Wochengespräch

«Der Mangel an Hausärzten ist eklatant und wird sich noch verschärfen»

Seit bald 27 Jahren ist Hansueli Späth Hausarzt in Langnau. Als solcher kämpft er gegen das Aussterben seiner Zunft im Inland, reist aber auch zu Hilfseinsätzen ins Ausland – zuletzt ins zentralasiatische Tadschikistan.

Die Hausärzte sind für Hansueli Späth, selber Hausarzt, Dreh- und Angelpunkt im Gesundheitssystem.

Die Hausärzte sind für Hansueli Späth, selber Hausarzt, Dreh- und Angelpunkt im Gesundheitssystem. Bild: Sabine Rock

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Hat der klassische Hausarzt ­ausgedient?
Hansueli Späth: Im Gegenteil – meiner Erfahrung nach wird mit der steigenden Komplexität der Medizin der klassische Hausarzt immer wichtiger. Das Rollenverständnis hat sich zwar in den letzten 50 Jahren gewandelt, aber der Hausarzt bleibt eine wichtige Dreh- und Angelscheibe des Gesundheitssystems.

Was ist Ihrer Meinung nach der Grund für den Hausärztemangel?
Hausarzt zu werden, ist für junge Ärzte nicht mehr so attraktiv. Das hat verschiedene Gründe: Prestige, Arbeitszeiten, die Work-Life-Balance und nicht zuletzt auch das Einkommen spielen eine Rolle. Trotzdem ist es für mich ein wichtiger und erfüllender Job.

Haben Sie sich deswegen lange für die Hausärzte eingesetzt?
Ich war vier Jahre lang Präsident der Schweizerischen Gesellschaft für Allgemeinmedizin (SGAM). In diesem Amt war mir die Aufwertung des Hausarztberufes ein grosses Anliegen. Als ich vor bald 20 Jahren von einem Hausärztemangel sprach, haben die Leute gelacht. Nun wurde der Bevölkerung bewusst, dass dies ein echtes Problem ist, und dank der Hausarztinitiative von 2009 erhielten wir auch mehr Support. Trotzdem ist die Hausarztmedizin noch nicht gerettet.

«Wenn ich von den Hilfseinsätzen zurück- komme, bin ich jedes Mal nudelfertig.»Hansueli Späth

Sie sind skeptisch, dass das ­gelingen wird?
Wenn man heute Massnahmen starten würde, begännen diese in zwölf Jahren zu wirken. Hausärzte brauchen sechs Jahre Studium und mindestens sechs Jahre Weiterbildung. Der Mangel ist aber bereits eklatant und wird sich in den nächsten Jahren verschärfen. Rund die Hälfte der heute in der Schweiz tätigen Hausärzte ist über 55 Jahre alt.

Sie sind selber in der Situation, in welcher Sie sich Gedanken um die Nachfolgeregelung ­machen.
So wie es aussieht, wird meine Praxis im Herbst 2018 geschlossen, weil der Mietvertrag nicht mehr verlängert werden konnte. Meine Lösung ist ein fliessender Übergang, ich kann meine Praxis in eine neue Gemeinschaftspraxis integrieren und werde meinen Patientenstamm übergeben können. Und dort in der ersten Phase noch aushelfen.

Schwingt in Ihren Worten auch Wehmut mit?
Einerseits freue ich mich auf den neuen Lebensabschnitt. Andererseits habe ich in 26 Jahren viele Beziehungen aufgebaut. Die Kontakte werden mir fehlen.

Wie ist es für Sie, am gleichen Ort zu leben und zu arbeiten?
Ich erachte es grundsätzlich als Vorteil, im Dorf zu leben und zu arbeiten. Ich kenne die Menschen und ihre Eigenheiten besser. Ich habe bis zu drei Generationen innerhalb der gleichen Familien betreut, was wunderbar ist. Aber ich stehe natürlich auch unter Beobachtung. Wenn ich am Wochenende in Langnau einkaufen gehe, dann freue ich mich, wenn mich meine Patienten grüssen. Wenn sie dann aber darauf achten, was ich einkaufe, und dies kommentieren, ist die Privatsphäre nicht unbedingt gewährleistet.

