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So kreativ kämpfen die Geschäfte ums Überleben

Mit Lieferservice oder Selbstbedienung versuchen Gewerbetreibende im Geschäft zu bleiben. Doch den Umsatz retten kann auch das nicht. Dazu kommt: Kreative Ideen rufen auch Neider auf den Plan.

Annina Just
Die Sträusse von Rosen Nydegger in Erlenbach können Kunden aktuell im Selbstbedienungswagen abholen.
Die Sträusse von Rosen Nydegger in Erlenbach können Kunden aktuell im Selbstbedienungswagen abholen.
Michael Trost

Not macht bekanntlich erfinderisch: Anstatt zu resignieren, suchen viele Kleinbetriebe in der Region Wege, um trotz Schliessungsbefehl ihr Geschäft am Laufen zu halten. Dabei geht es meist eher darum, den Kontakt zu den Kunden aufrecht zu halten oder – insbesondere bei Blumenläden – die Ware nicht verderben zu lassen.

Denn Umsatz lässt sich auch mit kreativen Ideen nur sehr beschränkt machen. Egal ob Sportgeschäft, Blumen- oder Spielwarenladen, die befragten Unternehmen rund um den Zürichsee sind sich einig: Die Einnahmen, die sie mit Lieferservice oder Selbstbedienungsangebot generieren, sind nur «ein Tropfen auf den heissen Stein».

«Es geht uns auch darum, die Kunden zu behalten und dass nicht alle zum Onlinehandel abwandern und dort bleiben», sagt etwa Marion Beier vom gleichnamigen Spielwarengeschäft in Horgen. Das Dorf brauche die Detailhändler mit ihrer fachlich kompetenten Beratung und diese bräuchten die Kunden zum Überleben.

Gewerbe tut sich zusammen

Beier ist daher rund um die Uhr erreichbar, liefert Bestellungen gratis nach Hause oder vereinbart mit Kunden Abholtermine, zu denen sie die Ware mit einer Rechnung bereitstellt. Trotzdem, der Umsatz sei minim. «Keine zehn Prozent von normalen Zeiten», sagt Beier. Und das, obwohl Spielwaren in der aktuellen Situation gefragt sein könnten. «Es ist doch gerade jetzt wichtig, da die Kinder zu Hause bleiben und auch dort beschäftigt werden müssen, entsprechendes Spiel- und Lernmaterial zur Verfügung zu stellen», sagt die Spielwarenverkäuferin.

«Viele Leute sind dankbar für das Angebot. Etwa ein Vater, der für die Heirat des Sohnes verzweifelt nach einem Brautstrauss suchte.»

Beatrice Feldmann, Nydegger Rosen Erlenbach

Trotz allem bleibt Beier positiv: Jetzt müsse sich ja jeder erst mal mit der neuen Situation arrangieren. Ausserdem wolle sich das lokale Gewerbe zusammen tun: In Vorbereitung sei ein gemeinsamer Lieferservice mit anderen Detaillisten von Oberrieden bis Wädenswil, koordiniert durch den Handwerks- und Gewerbeverein Horgen.

Auf Heimlieferung setzt man auch am anderen Seeufer, beim Spielwarenladen Prinzli in Stäfa. Das Prinzli-Team sei jederzeit per Telefon und Email erreichbar und nehme gerne Bestellungen entgegen, heisst es auf der Website. Ausserdem ist das Geschäft dabei, einen Webshop aufzubauen.

Kunden mit Chat abholen

Online ihre Kunden abzuholen, versuchen auch Sportgeschäfte, wie Sport Birrer in Küsnacht oder Tempo Sport in Horgen. Bei Letzterem wird der Kunde auf der Homepage von einer Chatnachricht begrüsst: «Haben Sie eine Frage? Möchten Sie etwas bestellen?», wird der Websitebesucher sogleich gefragt. Wie Geschäftsführer Marcel Kamm sagt, wurde die online-Dialogmöglichkeit diese Woche eingerichtet, um den Kontakt mit möglichen Kunden einfacher zu gestalten. «Sie hat aber noch einige Kinderkrankheiten», erzählt er lachend. Zum Beispiel sei in seiner App auch schon um Mitternacht eine Chatnachricht aufgepoppt. Inzwischen habe er aber «Off Stunden» einrichten können.

