Männedorf

Familienabenteuer in Kolumbien

Der Männedörfler Ueli Baruffol handelt mit Nüssen. Seine Geschäftstätigkeit war für ihn aber nur ein Grund, mit seiner fünfköpfigen Familie ein Jahr in Kolumbien zu verbringen.

Der Männedörfler Ueli Baruffol ist Gründungs- und Geschäftsleitungsmitglied von Pakka, einem Unternehmen, das fair und biologisch produzierte Cashews und Nüsse vertreibt.

Der Männedörfler Ueli Baruffol ist Gründungs- und Geschäftsleitungsmitglied von Pakka, einem Unternehmen, das fair und biologisch produzierte Cashews und Nüsse vertreibt. Bild: Manuela Matt

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«Kaum hatten wir die Koffer zu Hause abgestellt, waren alle Kinder verschwunden», sagt Ueli Baruffol und lächelt. Gemeinsam mit seiner Frau Daniela und den drei Kindern im Alter von 14, 11 und 9 Jahren ist er Ende Juli von einem einjährigen Aufenthalt in Kolumbien nach Männedorf zurückgekehrt. «Die Kinder geniessen hier ihre wiedergewonnene Freiheit», erklärt Baruffol. In Kolumbien hätten sie nur innerhalb der gesicherten Wohnanlage in der Hauptstadt Bogotá alleine unterwegs sein können. Für Aktivitäten ausserhalb brauchten sie aus Sicherheitsgründen die Begleitung der Eltern. Für den 44-jährigen Unternehmer Ueli Baruffol ist das Reisen nach Kolumbien fast wie das Eintauchen in eine zweite Heimat. Seine Mutter wuchs als Kind von Schweizer Auswanderern in dem südamerikanischen Land auf und lebt seit ihrer Hochzeit wieder in der Schweiz. Auch väterlicherseits gibt es Verwandte, die nach Kolumbien emigrierten. «Ich habe deshalb von beiden Elternteilen viel Verwandtschaft dort», sagt er und trinkt einen Schluck Kaffee im Bistro des Bio-Ladens Terra beim Bahnhof Männedorf.

Alle drei Jahre in Kolumbien

Als Kind war Baruffol alle drei Jahre zu Besuch in Südamerika, seit einigen Jahren weilt er zwei- bis dreimal jährlich im Land. Grund dafür ist die Firma Pakka, welche der ausgebildete Forstingenieur 2006 gemeinsam mit einem Freund gegründet hat (siehe Kasten). Das Unternehmen verkauft und produziert fair und biologisch hergestellte Nüsse und Nussprodukte. In Kolumbien brachte es zudem vor drei Jahren bio-zertifizierte, lokal hergestellte Schokolade auf den Markt, die auch als süsse Hülle für Paka-Nussprodukte zum Einsatz kommt. «Ich will in Kolumbien die Entwicklung des biologischen Landbaus fördern», erklärt Ueli Baruffol. Diese Art der Landwirtschaft stecke dort noch in den Kinderschuhen. Pestizide würden sehr grossflächig und grosszügig eingesetzt. «Kurz nachdem wir als Familie in Kolumbien angekommen waren, berichteten die Zeitungen über zwei Landarbeiter, die beim Spritzen von Kartoffeln ums Leben gekommen waren.»

Ueli Baruffol prüft mit einem Farmer die Erdnüsse. Foto: PD

Gemeinsam mit Partnerorganisationen ist der Männedörfler am Aufbau einer Modellfarm mit Bewässerung für Bio-Erdnüsse sowie einem Projekt für Bio-Cashewnüsse. Um diese und weitere Vorhaben kümmerte sich Ueli Baruffol auch in seinem Auslandjahr. Immer wieder staunte er, wie anders dort alles funktioniert. Während in der Schweiz die Hierarchien eher flach seien, gebe es in den meisten kolumbianischen Unternehmen einen «Big Boss». Entscheidungskompetenzen hätten die Mitarbeiter praktische keine. «Die Buchhalterin hat nicht einmal Zugang zum Bankkonto.» Das war etwas vom Ersten, das der Nuss-Pionier änderte. «Ich schenkte den Angestellten Vertrauen und übertrug ihnen Verantwortung.»

