Wochengespräch

«Ich lebe meinen Plan B»

Seit acht Jahren berichtet Patrizia Laeri in der Fernsehsendung «SRF Börse» über Aktien- und Währungskurse, Zinsen und Rohstoffpreise. Vor kurzem ist die Wirtschaftsjournalistin nach Männedorf gezogen.

Am Puls des Börsengeschehens: die Wirtschaftsjournalistin Patrizia Laeri.

Am Puls des Börsengeschehens: die Wirtschaftsjournalistin Patrizia Laeri. Bild: Reto Schneider

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Patrizia Laeri, als wir unser Gespräch vereinbarten, steckten Sie mitten im Umzug. Sie wechselten Ihren Wohnort von Feldmeilen nach Männedorf. Etwas anderes als am Zürichsee käme für Sie gar nicht infrage, sagten Sie. Was gefällt Ihnen denn so am See?

Patrizia Laeri: Ich habe längere Zeit in London gelebt. Da ist einem der extreme Gegensatz zum Zürichseegebiet bewusst. Die Luft ist hier viel klarer, der See eine riesige autofreie, Kohlestoff-unverseuchte Fläche. Dafür ist der öffentliche Verkehr sehr gut ausgebaut, was für mich als ehemalige Öko-Radikale wichtig ist. Zudem schätze ich die Badis am See sehr. Männedorf etwa finde ich top mit seinem Beachvolleyballfeld und den Angeboten für die Kinder. Allerdings vermisse ich in kulinarischer Hinsicht etwas die Badis am linken Seeufer. Aber dafür ist jetzt ohnehin nicht die Jahreszeit (lacht). Sie haben an mehreren Orten am See gelebt und können entsprechend gut vergleichen. Ja, gleich anfangs Studium, mit 20 Jahren, habe ich im Zürcher Seefeld gewohnt, danach in Kilchberg, Feldmeilen und nun in Männedorf. Hier aber möchte ich bleiben, da meine Kinder bald in den Kindergarten kommen.

Sprechen wir über Ihren Werdegang. Wie sind Sie dazu gekommen, für das Schweizer Fernsehen das Börsengeschehen zu kommentieren?

Nach meinem Wirtschaftsstudium an der Universität Zürich wollte ich in die Unternehmensberatung einsteigen. Ich träumte von einer Stelle bei einer der grossen Beratungsgesellschaften – McKinsey zum Beispiel. Doch es war das Jahr 2001, die Zeit der grossen Internetkrise. Ich musste meinen ursprünglichen Plan aufgeben und habe mich für den Wirtschaftsjournalismus entschieden. Während eines Volontariats bei der NZZ verfasste ich die ersten Börsenberichte.

«Nach dem Interview mit Peter Kurer war ich lange eine Persona non grata bei den Banken.»

Danach habe ich beim Schweizer Fernsehen angefangen, zuerst mit Reportagen, unter anderem für «10 vor 10», «Rundschau» und die Tagesschau. Und seit 2007 bin ich zu 50 Prozent für «SRF Börse» tätig. Daneben moderiere ich Fachtagungen, die sich mit Finanzfragen oder digitaler Transformation auseinandersetzen. Somit lebe ich jetzt eigentlich meinen Plan B. Und der gefällt mir 1 A.

Als Reporterin mussten Sie viel reisen – auch in Länder, die totalitär regiert werden. Hatten Sie nie Angst?

Das Reisen für die Reportagen vermisse ich. Angst um mein Leben hatte ich keine. Man ist ja in den totalitären Staaten, wie etwa Nordkorea oder Iran, ständig überwacht. Solange man eine bestimmte rote Linie nicht überschreitet, ist man ziemlich sicher. Wie gehen Sie nun bei der Arbeit für «SRF Börse» vor?

Ich bin weitgehend frei in der Themenwahl für meine Sendung. Dabei versuche ich immer aktuell zu sein, aber auch Hintergründe und Analysen zu liefern. Ich achte darauf, dass ich die komplexen Inhalte in fernsehtauglichen Geschichten erzähle. Also Wirtschaftsgeschichten mit Helden und oft leider auch Anti-Helden.

Sie gingen als hartnäckige Fragestellerin in die Geschichte des Schweizer Fernsehens ein, als Sie 2009 den damaligen CEO der UBS, Peter Kurer, über die hohen Fixlöhne der UBS interviewten. Was geht Ihnen durch den Kopf, wenn Sie daran zurückdenken?

Dieses Interview nahm ich als entlarvend wahr. Es zeigte, wie abgehoben, wie weit weg von der Realität die Bankenführung war. Dass die Ausstrahlung des heiklen Interviews dann nicht verhindert wurde, erstaunt mich heute noch.

«Ich hoffe, dass mir am WEF zufällig Christine Lagarde im Schnee entgegen stapft.»

Schliesslich waren viele Presseverantwortliche dabei. Ich selber war nach dem Interview lange eine Persona non grata bei den Banken. Trotzdem erlaube ich mir weiterhin, kritische Fragen zu stellen – auch, wenn ich an Fachtagungen moderiere. In dieser Hinsicht bewundere ich die Art von Roger Schawinski, immer wieder bei seinen Interviews nachzuhaken. Das erachte ich als wichtig.

Eine weitere Herausforderung dürfte sein, das komplexe Börsengeschehen allgemein verständlich zu formulieren. Erhalten Sie Reaktionen, ob Ihnen dies gelingt?

