Wochengespräch

«Ich versuche zu vermitteln, dass Neues immer auch eine Chance bieten kann»

Seit April ist die Zollikerin Katrin Gügler Stadtbaumeisterin in Zürich. Eine Funktion an der Schnittstelle von Bestehendem und Künftigem, von Bauten und Menschen.

Die Zollikerin Katrin Gügler ist seit einem halben Jahr Stadtbaumeisterin der Stadt Zürich.

Die Zollikerin Katrin Gügler ist seit einem halben Jahr Stadtbaumeisterin der Stadt Zürich. Bild: Manuela Matt

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Wir sind hier, unweit von Linden­hof und Uraniastrasse, im Amtshaus IV der Stadt Zürich – Ihrem Arbeitsort. Es ist das Werk von Gustav Gull, der von 1895 bis 1900 als einer Ihrer Vor­­gänger Zürcher Stadtbau­meister war. Was soll dereinst an Sie erinnern?
Katrin Gügler: Das Gebäude ist natürlich ein imposantes Erbe. Aber die Aufgaben in diesem Amt haben sich seitdem grund­legend verändert. Heute ist der Anspruch nicht mehr, eigene Bauten oder Quartiere zu hinterlassen. Sondern Prozesse zu gestalten, um zielführend mit den verschiedenen Interessengruppen Projekte zu entwickeln.

Eine Herausforderung, sind doch die Bedürfnisse der verschie­denen Interessengruppen – Quartierbewohner, Wirtschaft, Politik – äusserst verschieden.
Das ist so. Es ist je länger, je mehr möglich, dass sich die Bevöl­kerung bei der Ausgestaltung von Bauprojekten einbringen kann. Das ist ein wichtiger Prozess in unserem demokratischen System. Damit aber die Projekte zügig voran­gehen können, muss klar ­definiert sein, wer sich wann äussern kann. Und dass man es nie ­allen recht macht – das muss man in diesem Amt einfach lernen.

Immer wichtiger wird heut­zutage die Verdichtung. Die wenigs­ten wollen aber, dass der Nachbar ihnen in die Wohnung schaut.
Das neueste Szenario geht davon aus, dass bis 2040 80 000 bis 100 000 Leute mehr in der Stadt Zürich wohnen werden. Die Frage ist: Wo bringen wir sie unter? ­Zürich hat zwar noch beträcht­li­che Baureserven. Der kommunale Richtplan der Stadt setzt aber klar auf qualitatives Wachstum.

Was heisst das konkret?
Neue Flächen erschliessen braucht immer auch einen Ausbau an Infrastruktur, an Verkehrsanbindungen und so weiter. Da ist es besser, vermehrt dort zu bauen, wo all dies schon vorhanden ist. Qualitativ bauen heisst auch, die Kernzonen, die die Identität der Stadt ausmachen, als geschützten Raum zu schonen. Und dass die verschie­denen Quartiere ihren Charakter behalten. Es braucht auch Orte des Rückzugs, die klar neben den öffentlichen und halbprivaten zu erkennen sind. Neue Siedlungen wie die Kalk­breite zeigen dies exemplarisch: Öffentliche Nutzungen im Erdgeschoss – etwa mit Läden und Restaurants – beleben den Strassenraum, während dem der Hof im Obergeschoss den Bewoh­nern als gemeinsamer Aus­sen­raum zur Verfügung steht.

Die Europaallee ist ein anderes Beispiel eines neuen ­Quartiers. Sie wird immer wieder als seelen­los kritisiert.
Neues braucht Zeit! Wer ein Haus baut, weiss auch, dass man sich erst allmählich richtig wohlfühlt. Aber ein neues Quartier sollte in der Erwartung vieler, kaum ist es gebaut, voller Leben sein. Das hat also auch mit einer gewissen Anspruchshaltung zu tun. Die Stadt ist in einer ständigen Dynamik, die man zulassen sollte. In den Siebzigerjahren hatten wir zum Beispiel mehr Einwohner als ­heute, und da waren die Indus­triegebiete noch nicht als Wohnquartiere entwickelt. Entsprechend tiefer war der vorhandene Lebensstandard.

