Stäfa

Stäfa erwägt einen Tunnel unter dem Dorf hindurch

Der Gemeinderat will den Ortskern vom Verkehr entlasten und gibt eine Machbarkeitsstudie für einen Tunnel unter dem Dorf hindurch in Auftrag. Dieselbe Idee ist auch schon in anderen Gemeinden aufgekommen.

Der Patriot an der Oetiker Haab wacht auf seinem Sockel über die Autos, die tagein, tagaus an ihm vorbeirollen.

Der Patriot an der Oetiker Haab wacht auf seinem Sockel über die Autos, die tagein, tagaus an ihm vorbeirollen. Bild: Michael Trost

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Mit erhobenem Haupt steht der Stäfner Patriot bei der Oetiker Haab. Der muskulöse Mann mit den gesprengten Ketten an den Armgelenken erinnert an den Freiheitskampf der Landgemeinden gegen die Zürcher Obrigkeit im 18. Jahrhundert. Doch mittlerweile hält er seine Nase vielleicht nicht nur aus Stolz hoch in die Luft: Denn stünde er nicht als Denkmal auf einem Sockel, müsste er Tag für Tag an den Auspuffen der Autos schnuppern, die zu den Spitzenzeiten in beachtlicher Zahl über die Seestrasse rollen.

Nicht nur um des Patrioten willen möchte der Stäfner Gemeinderat nun prüfen, ob sich für den Verkehr auf dem zentralen Abschnitt der Seestrasse eine neue Lösung finden lässt. Denn so, wie sich die Situation heute präsentiere, sei niemand richtig zufriedengestellt, sagt Gemeindepräsident Christian Haltner (FDP). «Wir können etwas für die Autofahrer tun, wir können etwas für die Fussgänger tun – aber nicht etwas, das allen etwas bringt.» Eine Tempo-30-Zone einzurichten, um den Verkehr zu beruhigen, würde aus seiner Sicht beispielsweise nichts bringen.

Gerne würde der Gemeinderat aber die Oetiker Haab, die mit ihrer historischen Häuserzeile zu den schützenswerten Ortsbildern von nationaler Bedeutung gehört, für alle aufwerten.

Wie im Bündner Bergdorf

Die visionäre Idee, die der Gemeinderat nun vorantreibt und die er in den Legislaturzielen bis 2022 verankert hat, ist deshalb: ein Tunnel. Er gibt eine Machbarkeitsstudie in Auftrag, die abklären soll, ob und wie der heutige Verkehr auf der Seestrasse in den Boden verlegt werden könnte. So hält es die Behörde für denkbar, den Durchgangsverkehr beim Ortseingang in Mutzmalen in den Untergrund umzuleiten. Rapperswilseitig könnten die Autos auf Höhe der Sprachheilschule, also bei der Einmündung der Wädenswilerstrasse in die Seestrasse, wieder ans Tageslicht kommen. Entstehen würde somit ein bis zu 1,5 Kilometer langer Tunnel unter Stäfa hindurch.

Was auf den ersten Blick wie ein Hirngespinst erscheinen mag, findet der Gemeindepräsident nicht abwegig. «Im Bündnerland wird bald jede Ortschaft untertunnelt, sei es in Flims, sei es in Küblis», sagt er. Ein Umfahrung sei deshalb auch für Stäfa denkbar. Oberirdisch würde das Dorf wieder viel attraktiver, sagt Haltner. Ganz liessen sich die Autos zwar nicht von der heutigen Seestrasse verbannen. Für den Verkehr ins Zentrum und in die Quartiere müsste sie offen bleiben. «Dann könnte man aber ernsthaft über eine Temporeduktion diskutieren.» Gerade das Gebiet um die Oetiker Haab könnte dadurch zu einer attraktiven Flaniermeile werden.

Kanton hält sich bedeckt

Mitzureden hätte bei einem solchen Vorhaben auch der Kanton, der Eigentümer der Seestrasse. Die Machbarkeitsstudie soll gemäss Haltner auch klären, wie teuer ein solcher Tunnel überhaupt wäre und wie ein allfälliger Kostenteiler zwischen Gemeinde und Kanton aussehen könnte. Beim zuständigen kantonalen Amt für Verkehr will man die Stäfner Ideen nicht kommentieren. Auch zur Frage, wie offen der Kanton generell für solche Visionen ist, wollte sich Mediensprecher Markus Gerber nicht äussern.

«Wir haben den Tunnel immer als Vision gesehen, und dabei ist es auch geblieben»Sascha Patak (FDP), Erlenbacher Gemeindepräsident

Neu ist die Idee eines Tunnels anstelle der oberirdischen Hauptverkehrsader auf der Seestrasse indessen nicht. Sie stand in der Vergangenheit auch schon in Meilen zur Diskussion. Konkret verfolgt wurde sie aber nicht. Auch die Gemeinde Erlenbach hat schon einmal mit einem Tunnel geliebäugelt. Der Gemeinderat hatte 2014 eine Machbarkeitsstudie dafür in Auftrag gegeben. Der Tunnel sollte unter der Kreuzung der Seestrasse mit der Dorf- und der Schiffländestrasse durchführen und wäre damit deutlich kürzer als die Variante in Stäfa. Die Kosten wurden auf rund 68 Millionen Franken geschätzt.

Die Gemeinde Erlenbach hat die Idee allerdings nicht weiterverfolgt. «Wir haben den Tunnel immer als Vision gesehen, und dabei ist es auch geblieben», sagt der Erlenbacher Gemeindepräsident Sascha Patak (FDP). Faktisch sei es nicht realistisch, dass man ein solches Projekt in den nächsten zehn Jahren umsetzen werde. Aber: «Wir behalten es als geistige Spielerei im Kopf, die wir nicht vergessen wollen.» Es brauche Raum für solche Visionen.

Gleich für die ganze Region

Dies findet auch die sogenannte Gruppe Hecht um die Architekten Urs Esposito aus Küsnacht und Hannes Strebel, der in Uetikon aufgewachsen ist. Sie träumen sogar von einem noch viel grösseren Wurf. Am liebsten würden sie Bahn und Strasse rund um den Zürichsee in den Erdboden verlegen.

Mit der Gruppe Hecht hatte die Gemeinde Stäfa aber bisher keinen Kontakt, wie Gemeindepräsident Haltner sagt. Die Idee für einen Tunnel unter Stäfa hindurch steht schliesslich erst ganz am Anfang. Es bleibt somit vorerst noch an der Oberfläche, was genau dereinst unterirdisch entstehen könnte.

Erstellt: 15.07.2019, 20:20 Uhr

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