Stäfa

Sie wollen viel und tun nichts

Ueli Bichsel gilt als poetischer Geschichtenerzähler und anarchistischer Komiker, Silvana Gargiulo ist die Tragikomik in Person. In «Nichtsnutz» zeigt das Clownduo, was es drauf hat, auch wenn bisweilen gar nichts passiert auf der Bühne.

Im Käfig verschanzt: Die Clowns Ueli Bichsel und Silvana Gargiulo wähnen sich darin zwar in Sicherheit, sehnen sich aber auch immer stärker nach der  vergangenen Freiheit.

Im Käfig verschanzt: Die Clowns Ueli Bichsel und Silvana Gargiulo wähnen sich darin zwar in Sicherheit, sehnen sich aber auch immer stärker nach der vergangenen Freiheit. Bild: Michael Trost

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Er erzählt viel und sie nickt dann das Gesagte ab. Die Rollenverteilung stimmt, denn Ueli Bichsel spricht Mundart und Silvana Gargiulo, in Neapel geboren, kann zwar etwas Deutsch, doch im Verlauf des Abends wird sie immer öfter ins Italienische wechseln, das dann nur so aus ihr heraussprudelt.

Vorerst hocken die beiden langjährigen Bühnenpartner mit ihren roten Nasen in einem Waschzuber. So beginnt ihr neuestes Clownstück «Nichtsnutz», mit dem sie am Freitag im Rössli in Stäfa aufgetreten sind. Ihr Gefährt steuern sie mithilfe von Pedalen selber und gleiten darin auf der Bühne hin und her. Beide tragen ein eng anliegendes weisses Outfit. Darüber trägt er eine lange schwarze Jacke und Zylinderhut, was ihm zu einer eleganten Erscheinung verhilft. Sie hingegen kommt burschikos daher, ist eingepackt in eine Art Regenmantel und versteckt ihr Gesicht hinter einer klobigen Fliegerbrille, den aufgespannten Schirm an die Schulter lehnend.

Ratlos und stumm

Sollen sie ihre bequeme Sitzlage verlassen und aufstehen? Er macht ihr des Langen und des Breiten klar, dass er wenig Lust verspürt, die mit Knall von der Bühnendecke heruntergefallene «Botschaft» aufzuheben und zu lesen. Sie findet das «logisch», nickt zustimmend und macht ebenso wenig Anstalten, das «Boot» zu verlassen. Das geht eine Weile so, dazwischen schauen die beiden mit ratlosem Blick und stumm ins Publikum.

Das werden sie im Verlauf ihres Auftritts immer wieder tun, nicht sprechen, nicht agieren und nur schauen. Man muss schon sagen, sie haben Mut, diese lange Sekunden dauernde Stille auszuhalten und auch dem Publikum zuzumuten. Doch gerade in diesen Momenten, wo vermeintlich nichts passiert, nimmt einen die Mimik von Bichsel und Gargiulo gefangen. Mal ist sein Ausdruck abgeklärt und cool, mal ahnungslos und verstörend. Sie hingegen, nachdem sie sich endlich die überdimensionierte Brille abgestreift hat, verdreht die kugelrunden Augen, verzieht das Gesicht zu Grimassen und mimt dabei eine Unbeholfenheit, dass man unweigerlich in Lachen ausbricht.

«Schöner Moment»

Inzwischen haben sich die Clownfiguren vor den Augen des Publikums aus Gitterteilen einen Käfig zusammengestellt. Dies unter Anleitung ebenjener Botschaft – der Clown konnte schliesslich nicht widerstehen, sie zu lesen. Die beiden haben sich im Käfig verschanzt, das kleine Tor verriegelt und wähnen sich in Sicherheit vor all den Gefahren und dem Stress und Chaos da draussen. Und wieder hocken sie frontal zum Publikum und sinnieren über die alltäglichen Irren und Wirren des Lebens, denen sie nun entflohen sind. Immer wieder stellt die Clownin fest: «Schöner Moment», und es scheint, als würde sie es mit Wehmut und Bedauern aussprechen, so gefangen hinter Gittern sitzend. Und es ist an ihm, diesmal traurig zu nicken.

Mit einer Leichtigkeit balancieren sie in der Folge auf dem Grat zwischen Tragik und Komik. Man ist hin- und hergerissen zwischen herzhaftem Lachen und beklemmender Nachdenklichkeit. Es ist Silvana Gargiulos Moment: Das italienische Temperament dringt durch, als sie sich eloquent an einstige Essgelage mit Spaghetti carbonara, Lasagne und gegrilltem Poulet erinnert und ihr das Wasser im Munde zusammenläuft. Das alles garniert sie mit lebhafter Gestik, sodass man sich unweigerlich an den Abend im Februar in Küsnacht erinnert, wo sie mit Nina Dimitri in der Chrottegrotte aufgetreten ist, damals auch vom italienischen Essen schwärmend.

Nicht mehr aufhören

Singend endet der Clown-Abend in Stäfa. Ueli Bichsel und Silvana Gargiulo stimmen das «Ei, ei, ei, Paloma» an und können nicht mehr aufhören, immer verzweifelter klammern sie sich an den Refrain. Man spürt, sie sind zwar in ihrem Gefängnis sicher aufgehoben, sehnen sich aber nach der vergangenen Freiheit, wo sie noch tun konnten, was sie wollten. (Zürichsee-Zeitung)

Erstellt: 08.10.2018, 08:56 Uhr

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