Wochengespräch

Beim «Boulevard-Kommissar» muss das Böse zuhause draussen bleiben

Viktor Dammann verfolgt seit Jahrzehnten das Geschehen in den Gerichtssälen und im Verbrechermilieu. Im Gespräch erzählt der «Blick»-Journalist, wie er die Ungeheuerlichkeiten so lange ausgehalten und was ihn besonders schockiert hat.

Der «Giftpilz-Mord» in Ürikon hat selbst den erfahrenen Polizei- und Gerichtsreporter Viktor Dammann fassungslos gemacht.

Der «Giftpilz-Mord» in Ürikon hat selbst den erfahrenen Polizei- und Gerichtsreporter Viktor Dammann fassungslos gemacht. Bild: André Springer

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Sie haben beinahe 40 Jahre lang für den «Blick» über Verbrecher und ihre schrecklichen Taten berichtet. Wollten Sie eigentlich nie Polizist werden?
Doch, eigentlich schon. Aber nach der Kochlehre war ich ziemlich übergewichtig. Da kam ich nicht mal die Kletterstange hoch… Ich habe meine Interessen dann als Polizei- und Gerichtsreporter ausgelebt.

Hatten Sie nicht irgendwann mal die Nase voll vom Verbrechen?
Nein, ich finde diese Arbeit immer noch sehr interessant. Bei einigen Fällen war es fast ein Wettbewerb zwischen mir und der Polizei, wer schon mehr herausgefunden hat. Aber es ist auch schon passiert, dass ich eine Anklageschrift nicht in einem Zug durchlesen konnte.

Bei welchen Fällen war das?
Vor nicht allzu langer Zeit beim Vierfachmord in Rupperswil und dem «Baby-Quäler» aus den 1990er-Jahren.

Trotzdem, was man so alles sieht, muss man doch irgendwie ausgleichen. Wie machen Sie das?
Im Privaten, gemeinsam mit meiner Frau, schaffen wir uns Inseln. Dort lasse ich die böse Welt nicht hinein. Man darf sich auch nie mit den Opfern identifizieren. Nach meiner Kochlehre habe ich zehn Jahre als Pressefotograf gearbeitet. Da wurde ich häufig zu tödlichen Verkehrsunfällen gerufen. Ich habe es stets vermieden, einem Toten ins Gesicht zu schauen.

Jetzt haben Sie einen kleinen Teil der Fälle in einem Buch zusammengefasst. Wie wählt man aus rund 3000 Fällen 14 aus?
Das ging einfach so (schnippt mit dem Finger). Es waren die Fälle die mir gerade in den Sinn kamen und von denen ich das meiste Material hatte. Im Fall Bilkei hatte ich etwa noch Briefe des Täters an mich.

Der Tierarzt Gabor Bilkei hat 1996 seine damalige Frau getötet und wurde in einem Indizienprozess verurteilt. Sie haben ihn damals auch interviewt. Ein aufsehenerregender Fall.
Seine vierte Ehefrau – Bilkei ist mittlerweile gestorben – bestreitet bis heute, dass er etwas damit zu tun hatte. Dabei hat er sich mit seinen Lügengeschichten selber hineingeritten. Er hätte einfach schweigen müssen, dann hätte ihm die Tat wohl nie bewiesen werden können. Aber er hat es so inszeniert, dass die Ermittler glauben sollten, die Russenmafia stehe dahinter.

Sie beschreiben auch den «Knollenblätterpilz-Fall» in Ürikon, der sich in 1993 ereignet hatte. Ein junger Mann wurde von seiner Frau und deren Freund vergiftet. Sie schreiben, der Fall habe Sie fassungslos gemacht. Was war an diesem Fall so schlimm?
Ein schrecklicher Fall. Schockiert hat mich vor allem diese kriminelle Energie. Die Beiden haben auf vielfältige Weise darüber nachgedacht den Mann aus dem Weg zu räumen. Sie haben ihm einen Fön in die Badewanne geworfen, über diverse Vergiftungsmöglichkeiten nachgedacht oder ihn im Auto in den Greifensee zu rollen.

Es ist auffällig, dass mehrere Fälle rund um den Zürichsee spielen, unter anderem zwei Morde, ein Fall von Pädophilie, auch ein Hochstapler hat sich hier versucht. Ist unsere Region so gefährlich?
Nein, wir leben hier sehr sicher. Die Tötungsdelikte in den Bezirken Horgen und Meilen waren eigentlich immer Beziehungsdelikte. Gegen Einbrüche kann man sich schützen. Die Kantonspolizei Zürich bietet ja gratis Beratungen an, die Schwachstellen aufzuzeigen. Am meisten Leute fallen noch immer auf die Enkeltrickmasche rein - für mich ist das völlig unverständlich.