Heute beanspruchen die Leute also grössere Wohnflächenals in den Siebzigerjahren. Und gleichzeitig wollen sie Grün- und Freiräume – ist Verdichtung mit all diesen Ansprüchen überhaupt machbar?
Die Wohnungen werden wie­der kleiner. Gute Grundrisse können bewirken, dass «weniger gross» nicht unbedingt «schlechter» heissen muss. Aber die Her­aus­forderung der inneren Verdichtung bleibt, zumal der Wandel von ehemaligen Indus­trie- zu Wohngebieten in der Stadt schon stattgefunden hat. Und in den Regio­nen ist der Landschaftsschutz ein weiteres wichtiges Krite­rium im Zusammenhang mit der inneren Verdichtung.

Sie sprechen damit Ihre ­Tätigkeit als Delegierte der Zürcher Planungsgruppe Pfannenstil (ZPP) an. Wie ist die raumplanerische Entwicklungin der Zürichseeregion?
Um eine Zersiedelung zu ver­meiden, muss man über die Gemein­degrenzen hinweg die ganze Region betrachten und einige­ Zen­tren bestimmen, in denen mehr Wachstum möglich sein soll. Auch bezüglich Infrastruktur ist eine Konzentration besser – denn wo Leute wohnen, braucht es immer auch Verkehrsanbindungen, ein Stromnetz, Schu­len, Altersheime und so fort.

Heisst das, dass die Regionin diesen Zentren verstädtert – und die typischen Einfamilienhäuser bald verschwinden?
Man kann jetzt schon beobachten, dass in den Seegemeinden immer mehr kleinere Häuser mit grossem Umschwung durch grössere mit kleinen Gärten ersetzt werden. Die Bau- und Zonenordnungen lassen viel zu; es gibt verschiedene Ansätze, wie die Gemeinden sie umsetzen. In den Kern­zonen wird aber darauf geach­tet, bei Neubauten auf ­alte, bestehende Gebäude einzugehen. Etwa, indem man die Dachform oder die Fensterformate aufnimmt und so weiter. Da gibt es unzählige Möglichkeiten, ohne dass man weder das Alte kopiert, noch etwas von der Umgebung völ­lig Losgelöstes hinstellt.

Wenn sich Quartierbewohner gegen Bauprojekte auflehnen, hat dies oft auch mit Ängsten zu tun – davor, die gewohnte Umgebung und mit ihr ein Stück Identität zu verlieren. Wie begeg­nen Sie solchen Ängsten?
Ich nehme sie ernst und hinter­frage, woher sie genau kommen. Dafür ist eben der Dialog not­wendig. Ich versuche zu vermitteln, dass Neues immer auch eine Chance bieten und mit der Zeit gefal­len kann. Erfahrungsgemäss sind die Gespräche mit den Direktbetroffenen meist sehr gut; die, die am lautesten sind, vertreten nicht selten nur eine Minderheit.

Bei diesen Dialogen brauchen Sie wohl auch einiges an psycho­logischem Geschick.
Man muss schon Freude am Austausch haben. Aber es ist auch wichtig, selber eine Haltung zu haben und diese zu vertreten. Sonst verheddert man sich in Details­. Die meisten Leute, mit denen ich zu tun habe, sind jedoch offen für Veränderungen.

Sie sind ursprünglich Archi­tektin. Fehlt Ihnen das Kreative Ihres alten Berufes nicht?
Nein, mein Beruf ist nach wie vor kreativ. Prozesse zu entwerfen – und dies auf allen Stufen von der Stadt, über das Quartier bis zum einzelnen Haus –, finde ich sehr kreativ. Aber auch, Projekte zu erklä­ren – dies hat mir bereits als Assistentin an der ETH im Umgang mit den Studenten gefallen.

Ihrem Vorgänger Patrick Gmür war das Amt zu verwalterisch. In einem Interview meinte er, während sich frühere Stadtbaumeister mit wichtigen Bauten verewigt haben, habe er um die Höhe der Einstiegskanten bei den Tramhaltestellen gerungen. So überspitzt würden Sie Ihr Amt demnach nicht beschreiben?
Die Einstiegskanten der Tramhaltestellen sind auch nicht ge­rade mein Lieblingsthema. Wenn die Stadt weiterhin ihre hohe Lebensqualität behält und ich dazu einen relevanten Beitrag leisten kann, bin ich mehr als zufrieden.

Erstellt: 22.10.2017, 14:11 Uhr

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