihrem neuen Stück «Seiten­wechsel» sprechen Jonas Anderhub und Christof Wolfisberg zwar einige Sätze nach der Pause, so will es die Dramaturgie. Doch tun sie dies mit derart gepressten und überdrehten Stimmen, dass man doch nicht erkennt, wie sich die beiden Kabarettisten anhören würden.

Aber das ist auch unwichtig bei Ohne Rolf, wie sich das Luzerner Komikerduo seit 2001 nennt, weil sprechen bei ihnen blättern heisst. Das ist ihr Beitrag zu einer noch nie dagewesenen Kleinkunst, einer Mischung aus absurdem Theater und philosophischem Kabarett, die ihnen schon einige Preise und Fernsehauftritte einbrachte.

Das Rascheln der Plakate

Während sie ihre Worte und knap­pen Sätze auf Plakaten zeigen­ und diese ständig umblättern, ist es nämlich, als würde man ihnen bei einer Konversation zuhören. Dabei vernimmt man einzig das Rascheln der Papierbögen, ansonsten ist es mucksmäuschenstill. Der rechts platzierte Christof zieht beim Blät­tern Grimassen und spielt mit seinen Augen – mal ist sein Blick zornig, mal voller Unverständnis und dann auch spitz­bübisch. Er ist der geborene Mime­, vereint Komik und Tragik in sich, sodass man seine Stimme nicht vermisst. Jonas hingegen setzt seine Gestik minimalistisch ein, ist eher der leise Typ, kommt aber dank seinem originellen Plakattext nicht minder witzig rüber.

Da stehen Jonas und Christof, wie sie sich vorstellen, beide 1976 geboren, auf ihren dreistufigen Trittleitern, jeder vor einer ­Beige Plakaten, die sie dem Publikum Blatt um Blatt zum Lesen vor­legen. «Seitenwechsel» ist ihr viertes abendfüllendes Stück, das 2016 Premiere hatte und mit dem sie am Freitag im Ried­steg­saal Station machten.

Bewerbungstestsmit Klamauk

Im Zentrum des Stücks steht die Suche nach einem Ersatz: Jonas wird demnächst abtreten, und für den braucht es einen Ersatz, der zum Blättern taugt. Da die Zu­schauenden zu Bewerbern mutie­ren, fischt sich Christof einige Damen und Herren her­aus und bittet zum Eignungstest auf die dritte Leiter in ihrer Mitte. Für das Publikum unsichtbar ist das iPad, dem die Neulinge Regieanweisungen entnehmen und sich entsprechend verhalten. Natürlich müssen auch sie blättern, weil sie Fragen von Jonas und Christof zu beantworten haben.

Diese Bewerbungstests sind voller Klamauk und Kalauer und verursachen viel Gelächter. Dabei ahnen die Bewerber gar nicht, was ihnen da für Texte in die Hände gegeben wurden. Ihr ahnungs­loser Gesichtsausdruck ist schon eine Gaudi, als gehörten sie zum Team. Dafür erhalten sie spontanen Applaus.

Am Schluss wird es ernst

Als die Suche sich als unergiebig erweist, fordert Jonas den Kollegen auf, den Rolf Senza zu spielen. Flugs hat sich Christof eine runde Brille, krumme Nase und buschige Augenbrauen aufgesetzt und lässt als Zauberer tatsächlich einen Hasen verschwinden, auf seinen Plakaten wohlverstanden. Wie das geht, muss man gesehen haben. Auch wie er sekundenlang einen Papier­fet­zen ausspuckt, um zu demonstrieren, dass er das Kotzen beherrscht.

Am Schluss wird es buchstäblich todernst, als eine Bewerberin sich als Tod vorstellt. Auf Jonas­ hat sie es abgesehen, der den Seitenwechsel vollführt, indem­ er hinter dem Vorhang verschwindet, nicht ohne vorher über Leben und Tod philo­sophiert zu haben. Christof bleibt nur die Gewissheit als Trost, dass Jonas es schön hat im Paradies. (Zürichsee-Zeitung)

Erstellt: 20.01.2019, 17:53 Uhr

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