Stäfa

Die FDP Stäfa feiert ihren Hundertsten

Das Datum ist unbekannt. Irgendwann 1919 kam die FDP Stäfa zur Welt. Also spielte es keine Rolle, wann der 100. Geburtstag gefeiert wird. Sie tat dies am Freitag mit einer Gala und fast 100 Gästen.

Fast 100 Gäste feierten das 100-jährige Bestehen der FDP Stäfa.

Fast 100 Gäste feierten das 100-jährige Bestehen der FDP Stäfa. Bild: Michael Trost

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Nur der Präsident der FDP des Kantons Zürich hatte es eilig. Hans-Jakob Boesch gratulierte der Jubilarin im Rösslisaal beim Apéro und verabschiedete sich für einen weiteren Termin. Die anderen blieben und erlebten einen unterhaltsamen Abend mit klassischer Musik, Dinner und vielen Reden vor den fast 100 Gästen. Darunter befanden sich Ehrengäste aus der FDP wie der Zolliker Nationalrat Beat Walti, die Meilemer Kantonsrätin und Fraktionspräsidentin Beatrix Frey-Eigenmann und die frühere Regierungsrätin Ursula Gut aus Küsnacht, die selbst einmal Mitglied der FDP Stäfa war.

Der Stäfner FDP-Präsident Philip Kupper nahm das Jubiläum als «schöne, grosse Zahl» auf, die ein neues Kapitel aufschlage. Darum wünscht er seiner Ortspartei für die nächsten 100 Jahre Gesundheit, damit sie «weiter am Ball bleibt und Verantwortung trägt zum Wohl unserer Gemeinde und ihrer Einwohner».

«Es braucht liberalen Geist»

Der höchste Gast des Abends, die freisinnige Zürcher Regierungspräsidentin Carmen Walker Späh, verband die Vergangenheit mit der Zukunft. «Alfred Escher warnte, dass die Schweiz ohne Eisenbahnnetz umfahren werde. Er hatte Recht, denn was wären wir heute ohne die Bahn und die Strassen durch die Alpen?» Heute stehe das Land wieder vor grossen Veränderungen.

Regierungsratspräsidentin Carmen Walker Späh war der höchste Gast des Abends. Bild: Michael Trost

Doch jetzt gehe es bei der Infrastruktur um mehr als nur Schiene und Strasse, sondern auch um Datenströme. Das gehe nicht ohne gesetzliche Auflagen. Walker Späh hob ein freisinniges Credo hervor: «Wir müssen so klug regulieren, dass wir wettbewerbsfähig bleiben. Den liberalen Geist braucht es heute mehr denn je.»

Gedicht, Baum und Chronik

Für Gemeindepräsident Christian Haltner (FDP) habe sich die Schweiz stets die Freiheit und die Unabhängigkeit auf ihre Fahnen geschrieben. «Es waren aber auch immer wieder die Einflüsse von aussen, die der Schweiz neue, freiheitliche Impulse gegeben haben.» Haltner wünscht sich Engagierte aus allen Parteien, um die Weichen für die Zukunft zu stellen. «Ich hoffe, dass die FDP dazu eine wichtige Rolle auf allen drei Stufen – Bund, Kanton und Gemeinde – einnimmt.»

Die Stäfner Ortsparteien von SVP, SP, GLP und CVP gratulierten mit einem Gedicht in lupenreiner Basler Fasnachtsmanier, vorgetragen von CVP-Präsident Philip Hänggi, und einem Geschenk. GLP-Präsident Ueli Lott übergab der FDP eine junge Linde: «Sitzet unter diesem Baum und ihr findet auch in Zukunft immer Rat und eine Lösung.» Das grösste Geschenk machte sich die FDP Stäfa selbst. Fredi Rechsteiner und Ruedi Blattmann stellten die Chronik der Ortspartei vor (siehe Box). Nun ist auch ihre Geschichte geschrieben, nachdem die Partei selbst 100 Jahre Stäfner Geschichte geschrieben hat.

Erstellt: 15.09.2019, 16:06 Uhr

Ein halbes Jahrhundert im Dunkeln und dann durchgestartet

Politik kann ein Zirkus sein. Im Fall der FDP Stäfa gibt es tatsächlich eine Parallele: Sowohl der Schweizer Nationalcircus Knie als auch die Ortspartei wurden 1919 gegründet. Im Gegensatz zur Familie Knie legten die Stäfner Freisinnigen aber wenig Wert auf eine Dokumentation. Nicht einmal das Geburtsdatum ist überliefert.

