Uetikon

Die Bibliothek als Treffpunkt fürs Dorf

Das Uetiker Museum stellt die 100-jährige Geschichte der Dorfbibliothek in einer neuen Ausstellung vor. In ihren Anfängen sollte sie den Arbeitern der chemischen Fabrik eine Freizeitbeschäftigung bieten, damit diese nicht zu tief ins Glas schauen.

Armin Pfenninger, Marianne Koller und Thomas Kain (von links nach rechts) in der neuen Ausstellung über die Dorfbibliothek.

Armin Pfenninger, Marianne Koller und Thomas Kain (von links nach rechts) in der neuen Ausstellung über die Dorfbibliothek. Bild: Patrick Gutenberg

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Ab 1920 prangt auf der Fassade der Wirtschaft zum Sonnenhof der Schriftzug «Öffentl. Lesezimmer» - gleich neben der Aufschrift «Alkoholfreies Restaurant». Hier nimmt die Geschichte der Bibliothek Uetikon ihren Anfang, gleich neben jenem Haus - dem Haus zum Rietsteg -, wo nun die Ausstellung zum 100-Jahr Jubiläum ebenjener Bibliothek steht.

Die Anfänge der Bibliothek fielen in schwierige Zeiten: 1918 fand der Generalstreik statt. «Danach zeichnete sich eine Reduktion der Arbeitszeit auf die 48-Stunden-Woche ab», erklärt Armin Pfenninger, Präsident des Uetiker Museums. «So hatten die Fabrikarbeiter mehr Freizeit.» Die Besitzerfamilie Schnorf der chemischen Fabrik Uetikon wollte ihren Arbeitern nun eine sinnvolle Freizeitbeschäftigung bieten: Damit diese nicht ihren ganzen Lohn für Alkohol ausgeben.

900 Bücher aus des Pfarrers Bibliothek

Dorfpfarrer Rusterholz stellte der Bevölkerung seine persönliche Bibliothek zur Verfügung. «Das waren wahrscheinlich gegen 900 Bücher», sagt Pfenninger. «Vermutlich war es vor allem geistliche oder erbauende Literatur.» Gleichzeitig schlug der Pfarrer die Anschaffung von Gesellschaftsspielen wie Halma oder Eile mit Weile vor. «Die Bibliothek war noch nie ein stiller Ort nur zum Lesen», erklärt Marianne Koller, die heutige Leiterin der Bibliothek. «Vielmehr war sie ein Ort, an dem man zusammenkommen konnte.»

Wie beliebt die Bibliothek bereits damals war, zeigt sich auch an einem Betrag, der 1934 an der Dorfchilbi gesammelt werden konnte: Für 150 Franken konnten neue Bücher beschafft werden, heute entspricht das gut 1200 Franken.

Das erste Lesezimmer wurde in der Wirtschaft zum Sonnenhof untergebracht. Foto: Patrick Gutenberg

Die Pfarrbibliothek, wie sie damals noch hiess, war jedoch nicht die älteste Bibliothek im Dorf. Seit 1818 verfügte die chemische Fabrik ebenfalls über eine Bücherei. Anfangs bestand diese jedoch vor allem aus Fachliteratur. «Es lässt sich nicht genau sagen, ab wann die Fabrik auch ihren Arbeitern eine Bibliothek zur Verfügung stellte», sagt Pfenninger. Wahrscheinlich war dies ab den 1860er-Jahren der Fall.

Sicher ist jedoch, dass diese Bibliothek zumindest für jene Zeit über brisanteren Lesestoff verfügte: So zeigt die Ausstellung Frauenzeitschriften aus der Bibliothek der chemischen Fabrik, vermutlich nahmen die Arbeiter diese zu ihren Ehefrauen nach Hause. Als das Internet aufkam und die Fachbibliothek überflüssig wurde, ging sie ein.

Mehrere Ortswechsel

1929 musste die Bibliothek ein erstes Mal umziehen. Nun war das Lesezimmer im Wohlfahrtshaus untergebracht. Dort sollte es bis 1991 bleiben. Allerdings wurde die Bibliothek 1969 in das Kellergeschoss verlegt, um mehr Platz für die mittlerweile auf 2000 Bücher angewachsene Sammlung zu schaffen.

Die vielen Ortswechsel werden im Museum mit grossen Postern an der Wand illustriert: «Ziel war es, einen sogenannten Illusionsraum zu schaffen», erklärt Thomas Kain, Kunsthistoriker. Er hat aus kleinen Postkarten der ehemaligen Häuser, in denen die Bibliothek untergebracht war, wandfüllende Poster gestaltet. Dies gelang mit einem besonderen Digitalisierungsverfahren, wie Kain erklärt. Im Jahr 1991 zog die Bibliothek in den Konsumhof, und seit 2010 ist sie im Riedstegzentrum untergekommen.

Die Poster an den Wänden sollen einen sogenannten Illusionsraum schaffen. Foto: Patrick Gutenberg

Heute beschränkt sich das Angebot nicht mehr nur auf Bücher: Digitalmedien wie CDs und DVDs stehen zur Ausleihe bereit. Heute sind es über 16 000 Medien, die in den Regalen des Riedstegzentrums zu finden sind. Zusätzlich ist die Bibliothek 24 Stunden lang im ganzen Jahr erreichbar - im Internet stehen noch mehr Titel zum Download bereit. Gemäss einer Erhebung machten 2017 6635 Leute von diesem Angebot Gebrauch.

Der erste Computer

«Bis in die späten 1990er-Jahre mussten wir alles ohne die Hilfe eines Computers machen», sagt Marianne Koller. 1998 hielt die Digitalisierung Einzug in der Uetiker Bibliothek - in Form eines Rechners, dessen Bildschirm noch 30 Centimeter gegen hinten ausläuft. «Das Original war leider nicht mehr auffindbar», sagt Pfenninger. Ein ähnliches Modell konnten Sie aber auftreiben, dieses wird auch ausgestellt.

Die Arbeit ohne Computer war anstrengend und erforderte viele Überstunden. «Diese wurden uns nicht ausbezahlt», erzählt Marianne Koller. «Bis in die 1980er-Jahre wurden wir nach Stundenmodell bezahlt.» Kollers Vorgängerin brach mit dieser Tradition, was grosses Unverständnis im Dorf auslöste: Schliesslich sollte man stolz und dankbar sein, den Beruf einer Bibliothekarin auszuüben. «Das sind und waren wir auch, nur werden wir heute für unsere Arbeit entlöhnt», sagt Koller und lacht.

Erstellt: 29.08.2019, 17:05 Uhr

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