Meilen

Späte Ehre für vergessene Birnensorte aus der Region

In Obermeilen ist mit der «Chugelibire» die Schweizer Obstsorte des Jahres gekürt worden. Nun soll die einst beliebte Sorte in der Region wieder Fuss fassen.

Von links: Bewirtschafter Edwin Bolleter, Tochter Lukrecia und Fructus-Präsident Alfred Aeppli mit dem Bratbirnbaum.

Von links: Bewirtschafter Edwin Bolleter, Tochter Lukrecia und Fructus-Präsident Alfred Aeppli mit dem Bratbirnbaum. Bild: Michael Trost

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Manchmal war der Appetit zu gross. Und dann ass er die Birnen gleich ab Baum. Die Folge: schmerzende Zähne. Denn, die Früchte waren eiskalt – hatten sie doch jeweils mitten im Winter ihre Reife. So etwa erinnert sich Edwin Bolleter an die «Chugelibire». Die Kindheitserlebnisse sind zwar schon einige Jahrzehnte her. Am Samstag aber wurden sie wieder aktuell. Da ist die besagte Birne auf dem Hof von Bolleters Bruder Heiri in Obermeilen zur Schweizer Obstsorte des Jahres gekürt worden.

Der Ort des Anlasses hatte es in sich: Seit vorletzter Woche steht dort ein junger Chugelibirnbaum. Es ist dies einer von neun neuen Bäumen der Birnensorte im Bezirk Meilen und im Oberland. Damit ist die Obstsorte im Kleinen wieder dahin zurückgekehrt, wo sie einst verbreitet war.

Von Salat verdrängt

Die jungen Hochstammbäume haben Vertreter des Wädenswiler Vereins Fructus gepflanzt. Dessen Ziel ist es, alte Obstsorten und damit die Biodiversität und Genvielfalt zu bewahren und zu fördern. Ein Anliegen, das sich denn auch in der alljährlichen Kür der Schweizer Obstsorte niederschlägt. In die Kränze kommen dabei Sorten, die etwa botanisch auffallen oder mit eigenen regionalen Spezialitäten verbunden sind, erklärte Vereinspräsident Alfred Aeppli. Heuer habe man indes bewusst auf eine Birne fokussiert. Und damit auf deren Kulinarik.

So sieht die seltene «Chugelibire» aus. Bild: PD/Bernadette Boppart

Meist, sagte denn auch Landwirt Bolleter, sei die Chugelibire gekocht oder als Dessert auf den Tisch gekommen. Dies entsprach der gängigen Handhabung der lagerfähigen Birne. Entsprechend heisst sie auch Schweizer Bratbirne. Ihre Verwendung erklärt aber auch, warum sie heute kaum mehr bekannt ist: Salat und frisches Gemüse liefen ihr auf den heimischen Tellern den Rang ab.

Umfragen und Aufrufe

Dabei habe man gerade ihr intensives Aroma geschätzt: etwa als Mus zur Metzgete, unter Kartoffeln und Speck gemischt, karamellisiert oder – seltener – gedörrt. Dies und mehr zur Geschichte der Bratbirne hat Peter Enz, Vorstandsmitglied von Fructus und seit 25 Jahren Leiter des botanischen Gartens Zürich, in penibler Recherche aufgedeckt. So sei die Chugelibire in Fachschriften von 1863 als Sorte vom rechten Zürichseeufer erwähnt, erklärte er den Anwesenden – vorab Vereinsmitglieder und Vertreter der umliegenden, unterstützenden Gemeinden.

Informationen hätten auch Umfragen bei älteren Landwirten aus der Gegend geliefert. Dadurch erschlossen sich Enz konkrete Standorte der Birnbäume und die Verwendung der Früchte um die 1960er- und 1970er-Jahre. Zuletzt hat der Verein die Öffentlichkeit um Hinweise aufgerufen – unter anderem in dieser Zeitung. Dies, um zu eruieren, ob noch Bratbirnbäume im Pfannenstielgebiet existieren.

«Interessanterweise kamen mehrere Meldungen vom linken Zürichseeufer», sagte Enz. So etwa von einem 90-jährigen Horgner. «Er hat in den 1940er-Jahren Brat- auf Wasserbirnen aufgepfropft.» Eine Uetikerin wiederum habe aufgrund ihrer Kindheitserinnerungen auf Magden im Fricktal verwiesen. «Dort stehen tatsächlich noch alte Bäume», erläuterte Enz.

Seine Recherche war noch nicht zu Ende. «Im Herbst inspizieren wir einige gemeldete Bäume nochmals», sagte er. Dies, um vermeintliche Falschmeldungen auszuschliessen. Die eingangs erwähnten neu gepflanzten Jungbäume stammen übrigens von einem Mutterbaum aus dem Fructus-Garten in Höri. Dieser dient als Genbank für alte Obstsorten.





Erstellt: 19.01.2020, 14:05 Uhr

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