Wie haben sich die Beziehungen zu den Patienten in den letzten drei Jahrzehnten verändert?
Die Ansprüche der Patienten sind gestiegen. Menschen kommen mit einem gesundheitlichen Problem in die Praxis und erwarten eine sofortige Besserung. In der heutigen Gesellschaft scheint oft kaum mehr Verständnis dafür da zu sein, dass gewisse Krankheiten und Verletzungen nebst der medizinischen Versorgung auch Zeit zum Heilen brauchen.

Sie waren schon öfters als Arzt im Ausland tätig.
Immer wieder, ja. Bevor ich die Praxis hier in Langnau übernommen habe, arbeiteten meine Frau und ich ein Jahr lang auf den Malediven. Danach war ich einige Zeit bei der Rega für Auslandeinsätze tätig. In den letzten Jahren war ich mehrmals für Hilfseinsätze in Tadschikistan.

Wie ist es dazu gekommen?
Didi Burkhardt, ehemaliger Hausarzt aus Männedorf, ist ein guter Kollege. Er reist seit zehn Jahren immer wieder nach Tadschikistan bis an die Grenzen zu Afghanistan und China, um mit tadschikischen Familienärzten zusammenzuarbeiten und sie fortzubilden. So erfuhr ich vom Hilfsprojekt der Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (Deza).

«Als ich vor 20 Jahren von einem Hausärztemangel sprach, haben die Leute gelacht.»Hansueli Späth

Finden sich genügend Ärzte für die Einsätze?
Das ist ein Problem. Meist sind es ältere Kollegen, denn es braucht grosse Erfahrung in der Hausarztmedizin. Ausserdem muss während der Zeit des Einsatzes für die Praxis eine Vertretung gefunden oder die Praxis geschlossen werden, und auch die Entschädigung beschränkt sich mehr oder weniger auf Spesen und ein Taschengeld.

Was ist Ihre Motivation, daran mitzuarbeiten?
Die Arbeit, die wir dort machen, ist bitter nötig. Wenn ich von Hilfseinsätzen nach Hause komme, bin ich zwar nudelfertig. Aber mich erfüllt das Gefühl, etwas Sinnvolles geleistet zu haben. Das ist für mich ein stärkeres Kräfte-tanken als in normalen Ferien.

Was ist das Ziel des Hilfs­projektes in Tadschikistan?
Die Schweiz hat sich zum Ziel gesetzt, die medizinische Basisversorgung der ländlichen Bevölkerung zu stärken. Die dort ausgebildeten Ärzte sind alles Spezialisten, keine Generalisten, sie können die Einwohner nicht adäquat versorgen. Den schlecht ausgebildeten Ärzten wurde eine Basisweiterbildung ermöglicht. Dieses Training sollte sie dafür befähigen, die Grundbedürfnisse der Bevölkerung zu erkennen. Doch der Wissensstand ist trotz Studium und Weiterbildung immer noch tief – da kommt unser Mentoring ins Spiel.

Wie läuft ein Hilfseinsatz ab?
Wir liefern weder Ausrüstungen, noch richten wir ein Labor ein. Vielmehr gehen wir frühmorgens in eines der Gesundheitszentren und schauen einem der Ärzte über die Schulter, unterstützen ihn bei der Diagnose, geben Anleitungen. Nach den ersten Tagen geht man mit den Ärzten aufs Land. Sie haben oft stundenlange Anfahrtswege, die Strassen sind katastrophal. Es ist für mich erfüllend, diese Ärzte zu unterstützen. Sie leisten mit dürftigen Hilfsmitteln enorm viel. (Zürichsee-Zeitung)

Erstellt: 27.08.2017, 19:32 Uhr

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