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Stäfner schreibt über seine Kindheit in Indien

Mathew Kuzhippallil ist in Indien aufgewachsen, bevor ihn das Studium nach Europa brachte. Dies beschreibt er in seiner Autobiografie – für die er mit einem Preis ausgezeichnet worden ist.

Will nicht im Mittelpunkt stehen: Der Schriftsteller Mathew Kuzhippallil wechselt in seiner Autobiografie immer wieder die Perspektive.
Will nicht im Mittelpunkt stehen: Der Schriftsteller Mathew Kuzhippallil wechselt in seiner Autobiografie immer wieder die Perspektive.
Moritz Hager

Hätte sein Deutschlehrer vor 20 Jahren nicht das Theaterstück «Der Hofmeister» in den Unterricht gebracht – vielleicht wäre dann für Mathew Kuzhippallil vieles anders gelaufen. Nicht, dass er die Komödie von 1774 mit besonderer Leidenschaft gelesen hätte. Im Gegenteil. «Diese Sturm-und-Drang-Zeit interessiert mich weniger.»

Doch der Lehrer wählt das Werk für eine Prüfungsaufgabe. Die Schüler sollen ein Porträt über eine der Figuren des Dramas schreiben. Und während Kuzhippallil die Aufgabe erledigt, wird ihm bewusst: Da macht sich sachte eine Schreiblust bemerkbar. Sachte vorerst, denn im preussischen Milieu des «Hofmeisters» fühlt sie sich nicht recht heimisch. Er bittet den Lehrer, ­weitere Porträts schreiben zu dürfen – von seiner Verwandtschaft. Er darf. Und da erwacht seine Schreiblust zu voller Blüte.

In einem verlassenen Dorf

Denn nun lebt er sie auf dem Terrain aus, das ihm vertraut ist und am Herzen liegt: Er schreibt über den Staub in der armseligen Hütte. über die abgemagerten Hunde und geschundenen Rinder auf den Märkten. über den frommen Grossvater, der kein Kindergeschrei duldet. über den Bambusstock, den die Hand des Vaters auf die Mutter niederfahren lässt. über die Gerüche aus den Kochtöpfen der Grossmutter. Es ist dies die Welt, in die Kuzhippallil 1954 geboren wird. Die Welt in einem verlassenen Dorf in den Bergen des südindischen Bundesstaates Kerala.

Längst hat Kuzhippallil diese Welt hinter sich gelassen. Seit den frühen Achtzigerjahren lebt er am Zürichsee, erst lange in Horgen, seit 2006 in Stäfa. Immer an seiner Seite: seine Frau Rosy, früher auch noch die zwei inzwischen erwachsenen Kinder.

Wenn auch die räumliche Distanz zu seinem Geburtsland gross ist, sind ihm die Ereignisse von damals noch mit allen Sinnen ­präsent. Und so bricht sich sein Drang zum Schreiben unentrinnbar Bann. Während der vergangenen 20 Jahre formulierte er seine Lebensgeschichte, und noch immer fügt er neue Kapitel hinzu. Letzte Woche nun ist er für ­seine Autobiografie «Kleine Rose – Sterne im Fischernetz», die er auf der Internetplattform Meet-my-life.net veröffentlicht hat, an der Universität Zürich mit dem zweiten Preis des ersten Schweizer Autobiografie-Awards ausgezeichnet worden (siehe Box).

Bildhafte Sprache

Die Jury des Awards begeistert sein poetischer Stil, den er seit Beginn seines Schreibens pflegt. «Ich will mit meiner Sprache Brücken zu den Lesern bauen», sagt er. «Sie sollen die Stimmung meiner Welt mit allen Sinnen ­erfahren.» Der Rhythmus, der Klang, den seine sprachlichen Bilder erzeugen, seien ihm zen­tral. Und auch wenn es seine Lebensgeschichte ist: «Es geht mir nicht darum, im Mittelpunkt zu stehen.»

Vielmehr wechselt er immer wieder die Perspektive, zoomt auf Details, um danach wieder in einer Grossaufnahme den Blick zu öffnen. Dass sich Kuzhippallils Schreibstil mit dem Vokabular des Films fassen lässt, ist kein ­Zufall. Der Film ist während des Grossteils seines Arbeitslebens sein Medium, zuletzt als Film­redaktor beim Schweizer Fern­sehen. Glückliche Umstände – «ich habe viele grosszügige Menschen kennen gelernt» – bescheren ihm zuvor ein Stipendium für das Studium der Massenmedien auf den Philippinen, dann an der Filmhochschule München.

Schonungslos ehrlich

Seine poetische Art des Erzählens mag erstaunen, steht sie doch im Kontrast zum oft be­drückenden Inhalt. Brutalität zwischen Menschen, von Mensch zu Tier, Kindsmissbrauch an der Missionarsschule – Kuzhippallil zeigt die Dinge schonungslos. «Ich will über die Tatsachen schreiben, ohne jedoch zu werten.» So sei sein Vater durchaus auch eine fürsorgliche Person gewesen, nicht nur das schlagende Familienoberhaupt.

Ob ihm das Schreiben als Bewältigungsstrategie diene? Nein, Hass und Groll empfinde er kein bisschen. «Ich habe starke Selbstheilungskräfte», meint er. Er glaube an den Kreislauf des ewigen Lebens, daran, dass letztlich alle Erfahrungen sein Leben bereichern würden. Viel wichtiger sei ihm, sich als Teil eines grossen Universums zu begreifen – was er auch durch die Malerei auszudrücken versuche. Ihr ist er genauso verfallen wie dem Schreiben: Zahlreiche Bilder in seiner Stäfner Wohnung sind davon Zeugen.

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