Sie wurden aufgrund ihrer Tätigkeit auch schon bedroht, etwa von FCZ-Fans nach einem Artikel über einen Fan, den eine explodierte Petarde mehrere Finger gekostet hat. Der Mann wurde im Blick als «Petarden-Trottel» betitelt. Auch ein Pädophiler aus der Region hat Ihnen mit dem Tod gedroht. Sie hatten die Polizei auf seine Spur gebracht. Hatten sie nie Angst?
Nein, so schlimm war das alles nicht. Von der Drohung des Pädophilen habe ich über Umwege erfahren. Der Mann hatte sich aber selber das Leben genommen bevor er etwas hätte tun können. Die FCZ-Fans haben mir einen toten Fisch in den Briefkasten gelegt, eine Mafia-Geste. Zum Glück habe ich an diesem Tag die Zeitung geholt und nicht, wie sonst üblich, meine Frau. Aber ich habe diese Aktion, wie auch das Zukleistern des Bahnhofs an meinem Wohnort mit meinem Bild und dem gross geschriebenen Wort «Mörder» sowie klein «Ruf-» eher als pubertär wahrgenommen.

«Der tote Fisch im Briefkasten war für mich eine eher pubertäre Aktion.»
Viktor Dammann

Einer hat mir damals mit schwerer Stimme auf die Combox gesprochen, gemeint, er werde mich schlachten und metzgen. Ich wollte das zur Anzeige bringen, wenn es ins Private geht, lege ich meine Zurückhaltung ab. Ein Polizist hat jedoch die Stimme erkannt, es war tatsächlich ein Metzger. Ich liess die Anzeige fallen, der hatte eigentlich gar nichts mit den Fans zu tun. Er hat einfach meine Telefonnummer auf dem «Steckbrief» gesehen und betrunken angerufen.

Im Buch kommen auch skurrilere Fälle vor. Ein Liebeskranker, der sich auf einem Kran in Horgen verschanzt hatte und pausenlos den Namen der Frau, die ihn verschmähte in den Nachthimmel schrie. Oder ein Beschuldigter, dessen Penis gerichtlich vermessen wurde. Sein Opfer hatte den Penis als sehr klein bezeichnet, was er wiederum bestritt. Halfen solche Episoden bei all den Übel, das Sie sonst gesehen haben?
Ja, zwischendurch etwas zum Schmunzeln zu haben hat gut getan. Was ich etwa in den 1980er-Jahren gesehen habe, war unglaublich. Zu den Zeiten der offenen Drogenszene in Zürich gab es dauernd Morde aus nichtigen Gründen. Einer hat nachts auf dem Platzspitz fünf Schlafende getötet. Einfach so. Auch das Milieu war damals sehr brutal. Freier töteten Prostituierte, Stricher ihre Freier. Oft aus Selbsthass.

Eigentlich sind sie schon pensioniert. Können Sie die Finger nicht vom Verbrechen lassen?
Nein, es ist kein Ende abzusehen. Meine Chefs haben mich schon vor der ordentlichen Pensionierung angefragt, ob ich nicht weitermachen möchte. Aufhören würde ich nur, wenn es mich nicht mehr interessieren würde. So bald wird das wohl nicht sein. (Zürichsee-Zeitung)

Erstellt: 17.03.2019, 14:20 Uhr

Ein Seebub auf Verbrecherjagd

Viktor Dammann wurde am 15. März 1950 in Wädenswil geboren. Nach einer Kochlehre wechselte er den Beruf und arbeitete gut zehn Jahre lang als Pressefotograf. 1980 ging er zum «Blick», wo er sich bald als Polizei- und Gerichtsreporter etablieren konnte. Seither hat er über Tausende Verbrechen und Gerichtsprozesse geschrieben. 2010 erhielt er den Zürcher Journalistenpreis für den aufgedeckten Skandal im Stadtzürcher Pflegeheim Entlisberg. Noch heute schreibt Dammann für den «Blick», obwohl er vor vier Jahren pensioniert wurde. Sein Buch «Das Böse im Blick», das einige seiner brisantesten Fälle behandelt, ist ab dem 22. März im Handel erhältlich. Er gibt auch Persönliches preis, etwa als der Sohn von Freunden in einen Mordfall involviert war. Viktor Dammann lebt mit seiner Frau in Rüschlikon.

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