Eine schwierige Zeit

Während Baruffols Arbeitszeit managte seine Frau, die sonst als Senior Underwriter bei einem Rückversicherer arbeitet, die Familie. «Das ist logistisch eine grosse Herausforderung, weil die Kinder ja überallhin mit dem Auto gebracht werden müssen.» Viele der anderen Familien an der Schule hätten sowohl über Hausangestellte, als auch über eigene Autos inklusive Fahrer für die Kinder verfügt.Die ersten paar Wochen am neuen Ort seien vor allem für die damals achtjährige Tochter eine schwierige Zeit gewesen, erzählt der Familienvater. «Sie hatte einen regelrechten Kulturschock.» Die Obdachlosen auf der Strasse, das kulturbedingte ungefragte Berühren und Küssen seitens der Erwachsenen, der Verlust der Gspäändli – all das musste verarbeitet werden.

«Bestimmte Touren kann man nur dann durchführen, wenn die Polizei vor Ort ist.» Ueli Baruffol über Kolumbien

Letztlich seien die Kinder dank ihrer Erfahrungen in Kolumbien aber sensibilisiert worden für die Unterschiede in der Welt. «Ich sehe es als Chance, wenn Kinder früh in eine andere Kultur eintauchen können.» Schnell lernten die drei Sprösslinge zudem auch die positiven Seiten des Südamerikaaufenthalts kennen: Die Schule und der Sportclub waren gleich nebenan, Lehrer und Schüler waren per Du und hatten eine sehr herzliche Beziehung, die Familie verbrachte viel gemeinsame Zeit mit Ausflügen, kleinen Reisen und Besichtigungen der Partnerbetriebe. Letzteres bedeutete dem Familienvater besonders viel. «Endlich konnte ich meiner Frau und den Kindern zeigen, wozu ich so viel Zeit in Kolumbien verbringe», sagt er und lächelt.

Mit Militärkonvoi

Auf ihren Reisen fühlte sich die Familie sicher. Allerdings hätten sie sich zuvor immer sehr gut über die jeweilige Destination informiert. «Bestimmte Touren kann man nur dann durchführen, wenn die Polizei vor Ort ist.» Die allgemeine Sicherheit im Land habe sich in den letzten Jahren aber sehr verbessert. «Noch vor zwanzig Jahren wurden ReisendeAnfang Sommerferien an bestimmten Tagen von einem Militärkonvoi mit gepanzerten Fahrzeugen und Helikoptern ans Meer begleitet», sagt der 44-Jährige. Wohl auch dank dem Friedensvertrag zwischen dem kolumbianischen Staat und der Guerillagruppe Farc im Jahr 2016, der einen jahrzehntelangen Bürgerkrieg beendete, ist das heute Geschichte. Sorgen bereitet Ueli Baruffol die aktuelle Situation mit den mehr als eine Million Flüchtlingen aus dem Nachbarland Venezuela. «Das Bild der venezolanischen Familie, die am Rotlicht bettelt, ist in Bogota allgegenwärtig.»

Der Nuss-Pionier würde das Kolumbienabenteuer mit Familie sofort wieder wagen. «Allerdings würde ich ein halbes Jahr länger bleiben.» Dann hätten die Kinder mehr Zeit, in die spanische Sprache einzutauchen. Vielleicht war die Dauer von einem Jahr aber auch genau richtig. Die 14-jährige Tochter sagte jedenfalls auf dem Heimweg:«Es kommt mir vor, als hätten wir einfach ganz lange Sommerferien verbracht.»

Familie Baruffol besuchte auf einer Reise eine Huskystation. Foto: PD

Pakka-Nüsse
Ueli Baruffol und Balz Strasser gründeten 2006 das Unternehmen Pakka. Pakka kommt aus dem Hindi und bedeutet «von sehr guter Qualität, echt und authentisch». Zu Beginn handelten sie nur mit Cashewkernen, inzwischen sind diverse andere Nüsse wie Mandeln oder Paranüsse in verschiedenen Geschmacksrichtungen und Erdnüsse dazugekommen. Alle Produkte und Zutaten stammen aus biologischem Anbau und sind fair gehandelt. Auch weiterverarbeitete Produkte wie schokolierte Erdnüsse, eine Art biologische M&Ms, sind inzwischen im Angebot. Seit 2014 gliedert sich das Unternehmen in zwei weitere Geschäftsbereiche, welche zusammen die komplette Wertschöpfungskette der Nuss-Snacks abdecken. Pakka hat seinen Hauptsitz in Zürich und beschäftigt dort zehn Mitarbeiter. Bei den Partnerunternehmen in Kolumbien arbeiten mehr als 100 Personen. (mbs)

Erstellt: 21.09.2019, 11:24 Uhr

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