Küsnacht

Eine leise Geschichte zum prägenden Thema Alkohol

Der Roman «Immer ist alles schön» handelt von zwei Kindern, die bei einer alkoholkranken Mutter aufwachsen. Am Donnerstag hat Autorin Julia Weber in Küsnacht daraus gelesen.

Autorin Julia Weber ­­las am Donnerstag in der Buchhandlung Wolf.

Autorin Julia Weber ­­las am Donnerstag in der Buchhandlung Wolf. Bild: PD / Ayse Yavas

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Die Mutter kommt nicht. Einen Tanz hatte sie dem Koloss zugebilligt. Nach langem Sträuben – «nein, ich bin mit den Kindern hier». Nochmal und nochmal: «Ich bin mit den Kindern hier.» Hier, auf dem Campingplatz im Urlaub, wo doch alles so schön werden sollte. Aber nun kommt sie nicht zurück. Auch nicht nach dem zweiten Tanz. Nicht nach dem vierten. Nicht nach dem siebten. Da beschliessen ihre Kinder, Tochter Anais und Sohn Bruno, sie zu suchen.

Dies geschieht auf den ersten Seiten des Romans «Immer ist alles schön» von Julia Weber. Am Donnerstagabend hat die Zürcher Autorin in der Buchhandlung Wolf in Küsnacht daraus gelesen. Sie tat dies zum Auftakt der Dialogwoche Alkohol, die lokale und kantonale Suchtfachstellen vom 16. bis 26. Mai durchführen.

So ist denn auch die Lesung durch eine Kooperation mit der Buchhandlung einerseits und den beiden Suchtfachstellen des Bezirks andrerseits entstanden. Letztere sind die Alkohol- und Suchtberatung Bezirk Meilen, die sich an Erwachsene richtet, sowie die Jugendberatung und Suchtprävention Samowar.

Keine Idylle

Anais und Bruno finden die Mutter schliesslich in der nah gelegenen Scheune. In wildem Tanz. Ein Kreis klatschender Männer, darunter der Koloss – der Wohnwagenvermieter – , um sie herum. «Geht heim», sagt sie den Kindern, als die sie von der Tanzfläche zerren wollen. «Ich brauche das Tanzen.» Auch wegen ihnen, den Kindern. «Mit euch ist es langweilig.»

Schon weit vorher zeigt die Urlaubsidylle Risse. Oder treffender: Sie entsteht gar nie erst als solche. Denn was es mit den Tagen im Wohnwagen am See auf sich hat, sind zwei Wünsche der Kinder: «Urlaub zu machen» zum einen, «ohne Alkohol» zum andern. Und nach wenigen Passagen schon erfährt der Leser: Beides zusammen geht nicht für die Mutter. «Ich muss mir selber auch etwas gönnen», sagt sie, das mit Wein gefüllte Zahnputzglas in der Hand.

«Ich habe mir die Emotionen der Figuren durch das lange Arbeiten am Text erfühlt.»Julia Weber

Damit erklärt sich denn auch Webers Auftritt im Rahmen der Dialogwoche Alkohol. Denn das Dreiergespann um Anais, Bruno und Mutter Maria wird vom Alkohol kräftig mitbestimmt. «Die Mutterrolle engt Maria ein», sagt die Autorin im Gespräch mit der Germanistin Dorothee Kohler. Überhaupt sei Maria geprägt von der starken Angst, zur Maschine zu werden, nur noch nach Regeln zu funktionieren.

Das werde im Buch denn auch immer wieder deutlich: Im Kontrast etwa zum Vater der Kinder, der genau dieses Maschinenhafte verkörpere. Das hat ihn offenbar so weit entmenschlicht, dass «es nicht mehr ging, ihm einen Namen zu geben», wie Weber darlegt.

Aber auch die Lehrerin der etwa 14-jährigen Anais kommt als Inbegriff dieser geregelten Welt daher. Als nämlich die Familie später im Buch Besuch von einem Sozialarbeiter bekommt, stellt sich Anais daraufhin dessen Gespräch mit der Lehrerin vor. In ihrer Fantasie lässt sie diese Stück für Stück zerfallen, bis nichts mehr von ihr übrig ist.

Ohne Pathos

Damit zeigt sich: Auch für Anais bedeuten die starren Ordnungsschemen ein Gegenpol zum Menschlichen. Wo sie und ihr Bruder gegen diese geregelte Welt aber die Sehnsucht nach Familie und Geborgenheit verspüren würden, sagt Weber, zeichne sich die Mutter durch eine noch grössere Sehnsucht nach Lebendigkeit aus.

Kohler zeigt sich davon beeindruckt, dass Weber ohne Wertung ihrer Figuren auskommt. «Ein leiser Text ohne Pathos», sagt sie. Beeindruckt sind Zuhörer und Mitarbeiterinnen der erwähnten Suchtstellen auch davon, wie atmosphärisch genau Weber die Beschreibung einer vom Alkohol geprägten Familie gelungen ist.

Dies notabene, ohne dass die 36-Jährige bei Betroffenen recherchiert oder gar eigene einschlägige Erfahrungen gemacht hätte. Sie sei selber darüber erstaunt, sagt sie. «Ich habe mir die Emotionen der Figuren durch das lange Arbeiten am Text erfühlt.» Vier Jahre hat sie an dem Buch gearbeitet. Im Erscheinungsjahr 2017 wurde sie damit für den Schweizer Buchpreis nominiert.

(Zürichsee-Zeitung)

Erstellt: 11.05.2019, 10:24 Uhr

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