Doch trotz aller technischen Bemühungen, die Situation bleibt auch für den Sportartikelhändler sehr schwierig. «Wir verkaufen mehrheitlich beratungsintensive Produkte wie Fahrräder, Laufschuhe oder Neoprenanzüge, da braucht es eigentlich ein An- oder Ausprobieren», sagt Kamm. Der Online-Verkauf sei deshalb kaum eine Lösung, und der Umsatz zu nahezu 100 Prozent eingebrochen. Dies, auch wenn die Werkstatt weiterhin offen ist. Besonders unglücklich für das Triathlon-Fachgeschäft: März bis Mai wären normalerweise die umsatzstärksten Monate. Mit der Absage aller grossen Sportwettkämpfe sei die Nachfrage aber zusätzlich eingebrochen. Kurzarbeit hat Kamm bereits am Montag beantragt, doch wie es diesbezüglich weitergehe, wisse er noch nicht. Die Situation überstehen will das Inhaberteam mit Lohnverzicht und einem Bankkredit.

«Besser als wegwerfen»

Denkbar ungünstig ist der Zeitpunkt auch für Blumengeschäfte und Gärtnereien: Sie hätten momentan Hochsaison, die Blumen sind eingekauft oder hochgezogen und können nicht aufbewahrt werden. Lieferservice ist daher auch bei ihnen hoch im Kurs. Einige helfen sich auch mit Selbstbedienungsangeboten, wie etwa die Gärtnerei Zum Glück in Männedorf, die Gärtnerei Karrer in Küsnacht oder der Rosenproduzent Nydegger in Erlenbach. Doch damit setzen sie nur einen sehr geringen Anteil ihres Angebots ab.

«Wir kultivieren die Rosen selber und diese sind jetzt alle verkaufsbereit», sagt Beatrice Feldmann, Geschäftsführerin von Nydegger Rosen. Ihre Rosen werden in Portugal gezüchtet und alle zwei Tage nach Erlenbach und Egg angeliefert. «Nun haben wir gerade dem Alterszentrum Platten in Meilen ein paar Dutzend Sträusse geschenkt. Das ist besser als Wegwerfen», sagt Feldmann. Gerade jetzt, wenn die Altersheimbewohner keine Besucher mehr empfangen dürfen, gäben die Rosen den Bewohnern vielleicht einen kleinen Lichtblick, meint sie.

Der Familienbetrieb hat kurzerhand seinen Marktbus zu einem Selbstbedienungsstand vor dem Geschäft in Erlenbach umfunktioniert. Dort werden Bestellungen deponiert und ein Angebot für Spontankäufe steht bereit. Die Bezahlung muss bis jetzt noch bar erfolgen.

Polizei schaute vorbei

Dank dem Stand hat Feldmann bereits einige rührende Geschichten erlebt: «Da war ein Vater, der für die Heirat des Sohnes verzweifelt nach einem Brautstrauss suchte. Oder eine ältere Dame, die zum Todestag ihres Gatten einen Rosenstrauss für das Grab kaufen wollte.» Viele Leute seien extrem dankbar, dass sie trotzdem noch die Möglichkeit haben, Blumen einzukaufen.

Dass einige Unternehmen solche kreative Wege gehen, ruft aber auch Neider auf den Plan. Weil diese die Polizei gerufen hätten, wurde der Rosenstand genau inspiziert. «Doch wir halten alle Vorgaben ein», sagt Feldmann. «Wir haben Plakate mit den Hygieneregeln aufgehängt und Linien für den Abstand eingezeichnet.»

Damit immerhin dieser kleine Absatzzweig weiterlaufen kann, hofft sie, dass nicht bald noch die komplette Ausgangssperre verhängt wird. «Dann wäre es auch mit der Selbstbedienung vorbei.»

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