In der am Freitagabend an der Jubiläumsgala präsentierten Parteichronik schreiben die Autoren: «Im Gegensatz zu anderen Ortsparteien sucht man zu unserem Bedauern in Stäfa vergeblich nach verbindlichen Quellen. Unseren Altvorderen war es offenbar nicht in den Sinn gekommen, ein Archiv anzulegen, um so der Nachwelt gültige Zeugnisse von der Gründung und dem späteren Wirken zu hinterlassen.» Nur Splitter der Aktivitäten sind erhalten, meist in Form von Inseraten und Berichten von Parteiversammlungen in der ZSZ.



Das Redaktionsteam präsentiert 100 Jahre FDP Stäfa (von links): Reto Gerschwiler, Ruedi Blattmann, Fredi Rechsteiner und Martin Meuli. Foto: Michael Trost

Als der Erste Weltkrieg 1918 endete schossen die Ortsparteien von Freisinnigen und Bauernpartei fast wie Pilze aus der Erde. Das erklärt, weshalb in den letzten Monaten in der ZSZ immer wieder Berichte über 100-Jahr-Jubiläen von FDP- und SVP-Ortsparteien erschienen.

Urvater Schiesser

Bei den Freisinnigen gab es bereits seit 1894 eine nationale Partei, 1917 folgte ihr die Freisinnige Partei des Kantons Zürich. So gesehen ist Gabriel Schiesser der Urvater der Stäfner Ortssektion. Schiesser wurde schon 1917 als Freisinniger in den Kantonsrat gewählt und war zu diesem Zeitpunkt bereits Gemeinderat und Mitglied der Sekundarschulpflege in Stäfa.

Wesentlich die Geschichte der FDP Stäfa bis in die Fünfzigerjahre geprägt hat ZSZ-Chefredaktor Theodor Gut I. (1890-1953). Der Sekretär der Kantonal-FDP, Nationalrat und Pressechef des Bundesrats während des Zweiten Weltkriegs war landesweit bekannt für sein vermittelndes Wesen. Gut befürwortete die Zusammenarbeit der bürgerlichen Parteien mit der SP und 1943 die Wahl des ersten Sozialdemokraten, Ernst Nobs, in den Bundesrat.

Besser dokumentiert ist die Quellenlage der FDP Stäfa für die zweite Hälfte ihres bisherigen Bestehens. Das hat auch mit der wachsenden Bedeutung des Gemeindewesens im Föderalismus zu tun. Die Kommunalpolitik rückte ins Zentrum der regionalen und lokalen Medien, nicht zuletzt auch wegen der gestiegenen Bedeutung der Direkten Demokratie und dem kritischen Bewusstsein der Bürgerinnen und Bürger gegenüber der öffentlichen Hand. Das passt zu einer liberalen Partei, die sich selbst als «staatstragend in der Gemeinde, aber auch in unserem Kanton Zürich und der Eidgenossenschaft erwies», wie es in der Jubiläumschronik heisst.

Führende Kraft im Dorf

Tatsächlich ist die FDP in Stäfa seit 1970 die führende kommunale Kraft. Alle Gemeindepräsidenten in den letzten 50 Jahren – von Hans Aeppli über Hans Frey, Thomas Daum, Karl Rahm – bis Christian Haltner gehören ihr an. Auch stellte und stellt sie stets die meisten Mitglieder in den Stäfner Behörden.

Die Chronik widmet allen Gewählten in Gemeinderat und Schulpflege Porträts. Auch Parteipräsidenten, die FDP-Kantonsräte sowie die wichtigsten kommunalen Projekte, die nie ohne Zutun oder zumindest Zustimmung der Freisinnigen zustande kamen, werden im 160-seitigen Werk aufgerollt.

Sogar ein peinliches Kapitel wird nicht verheimlicht. 1978 portierte die FDP Heinz Röthlisberger für den Gemeinderat, der auch prompt gewählt wurde – mit dem besten Resultat aller Gewählten. Bloss stellte sich schon nach der dritten Sitzung der Behörde heraus, dass Röthlisberger klammheimlich aus Stäfa weggezogen war. «Ein Skandal erschüttert unsere FDP», nennt die Chronik diese Episode aus 100 Jahren Parteigeschichte. Nicht zuletzt wegen solcher Details erfüllt das Jubiläumswerk einen weiteren Zweck: «Die FDP Stäfa 1919 bis 2019» ergänzt die Ortsgeschichte von Stäfa – obwohl die ersten 50 Jahre fehlen.

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