Ja, das Vereinfachen ist eine Herausforderung. Meine Mutter ist meine Kritikerin: Sie sagt mir jeweils am Abend, wenn sie mich nicht verstanden hat. Die Sendungen sind mit zwei bis drei Minuten Laufzeit sehr kurz. Das macht es nicht einfacher. Aber die kurze Sendezeit vor der Tagesschau kommt dem Publikum entgegen, auch wenn für uns Moderatoren der Aufwand gross ist und ich manchmal gern mehr Zeit zur Verfügung hätte.

Ende Januar findet in Davos das World Economic Forum, kurz WEF, statt. Sie sind als Reporterin für SRF dort. Welche Themen sind Ihnen wichtig?

China, der Ölpreis und der Dollar haben die Börsen durcheinander gewirbelt. Also werde ich auch am WEF diesen Themen nachjagen und den Wirtschaftspromis Erklärungen abringen. Besonders schwierig ist es immer, an die chinesischen Delegationen heranzukommen. Das gleicht einem Staatsakt. Aber am WEF gilt generell: Nichts verläuft wie geplant, man muss spontan bleiben und hoffen, dass einem Christine Lagarde zufällig im Schnee entgegen stapft. Die hätte ich nämlich besonders gerne vor der Kamera.

Im Dezember wurde ein Klimavertrag ausgehandelt. Oft werden Umweltanliegen als wirtschaftsschädigend betrachtet. Wie lautet dazu Ihre Einschätzung?

Ein Umdenken ist nötig, gerade bei Unternehmen, die viel Kohle verbrauchen. Sie sind es, die die Erderwärmung besonders forcieren. Allerdings bewirkt der momentan tiefe Ölpreis das Gegenteil: Der Billig-Preis nimmt den Druck, etwas zu ändern und alternative Energien zu fördern. Betrachtet man aber etwa China, so wird klar, dass sich das Land nicht erlauben kann, im gleichen Stil wie bis anhin weiterzumachen. Denn die Bevölkerung ist nicht ewig gewillt, die Umweltbelastung hinzunehmen. Bürgerbewegungen existieren längst. Ich bin aber zuversichtlich, dass die Forschung neue Technologien finden wird, die ein Zusammengehen von Klimaschutz und Wirtschaftswachstum erlauben.

Ebenfalls im Dezember fanden Bundesratswahlen statt, und der neue Finanzminister der Schweiz wurde bekannt.

Ich verstehe nicht, dass die stärkste Partei der Schweiz keine Frau als Kandidatin aufgestellt hat. Das hat die Präsidentin der SVP Frauen gar selber bedauert. Das ist für mich ein Rückschritt. Dass Frauen und Männer gemeinsam die Regierungsverantwortung wahrnehmen sollten, müssten eigentlich mittlerweile alle Parteien unterstützen.

Seit den Wahlen im Oktober gilt das Parlament mit seiner bürgerlichen Ausrichtung als wirtschaftsfreundlich. Teilen Sie diese Einschätzung?

«Wirtschaftsfreundlich» würde auch bedeuten, dass Frauen vermehrt gefördert werden. Doch die Integration von Frauen fehlt noch vielerorts in den Unternehmen – weil keine Tagesstrukturen für die Kinder vorhanden sind. Ich selber könnte zum Beispiel nicht so arbeiten, wenn mich meine Mutter nicht mit der Betreuung der Kinder unterstützen würde. Ohne sie würde alles zusammenbrechen. Ich bin nun aber gespannt, wie das Parlament den Widerspruch zwischen Wirtschaftsfreundlichkeit und fehlender Integration von Frauen auflöst – und ob die Politiker ihren Worten auch Taten folgen lassen.

Wie schalten Sie nach einem langen Arbeitstag ab?

Wann immer es mir möglich ist, male ich. Diese Beschäftigung, zu der mich einst mein Kunstlehrer animiert hat, setzt bei mir viel Energie frei. So verbrachte ich auch letzten Sommer längere Zeit in Frankreich, um mich ganz der Malerei zu widmen. Sie als Beruf zu wählen, habe ich mich jedoch nicht getraut. Meine Eltern legten mir ein sogenannt vernünftiges Studium ans Herz. Nun aber ist die Malerei meine Passion.

Erstellt: 10.01.2016, 14:01 Uhr

Zur Person

Patrizia Laeri (38) ist in Flurlingen aufgewachsen. Im Winterthurer Gymnasium Rychenberg legte sie die Matur ab, bevor sie 1997 an der Universität Zürich das Wirtschaftsstudium begann. Dieses schloss sie 2001 in der betriebswirtschaftlichen Richtung mit einer Arbeit über die Rolle der UBS im Grounding der Swissair ab. 2002 begann sie mit ihrer Tätigkeit für das Schweizer Fernsehen als Reporterin für «10 vor 10», «Tagesschau» und andere Gefässe. Seit 2007 kommentiert sie in der Sendung «SRF Börse», die täglich um 19.25 Uhr ausgestrahlt wird, alternierend mit Reto Lipp und Martin Stucki das Börsengeschehen. Zudem ist sie stellvertretende Moderatorin der Sendung «Eco». Sie wohnt in Männedorf und ist Mutter zweier Söhne im Alter von
2 und 4 Jahren.?and

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